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Bauen nach dem Maß des Menschen

Jedes Bild braucht einen Rahmen, jede Plastik einen Sockel, der sie zur Geltung bringt. Auch Niederösterreichs großartige Baudenkmäler, Stifte, Kirchen und Burgen, besitzen eine solche Fassung: Die große Masse bäuerlicher Architektur, die auch heute noch über weite Strecken das Bild dieses alten Agrarlandes prägt und bestimmt.

Egal, ob es die mächtigen, auf markanten Hügeln stehenden und weit in die Landschaft blickenden Vierkanthöfe sind oder ob es sich um in leichte Senken geduckte Dörfer handelt, immer prägen sie das Bild der Landschaft und drücken ihr ihren Stempel auf. Diese Bauten bäuerlicher Herkunft, die „Naive Architektur" ist es, die gemeinsam mit der Kultivierung der Landschaft durch agrarische Nutzung in jahrtausendelanger Arbeit unsere Kulturlandschaft geformt hat. Was ist nun diese Naive Architektur, woher kommt sie und was kann sie uns heute bedeuten?

Vielfältige Bezeichnungen wurden für diese Volksarchitektur, wie man sie etwas ungenau nennen könnte, schon gewählt, anonyme Architektur, elementare Architektur, Architektur ohne Architekten. Wenn diese Bauten auch in ihrem allerersten Ursprung rationalen Planungen entsprangen, wurden sie in der Folge von den Bauern über Jahrhunderte nach diesen „von oben" vorgegebenen Grundmodellen tradiert.

Diese Bauern waren Bauherren und ausführende Handwerker in einer Person, die aus „angeborenen" Erfahrungen heraus ihre Häuser nicht nur immer, immer wieder neu schufen, sondern auch ständig verbesserten und vervollkommneten. Das Wort „naiv" steht hier also nicht für dumm (womit wir es heute meistens verbinden), sondern für angeboren, natürlich, unbefangen, un-reflektiert

Von der Grundherrschaft wurden während der beiden hochmittelalterlichen Kolonisationsepochen die Grundtypen vorgegeben. Es war das bei den bayrischen Siedlern im Südwesten Niederösterreichs (zum Beispiel im Mostviertel) die Form der Streusiedlung mit dem inmitten seines Grundbesitzes liegenden Einzelgehöft in der alpinen Ausformung (z. B. Dreiseithof) oder in der vollendeten Form des Vierkanters in der Hügellandschaft südlich der Donau. Im Norden und Osten des Landes brachten fränkische Siedler ihren Streckhof mit, der in der Folge zu den großartigen Regelsiedlungen, die zu den Glanzleistungen und Höhepunkten abendländischer Siedlungsplanung zählen, addiert worden ist.

Noch heute bestimmen die grundlegenden kolonisatorischen Leistungen des Hochmittelalters das Siedlungs- und Landschaftsbild Niederösterreichs, wenn auch im Lauf der Jahrhunderte immer wieder einschneidende Veränderungen stattgefunden haben. Ein solcher markanter Umschwung ist das Aufkommen der Zwerchhöfe mit verbreiteter Straßenfront wohl in den reichen Weinbaugegenden, wo in der Zeit der Renaissance im Zusammenhang mit der Entwicklung des Handels eine erste Abkehr vom herkömmlichen Bauernhaus aufgrund einer Spezialisierung in der Bewirtschaftung erfolgte - der Weinverkauf nach Süden wurde attraktiv.

Im Osten Niederösterreichs wiederum wurden durch die Bauernbefreiung im 19. Jahrhundert gewaltige bauliche Veränderungen ausgelöst. Allein die neue Möglichkeit, mit gebrannten Ziegeln — die vorher ein Privileg der Grundherrschaft gewesen sind — zu bauen, ließ eine Unzahl der ursprünglich aus luftgetrockneten Lehmziegeln errichteten, kurzlebigen giebelständigen Gehöfte verschwinden. Ersetzt wurden sie durch die neuen traufständigen Bauernhäuser mit ihren zur Straße gerichteten Dächern, die erstmals so richtig den Einfluß der Stadt, die in dieser Zeit immer stärker aufs Land zu drängen begann, dokumentierten. All diese Veränderungen haben aber niemals die Struktur der Siedlung selbst getroffen, sondern nur das Haus.

Die Vergrößerung der Siedlungen im 19. Jahrhundert konnte noch bescheidenes Wachstum nach innen — durch Parzellierung der Angerflächen und ihre Bebauung — oder ein kontinuierliches, behutsames Weiterwachsen in den Randbereichen bewältigen. Erst die Siedlungstätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat in vielen Fällen die alten Ortskerne derart überfrachtet, daß ihr Erscheinungsbild auf der einen Seite, ihre Funktionstüchtigkeit auf der anderen schwer belastet wurden.

Im ursprünglichen Zustand entsprach das Dorf in seiner vollendeten Form perfekt auch den heutigen funktionellen Anforderungen, in ästhetischer Hinsicht ist es heutigen Planungen weit überlegen. Das Zentrum bildete immer der Anger, der gemeinsame Wirtschafts-(Weide-) und Arbeitsraum des Dorfes. Meist war er—die Siedlungen lagen ja in der Regel windgeschützt in Senken — von einem kleinen Bach durchflössen, der der Versorgung mit Nutzwasser, aber auch der Entsorgung diente. Am Rand dieses Angers standen in geschlossener Reihe, ganz dicht aneinanderge-schmiegt im Weinviertel, etwas lockerer im Waldviertel, die einzelnen Gehöfte. Auch sie waren Typengehöfte, nach gleichem Grundmuster aus gleichem Baumaterial errichtet. Doch so etwas wie die heute so gefürchtete Monotonie entstand niemals, immer konnte jedes Haus auch in einer mehrere Kilometer langen Siedlungszeile seine Individualität wahren. Die Fassaden besaßen so etwas wie eine Familienähnlichkeit, die Zusammengehörigkeit dokumentiert, jedes aber als einzelnes Individuum voll gelten läßt. Hier liegt der große Unterschied zum heutigen Siedlungsbau.

Umgürtet war das alte Dorf an seinen äußeren Rändern von zwei Wirtschaftsstraßen, dem „Hintaus", der in weniger friedlichen Zeiten (etwa bis zum Ende des 18. Jahrhunderts), von einem dichten Kranz von Hecken eingenommen worden war und das Dorf vor Feinden abgeschirmt hatte. Schließlich sollen noch die Wirtschaftsbereiche der Dörfer erwähnt werden, die an den Rückseiten, ähnlich den Fassaden an der Vorderseite, großartige Ensembles bilden. Diese aus dem germanischen Hausbau stammenden Holzständerbauten säumen weite Strecken der Hintauswege und scheinen, aus der Entfernung gesehen, das Dorf wie eine geschlossene Mauer gegen die Fluren abzuschließen.

Schon weiter außerhalb auf freiem Feld liegen in den Weinbaugebieten die Preßhäuser und Kellerviertel, die gerade in letzter Zeit als „Heurige" eine neue Auferstehung feiern. In ihrer kubischen Klarheit und edlen Propor-tionierung entsprechen gerade diese meist freistehenden Bauten

heutigen architektonischen'Idealen.

Diesen Vorbildcharakter der Naiven Architektur müßten auch wir uns zunutze machen und deshalb ihre Erhaltung fördern. Sie soll für kommende Generationen zu einer Schule des Sehens, des Erlebens elementarer Architekturformen werden, die unsere Kinder und Enkel mit den Regeln des Bauens nach dem Maß des Menschen vertraut macht.

Der Autor ist an der Technischen Universität Wien tätig und schrieb das Standardwerk „Naive Architektur in Niederösterreich" und andere Architekturbücher (Verlag des Nie-derösterreichischen Pressehauses).

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