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Aug 'um Aug', Zahn um Zahn

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Strafe aus Rache oder als Vergeltung? Alttestamentarische Rechtspraxis und modernes Rechtsempfinden scheiden sich noch immer am biblischen Vergeltungsprinzip.

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Strafe aus Rache oder als Vergeltung? Alttestamentarische Rechtspraxis und modernes Rechtsempfinden scheiden sich noch immer am biblischen Vergeltungsprinzip.

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Die Vergeltung nach dem Prinzip „Aug“ um Aug'...“ gilt nicht selten als Ausdruck eines im Hinblick auf die christliche Ethik überholten alttestamentlichen Prinzips, von dem überdies behauptet wird, daß es eine auch heute noch für Juden typische Rachegesinnung ausdrücke. Dieses negative Urteil basiert leider auf dem durch Informationsmangel begründeten Irrtum, das Talions-Gesetz (talio=Vergeltung), wie es die Juden und Christen gemeinsame Bibel enthält, fordere zu gnadenloser Rache auf. Von daher kommt es zu einer Polarisierung jüdischer und christlicher Ethik, und den darauf gründenden Vorurteilen.

Es ist daher sicher angebracht, zu fragen, welchen Sinn dieses Ta-lions-Gesetz historisch gesehen überhaupt hat. Damit läßt sich vermeiden, daß ein biblischer Wortlaut zum unbedacht verwendeten Schlagwort und implizit zum Vehikel von Vorurteilen wird.

Im Dritten Buch Mose heißt es: „Wer seinem Nächsten einen Leibschaden zufügt, dem soll man tun, wie er getan hat: Bruch um Bruch, Aug“ um Aug', Zahn um Zahn! Derselbe Leibsehaden, den er einem andern zugefügt hat, soll ihm zugefügt werden.“ (Leviticus 24,19f vergleiche Exodus 21,24)

Der im Neuen Testament bewanderte Christ wird sich sogleich an das Jesuswort erinnern: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: .Aug“ um Aug', Zahn um Zahn'. Ich aber sage euch: Widersteht dem Bösen nicht, sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin...“ (Matthäus 5,38f).

Der Widerspruch ist insofern ein scheinbarer, als beide Aussagen unter je verschiedenen Umständen zu verwirklichen sind. Um es abzukürzen: Es hat nie eine christlich bestimmte äußere Rechtsordnung gegeben, die das Wort aus der Bergpredigt hätte verwirklichen können. Das altte-stamentliche Talionsprinzip ist nun aber gerade Maxime für das

Vergeltungsausmaß in einer solchen äußeren Rechtsordnung und steht daher nicht im Gegensatz zu dem angeführten Jesuswort.

Es ist keine billige Verteidigung des Alten Testaments, wenn man auch noch darauf hinweist, daß die uns heute oft schockierende Talionsformel eigentlich eine wohltuende Modifikation eines nur allzuleicht von blindem Rachedenken bestimmten Strafausmaßes bedeutet Mit dem Aug'-um-Aug'-Prinzip wird eine Vergeltungs-Haltung abgelehnt, wie sie von der Bibel dem Kain-Nach-kommen Lamech zugeschrieben wird, der sich mit den Worten brüstet: „Einen Mann erschlug ich für meine Wunde, einen Jüngling für meine Strieme.“ (Genesis 4,23)

Dem Talionsgesetz geht es demgegenüber nicht um rachsüchtiges Zurückschlagen, sondern um die Wiederherstellung der durch die Straftat verletzten Ordnung. Nach biblischem Verständnis schließt das nicht zuletzt auch die Wiederherstellung der von Gott gewollten gerechten Ordnung ein. Das drückt etwa Paulus im Römerbrief 13,3 aus, wo die Obrigkeit als „Dienerin Gottes und Rächerin zum Zorn für den, der Böses tut“, erscheint.

Es kann kein Zweifel sein, daß im Laufe der jüdischen und christlichen Rechts-Geschichte das Talions-Gesetz den Zweck von Sühne und Strafe in der menschlichen Gesellschaft bestimmte. Das Talions-Gesetz ist in allen unseren Rechtsordnungen dem Prinzip nach wirksam gewesen und in einem gewissen Sinn auch geblieben. Der Wert dieses biblischen Talions-Geset-zes ist an dem zu messen, was es zu seiner Zeit bewirken wollte und auf lange Sicht auch bewirkt hat, nämlich die Uberwindung des Rache-, nicht aber des Vergeltungs(-gedankens im Bereich der äußeren Rechtsordnung.

Die reale Durchführung von Strafmaßnahmen nach dem biblischen Wortlaut des Talions-Gesetzes (Aug um Aug'!) erwies sich als kaum durchführbar. So bemerkte etwa der bekannte mittelalterliche jüdische Bibelausleger Raschi (1040 bis 1105), daß man das Talions-Gesetz nicht wörtlich anzuwenden habe, sondern eine entsprechende Kompensation zu fordern sei. Der dabei geltende Maßstab bedingte schon in biblischer Zeit die Forderung, daß ein Herr seinen Sklaven freizulassen habe, wenn er ihm ein Auge ausgeschlagen hat.

Hinter der auf den ersten Blick völlig atavistisch anmutenden Talions-Formel steht also nichts Geringeres als das Prinzip der Unantastbarkeit der menschlichen Person. Wenn es auch paradox klingen mag, so wird man die goldene Regel „Was du nicht willst, daß man dir tut...“, die nach den Worten des zwischen 30 vor Christus und 10 nach Christus lebenden Rabbi Hillel der Inbegriff der ganzen Tora ist, als die Umkehrung des Talions-Gesetzes ansehen können.

Insgesamt ist das Talions-Prin-zip im jüdischen und christlichen Rechtsempfinden tief verankert. Keiner Zeit war die damit verbundene Problematik freilich bewußter als der unsrigen, so daß der Sinn der Strafe als Vergeltung heute in der breiten Öffentlichkeit stark diskutiert wird. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, daß es ein Anachronismus wäre, die biblische Sichtweise von einem neuzeitlichen Erkenntnisstand her zu beurteilen.

Wenn anderseits auch im historischen Kontext das Talionsgesetz für modernes Denken begreiflicher wird, ändert das wieder nichts an dem Umstand, daß diese antike biblische Sicht des Strafzweckes einen Gegensatz zu der neuzeitlichen Forderung nach Ersatz der Strafe durch Resoziali-sierungsmaßnahmen bildet.

Wie immer nun jemand zu dieser Forderung steht, eines gilt ganz sicher, daß es historisch gesehen unzutreffend ist, das Talions-Gesetz mit einem blinden Rachegedanken zu identifizieren. Wer einen solchen vertritt, tut das aus menschlicher Unzulänglichkeit, kann sich dabei aber nicht auf die jüdisch-christliche Tradition berufen.

Der Autor ist Professor für Judaistik an der Universität Wien.

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