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Aus Steinewerfern wurden brutale Terrorkommandos

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Als vor rund 42 Monaten die Intifada begann, nannte sie PLO-Chef Arafat „die Revolution der Steine und Kinder". Inzwischen richtet sich der Kampf radikaler Intifada-Gruppen gegen die eigenen Leute. Selbsternannte Todesschwadronen terrorisieren die besetzten Gebiete.

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Als vor rund 42 Monaten die Intifada begann, nannte sie PLO-Chef Arafat „die Revolution der Steine und Kinder". Inzwischen richtet sich der Kampf radikaler Intifada-Gruppen gegen die eigenen Leute. Selbsternannte Todesschwadronen terrorisieren die besetzten Gebiete.

In Nablus wurde ein Juwelenladen am hellichten Tag ausgeraubt. Der 16jährige Sohn des Ladenbesitzers versuchte die Räuber zu vertreiben, erhielt jedoch zwei Messerstiche. Er schrie vor Schmerz und Angst. Die Passanten wurden aufmerksam, die Räuber flüchteten, die Menge hinter ihnen her. Nach zwei Kilometern wurden sie gefaßt und den „Schockkommandos" (Todesschwadronen) der PLO übergeben.

Zwei Tage später, es war Ende vergangener Woche, wurden die beiden an das Tor der Kasba, der alten Innenstadt, gefesselt und öffentlich von zwei Vermummten ausgepeitscht. Jeder erhielt 50 Peitschenhiebe. Dem Messerstecher wurde eine Hand gebrochen. Es sollte eine Lehre für die Zukunft sein. Die um den „Hinrichtungsplatz" versammelte Menge schrie begeistert: „Es lebe die Fatach, es lebe die PLO" (Fatach ist die größte Terrororganisation innerhalb der PLO).

Einige Tage zuvor gab es in der Stadt Nablus einen Streik gegen die Schießereien, die zwischen den Fundamentalisten (Chamas) und den PLO-Organisationen ausgetragen wuden. Bei der letzten Schießerei gab es zwei Schwerverletzte und einige leicht Verwundete. Man hat die Nase von den Revolver- und Dolchhelden längst voll. Keiner weiß, wann diese erscheinen. Ein Verdacht genügt. Und dann: Gnade Allah.

Als vor 42 Monaten die Intifada begann, nannte sie PLO-Chef Jasser Arafat. „Die Revolution der Steine und Kinder, die den Palästinenserstaat in Reichweite eines Steinwurfes brachte." Langsam jedoch wurde die Intifada (Volksaufstand) zu einer Bürde, die Tag für Tag schwerer wird. Die Öffnungszeiten der Geschäfte wurden auf drei Stunden festgelegt und wehe dem, der es wagte, seinen Laden vier oder fünf Stunden offen zu halten. Die „Schockkommandos" wurden eingesetzt. Am ersten Tag zerbrachen sie alle Fensterscheiben und zündeten ein kleines Feuer vor der Ladentüre an. Wer jedoch nicht begriff, dessen Laden wurde abgebrannt. Die Begründung war überall gleich: „Eine Lehre für die Zukunft."

Inzwischen wurden auch alle arabischen Polizisten angehalten, ihren Dienst zu liquidieren. Wer dieser Order nicht sofort nachkam, riskierte ein anonymes Volksgericht, das ihn zum Tode verurteilte. Innerhalb eines Tages kamen Vermummte in sein Haus, baten ihn, sich herauszubegeben. Er wurde meist an Ort und Stelle mit Holzäxten und Messer zu Tode gemartert.

Die israelischen Militärbehörden haben zwar einige Polizeistationen mit israelischen Polizisten eingerichtet, doch sind diese völlig machtos. Die Herrschaft in den arabischen besetzten Gebieten ist in Händen der Vermummten, der Schockkommandos, die man dank des um das Gesicht gebundenen Kopftuchs nicht erkennen kann. Als immer mehr Mitglieder dieserTodesschwadrone vom israelischen Geheimdienst festgenommen wurden, kamen die jungen Mitglieder der PLO-Ordnungsmachtzum Schluß: Unter uns gibt es Denunzianten. Man begann, sie zu suchen. Und wer sucht, der findet. Das erste Opfer der Schockbrigaden war ein Polizist, dessen Fall nach seiner Hinrichtung in Flugblättern kommentiert wurde. Heute ist es schon lange nicht mehr so, denn in 42 Monaten Intifada wurden offiziell 451 als Denunzianten hingerichtet,weitere 25 wegen anderer Vergehen.

Nun hat die Bevölkerung, die heute von den jugendlichen Todesschwadronen terrorisiert wird, genug. Jeder der aufbegehrt, läuft Gefahr, als Verräter oder Denunziant umgebracht zu werden. Eine Berufung gegen die Todesurteile der sogenannten Feldgerichte, deren Richter auch anonym bleiben, gibt es nicht. Allerdings gibt es auch offizielle Irrtümer. Dann werden die Ermordeten nachträglich als Schahib, Helden der Revolution ausgerufen.

Diese Situation wurde auch von Sadisten gewahrt, die bei der Hinrichtung ihren perversen Hirngespinsten freien Lauf lassen. Man begnügte sich nicht mehr mit Verrätern. So wurden Zuhälter, Drogensüchtige, Huren, Diebe und Einbrecher „aus moralischen Gründen" und wegen eines schlechten Lebenslaufs zu Opfern der PLO-Häscher in den besetzten Gebieten.

Endlich kam es kürzlich zu einer Palastrevolution innerhalb der PLO-Leitung der Intifada. Die inoffizielle Führung der Intifada forderte eine sofortige Einstellung der Tätigkeit der selbsternannten Todesschwadronen. Feisal el Husseini, das ungekrönte Oberhaupt der Palästinenser der besetzten Gebiete, sagte dazu: „Statt für Freiheit, kämpfen sie gegen das eigene Volk." Ein anderer trat sogar im israelischen Femsehen offen gegen diese Methode der Todesurteile auf. In der arabischen Presse forderten Hanna Seniora und andere ein völlig neues Konzept der Intifada.

Die Jugendlichen der Schockkommandos haben sich in der Zwischenzeit selbständig gemacht und erkennen nicht mehr die Autorität der PLO-Leitung an, nachdem heute auch die Fundamental isten immer mehr erstarken. Sogar in der heiligen Moschee in Gaza, die bisher als Zufluchtsort für alle Todgeweihten galt, sogar dort wurde ein vermeintlicher Denunziant, vergangene Woche während des Gebets umgebracht. Die bisherige traurige Bilanz, 476 Tote und über 1.000

Verwundete, meist schwer. Sie sind Opfer der eigenen Leute. Jasser Arafat in einen Aufruf an diese Kommandos: „Liebe Kinder, habet Erbarmen mit euren Mitmenschen. Viele sind unschuldig, viele haben nur geirrt, und nur wenige sind Denunzianten und Verräter." Inzwischen jedoch machen diese Todeskommandos weiter. Wer weiß, vielleicht muß nun auch einer der Führer, der gegen sie wetterte, mit dem Tod rechnen.

Als dieser Tage im Wochenmagazin des israelischen Femsehens eine Reportage über israelische Soldaten, die in den besetzten Gebieten als Vermummte der PLO-Todesschwa-drone, als arabischen Straßenhänd-lem, als alte Männer Verkleidete und in vielen anderen Aufmachungen erschienen, waren die meisten Zuschauer vor den Kopf gestoßen. Israels Geheimnis wurde preisgegeben. Von einem Versehen konnte hier nicht die Rede sein.

Diese Einheit, als Palästinenser verkleidete Soldaten, besteht bereits fast seit Beginn der Intifada. Nur so konnte man dem Gegner näherkommen und ausfindig machen, was er im Schilde führt.

Inzwischen nahm der Einfluß der palästinensischen Todes-Kommandos zu. Sie richteten ihre Pfeile hauptsächlich gegen die wirklichen und zumeist vermeintlichen Verräter, sowie gegen Personen mit angeblich unmoralischem Verhalten. In vielen Dörfern haben nur diese Todesschwadronen, der 15- bis 25jährigen das Sagen. Sie bestimmen, wer zur Arbeit gehen darf, wieviele Stunden die Läden geöffnet bleiben dürfen und vieles mehr.

Israels Armee suchte einen Weg, um diese Kommandos zu bekämpfen, ohne gezwungen zu sein, große Einheiten einzusetzen. Die getarnten Israelis waren die Antwort. Es handelt sich um Elite-Kämpfer, die arabisch sprechen, im Nahkampf ausgebildet wurden, Karate-Unterricht erhielten und lernten, einen Revolver blitzschnell zu ziehen. So zeigte man im Femsehen, wie zwei Vermummte sich mit einem dritten Vermummten unterhielten, plötzlich ihre Masken abstreiften, den Revolver zogen und den völlig Verblüfften festnahmen. Jeder Ausgang wird genau geplant.

In Tulkarem waren es zwei Gemüsehändler aus der Umgebung. In Dschenin waren es Straßenhändler mit gebrauchten Kleidern aus Israel.

„Wir erkennen sie alle", sagte der Führer der Fatach vom Gazastreifen einigen Auslandsjournalisten. „Jeder kennt jeden, und jeder Fremde ist verdächtig." Trotzdem haben Israels vermummte Soldaten viele Erfolge zu verzeichnen. So war zum Beispiel das Dorf Beth Furik als eines der Bollwerke der PLO bekannt. Es befindet sich auf einem Berg östlich von Nablus und nur ein schmaler Weg führt dorthin. Am Eingang standen Posten der Fatach und ließen keine Unbefugten herein. Jede Militärpatrouille, die ankam, wurde mit Steinen und Eisenstangen angegriffen, und es gab hier immer wieder Tote. Eines Tages fuhr ein blauer kleiner Transportwagen mit einer Nummer aus Nablus ins Dorf herein. Er war mit einem großen Käfig mit Hühnern beladen. Daneben saßen zwei Frauen mit Kindern auf ihrem Schoß und zwei alte Männer. Die Wachposten ließen das Auto passieren, nachdem sie sich überzeugten, daß die Mitreisenden harmlos waren. Das Auto fuhr zur Poliklinik des Dorfes. Plötzlich legten die Vier die Verkleidung ab, nahmen den Wachsoldaten fest, rannten mit gezogenen Revolvern in die Poliklinik herein und nahmen die Kommandanten der PLO-Einheiten, die dort eine Sitzung abhielten, gefangen.

Warum wurde dieses Geheimnis gelüftet? Generalstabschef Ehud Barak gab seine persönliche Einwilligung dazu und viele seiner Generäle stimmten dafür. Trotzdem sind mehrere Generäle und Politiker dagegen. Sie behaupten, man würde dem Feind zeigen, welche Mittel man zu seiner Bekämpfung anwendet. Generalstabschef Barak hingegen: „Wir wollen Verwirrung bei den Schockkommandos stiften, damit sie unsicher und verängstigt werden."

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