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Begünstigung des Vergewaltigers

1945 1960 1980 2000 2020

Für Moslems zeigen die Genfer „Friedensverhandlungen zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken das Doppelgesicht des „Westens”. „Europas Palästina” hat unabsehbare Folgen für das Verhältnis von Abendland und Morgenland.

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Für Moslems zeigen die Genfer „Friedensverhandlungen zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken das Doppelgesicht des „Westens”. „Europas Palästina” hat unabsehbare Folgen für das Verhältnis von Abendland und Morgenland.

Die Verbitterung in der islamischen Welt ist groß. „Nachdem die Serben 70 Prozent des bosnischen Territoriums eingenommen haben, sollte man meinen, die Aufforderung zum Waffenstillstand käme ihnen gelegen, gibt das ihnen doch eine Verschnaufpause, während derer sie das Gesicht jener Gegenden weiter verändern können, sei es durch Vertreibung der Moslems oder durch Niederreißung aller Hinweise darauf, daß dieses Gebiet einstmals islamisch war.” Das schreibt der Ägypter Fah-mi Huwaidi, einer der bekanntesten arabischen Kommentatoren, in dem von Saudi-Arabien finanzierten „Ash-Sharq Al-Ausat” (Der Mittlere Osten), der zur führenden Tageszeitung der arabischen Welt avanciert ist.

Huwaidi beklagte schon vor Monaten, daß die Serben - „obwohl ihnen dieser Preis” zuteil werde, immer noch mehr begehrten: „Außer Waffenruhe wird ja auch von ihnen nichts weiter verlangt, also kein Abzug aus den von ihnen besetzten Gebieten. Weshalb sollten sie da den Vormarsch und die Bombardierung nicht fortsetzen und weitere Gebiete erwerben, um sich dann schließlich wieder einem Waffenstillstandsbeschluß zu fügen?” Für den Ägypter ist das Gerede von der „bedingungslosen Friedenswahrung” nichts weiter als Parteilichkeit zugunsten des Angreifers und Vergewaltigers. „Zu diesem Zweck internationale Truppen zu entsenden, ohne diesen das Recht auf Selbstverteidigung zu gewähren, ist eine von mehreren Lächerlichkeiten, die die UNO-Truppen zu Touristengruppen werden lassen.”

Fahmi Huwaidi gilt manchen als Islamist, also als Anhänger der neuen Ideologie des Islamismus, die keineswegs immer identisch ist mit der alten Religion des Islam. Allerdings vertritt er eine moderate Linie, sind doch die Blätter, in denen er veröffentlicht, stark anti-iranisch. Immerhin fehlt es bei ihm selten an kritischen Anmerkungen zur Politik der konservativen Golfstaaten. Er ist in deren Presse sozusagen das Salz in der Suppe. Viele Leser sehen deshalb in ihm weniger einen der islamistischen Fanatiker als vielmehr einen betroffenen Moslem, einen aufgeklärten Gläubigen und politisch engagierten Intellektuellen. Das verschafft ihm Gehör.

Und Huwaidis Meinung zu Bosnien wird von den unterschiedlichsten politischen und religiösen Ausrichtungen moslemischer Völker und Gemeinden in aller Welt geteilt. Selten hat es einen solchen Konsens gegeben - ungeachtet der zahllosen Konflikte, die während der letzten Jahre ins Unermeßlich zu steigen schienen. Denken wir nur an die Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Palästina-Problems, das neu aufgebrochene sunnitisch-schiitische Schisma, die iranischsaudische Bipolarität, den persisch-türkischen Ringkampf um die Führungsrolle in den neuen Moslem-Republiken, den afrikanischarabischen Rassenkonflikt und die Kurdenfrage, vor allem aber das Für und Wider Saddam Hussein, das von Malaysia bis Marokko in zahllosen Fällen zum Bruch zwischen Bruder und Schwester, zu Ehekrach und Trennung von Vater und Sohn geführt hat. Über der Frage des Einsatzes von Amerikanern auf der Seite von Arabern gegen Araber -noch dazu in Nachbarschaft der Heiligen Stätten - erfuhr die Welt des Islam eine Spaltung wie noch nie.

Selten erlebte Einhelligkeit

Doch nun erleben wir genau das Gegenteil. Nach der heftigsten aller Zerreißproben gibt es auf einmal eine Plattform, auf der sich alle zusammenfinden in zuvor selten gekannter Einhelligkeit. Seit der Eroberung des dritten islamischen Heiligtums in Jerusalem durch die Israelis 1967 hat man so etwas nicht mehr gekannt. Ob Liberale oder Radikale, Säkulari-sten oder Islamisten, Kommunisten oder Nationalisten, Atheisten oder Khomeinisten, indifferente Intellektuelle oder praktizierende Gläubige, Stadt oder Land - im Hinblick auf Bosnien gibt es keine zwei Meinungen.

Dazu noch einmal Fahmi Huwaidi:,, Die großen Staaten benahmen sich, als ob sie nichts hörten oder sahen. All ihre Bemühungen konzentrierten sich auf drei Punkte: Waffenstillstand und Friedenswahrung; Sicherung der Nahrungsmittellieferungen in die belagerten Städte, und schließlich das Zustandebringen von Verhandlungen zwischen den betroffenen Parteien... Waffenstillstand - oder was auch bedingungslose Friedenswahrung genannt wird - bedeutet bestenfalls nicht mehr, als dem Töten Einhalt zu gebieten und die Dinge auf sich beruhen zu lassen, so wie sie sind. Jede Seite hält ihre Stellung, auch wenn sie die in Folge eines ungerechtfertigten Angriffs besetzt hat.”

Die Islamisten triumphieren

Die Moslems in aller Welt glauben, daß die Mächtigen dieser Welt mit zweierlei Maß messen. Wären die Bosnier nicht Moslems, dann hätten Amerikaner und Europäer dem von den Serben praktizierten Völkermord nicht fast ein Jahr schon tatenlos zugesehen. Dabei hat es erstaunlich lange gedauert, bis es zu heftigen Reaktionen bei den moslemischen Völkern kam. Einige Monate lang war man fassungslos beziehungsweise konnte einfach nicht glauben, daß solch ein mittelalterliches Gemetzel im „tiefsten Europa” stattfindet, als Ferienkolonie fast ein Teil Deutschlands, und manchen noch als österreichische Besitzung in Erinnerung.

Vor allem aber ist der Glaube an Europa erschüttert, zu dem man trotz aller Animositäten doch irgendwie aufblickte. Über George Bush wurde viel gelästert, aber ein wenig nahm man seine „neue Weltordnung” doch ernst - nach dem Wüstensturm. Wenige wären dagegen, vorausgesetzt sie hielte, was sie verspricht. Nun aber hat sich für die moslemische Welt wieder einmal in aller Deutlichkeit herausgestellt, daß „der Westen” eben doch nichts taugt. „Haben wir es nicht immer gesagt?” triumphieren die Islamisten.

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