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Digital In Arbeit

Babylonische Datenverwirrung

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Die Computerindustrie steckt in der Krise. Die Ge- winne schrumpfen, überpro- portionales Umsatzwachs- tum ist vorbei. Selbst Kün- digung ist in dieser renom- mierten Branche heute kein Fremdwort mehr.

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Die Computerindustrie steckt in der Krise. Die Ge- winne schrumpfen, überpro- portionales Umsatzwachs- tum ist vorbei. Selbst Kün- digung ist in dieser renom- mierten Branche heute kein Fremdwort mehr.

Die Schlagzeilen in den Medien signalisieren Pessimismus für die Zukunft der Computerindustrie. So finden sich in der Fachzeitung „Computerwoche" Schlagzeilen wie „Europas Computerindustrie kurz vor dem Ausverkauf", wo unter anderem vom Einstieg des Japa- ners Fuj itsu beim Europäer ICL be- richtet wird. Dem „Wall Street Journal" zufolge plant auch IBM Maßnahmen zur Reorganisation der Europa-Zentrale in Paris mit dem Ziel, die Bürokratie abzubauen, was auch die Einsparung von Arbeits- plätzen nach sich zieht. Das Büro- kratie-Phänomen trifft nicht nur IBM, sondern auch viele andere namhafte Anbieter. In den „golde- nen Jahren" des Computerverkaufs wurden Jahr für Jahr sehr viele neue Mitarbeiter eingestellt. In den Zentralen sowie auch Management- ebenen haben sich zum Teil teure und wenig produktive Overheads gebildet. Ihnen geht es jetzt an den Kragen. IBM ist ein Marktindika- tor: Wenn Big Blue Kratzer zeigt, wirkt sich das auf andere Herstel- ler besonders stark aus. Technologisch befindet sich der

EDV-Markt im Umbruch. Der Ruf nach Industriestandards wird immer lauter. Das Know-how, das die Hersteller auf bislang hausei- gen entwickelten Betriebssystemen geschaffen haben, läßt sich wohl nicht so einfach und kurzfristig auf Industriestandards übertragen.

Der Anwender ist technologisch besser informiert als vor zehn Jah- ren. Das führt zu einer Verände- rung des Investitions-Verhaltens. Der Preisdruck auf die Hersteller wird stärker und die Gewinnspan- nen werden kleiner.

Das Computerimperium ist ins Wanken geraten. Nicht nur bei den Computerfabrikanten, sondern auch bei den Anwendern. EDV- Abteilungen - auch Rechenzentren

genannt - stehen längst im Kreuz- feuer der Kritik: Läßt sich doch der Endbenutzer nicht mehr ohne wei- teres mit dem abspeisen, was zen- trale EDV-Abteilungen an Compu- tereinsatz verordnen. Sind Fachvor- stände, die bislang wenig mit dem Computer zu tun hatten, in zuneh- mendem Maße mit den hohen Inve- stitionskosten nicht mehr glücklich.

Eine Perestrojka muß her. Die Anwender, das gilt für Große, Mitt- lere und Kleine, müssen ihr Augen- merk weg von der Computerarchi- tektur hin zur Organisationsarchi- tektur ihres Unternehmens wenden.

Hier läßt sich der Bau eines Hau- ses mit dem Entwickeln einer Infor- mationsverarbeitungslösung ver- gleichen.

Der Informationsarchitekt fehlt in den meisten Unternehmen. Man könnte ihn auch Informationsma- nager nennen, der sich weniger um Hard- und Softwarebausteine küm- mert, sondern mehr um das Infor- mationskonzept des Unternehmens.

Wenn manche Unternehmen auf ein Problem in der Informations- verarbeitung stoßen, wird zunächst nach einer geeigneten Computer Hard- und Software gesucht. Viel zu häufig passiert es, daß erst über die Lösung nachgedacht wird, wenn der Computer gekauft ist. Würde man beim Hausbau so vorgehen, dann besorgt der Bauherr zunächst Steine und Baustoffe, und anschlie- ßend schaut er, wie er damit sein Haus bauen kann.

Doch tatsächlich, die Computerei funktionierte bislang vom Compu- terdenken ausgehend - warum heu- te nicht mehr?

In den Anfängen der Computer- technik gab es klar vorf ormulierba- re EDV-Modelle, deren Abläufe strukturiert waren. Hierzu zählen zum Beispiel die Finanzbuchhal- tung, Kostenrechnung und so ziem- lich die meisten Bereiche der Da- tenverarbeitung. Daten sind klar strukturierbare Informationen.

Im Laufe der Entwicklung erkann- te man jedoch zunehmend die Be- deutung anderer Informationsarten. Schon allein deshalb, weil ein Vor- gang nicht nur aus Daten besteht, und Daten alleine noch nicht ur- teilsfähig machen.

Zur Information gehören ebenso Text, Grafik, Bilder und Sprache. Nur - diese Informationsarten sind schwer strukturierbar. Ihre Organi- sation ist nicht mehr mit der her- kömmlichen Art von Computerein- satz in den Griff zu bekommen, ohne Vorgänge und ihre logischen Abläu-

fe auseinanderzureißen.

Dieses Zerreißen kann auf Dau- er negative Folgen im Hinblick auf die Wettbewerbs- und somit Über- lebensfähigkeit eines Unterneh- mens nach sich ziehen. Informa- tionen sind nicht dort verfügbar, wo sie hingehören. Vorstände wie Marketingbereiche, die Umschlag- plätze von Informationen, sind heute schon unterversorgt. Darü- ber hinaus führt technokratisches Denken zu einer Überfütterung des Großrechners mit Daten und damit zur Forcierung der Informations- flut und des Kostendruckes.

Vernetztes Denken ist angesagt! Ein Informationsmanager muß mehr über die Informations- und Organisationsstruktur seines Un- ternehmens wissen als über Hard- und Softwarebausteine. Eine Or- ganisationsstruktur mit all ihren Abläufen ist mehr als ein starres Organigramm. Sie ist ein vitales Wirkungsgef üge, dessen Verhalten einem lebenden Organismus ähn- lich ist. Jeder Vorgang, Arbeits- platz, Bereich et cetera hängt mit anderen zusammen, und sie wir- ken aufeinander. Dieses Zusam- menspiel beeinflußt die qualitati- ven wie quantitativen Ergebnisse aller unternehmerischen Bemü- hungen. Eine Informationsverar- beitungsarchitektur muß die Un- ternehmensdynamik berücksichti- gen, um strategisch erfolgreich und ohne negative Folgen zu funktio- nieren.

Damit die Dynamik eines Un- ternehmens berücksichtigt werden kann, muß sie erfaß- und visuali- sierbar sein. Es existieren auf der Basis abgewandelter sogenannter PERT- und PETRI-Netzplanme- thoden bereits Werkzeuge, die es erlauben, ein Unternehmen als Wirkungsgefüge abzubilden. Durch die Beantwortung einfacher, aber wesentlicher Fragen läßt sich schrittweise das Unternehmensge- füge veranschaulichen. Solche Fra-

gen könnten sein:

Welche Voraussetzungen benö- tigt ein Vorgang, Arbeitsplatz et cetera um arbeiten zu können? Wer liefert diese Voraussetzungen, wo kommen sie her? Welche Ergebnis- se liefert der betrachtete Vorgang, Arbeitsplatz, Bereich et cetera? Für wen sind diese Ergebnisse wieder- um Voraussetzung, um arbeitsfä- hig zu sein, wo gehen sie hin?

Durch die konsequente Beant- wortung der Fragen läßt sich be- reits ein Grobnetz des Unterneh- mens entwickeln. Es läßt weitere Verfeinerungen zu, ohne den Blick für den Zusammenhang zu verlie- ren. Auf dieser Basis lassen sich Schwachstellen ermitteln und Lö- sungsansätze erarbeiten. Dann weiß man wo Computerunterstützung nötig ist beziehungsweise welche weiteren Maßnahmen eingeleitet werden müssen, um eine effiziente Informationsverarbeitung zu ge- währleisten.

Hier steht die Informationsver- arbeitung vor einer notwendigen Metamorphose - dem Sprung auf eine andere Denkebene.

Der Autor ist Computerjournalist in Wien.

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