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Belgrad akzeptiert einzig diesen UN-Geist

1896 fanden auf Initiative von Baron Pierre de Coubertin die ersten Olympischen Spiele neuer Zeitrechnung statt. Seither hat sich viel verändert, und das nicht nur zum Positiven: immer mehr Professionalisierung, Vermarktung, Politisierung.

Die 25. Olympiade der Neuzeit in Barcelona ist aber auch aus noch einem Grund bemerkenswert anders: Zum ersten Mal seit 20 Jahren gibt es keinen Boykott durch irgendeinen Staat mehr, wie das bei Kuba, Äthiopien oder Nord-Korea der Fall war; keine Mannschaft wurde - wie die von Südafrika ab 1960 bis zuletzt - ausgeschlossen. Und kein Einzelsportler wurde da zugelassen.

UN-Generalsekretär Boutros Ghali hat auch ausdrücklich aufgefordert, diese Spiele für Verständigung und Friedensförderung zu nutzen. Davon wird in Barcelona auch reich-

lieh Gebrauch gemacht: Spanien selbst nutzt als Gastgeberland die Spiele politisch, um die Provinz Katalonien - mit eigener Hymne und Fahne vertreten - als gleichberechtigt aufzuwerten.

Vor allem aber haben die Vereinten Nationen die Spiele entscheidend mitgesteuert:

Früher entschied das IOC, das Internationale Olympische Komitee, wer an den Spielen teilnehmen darf und wer nicht. Das war beim Ausschluß Südafrikas beispielweise immer so.

Dieses Mal entschied aber der Sanktions-Ausschuß des UN-Sicherheitsrates praktisch darüber, ob und wie „Neu-Jugoslawien" (Serbien plus Montenegro) teilnehmen darf: Die Sportlerinnen und Sportler dürfen, wenn auch nur als „Einzelpersonen" und nicht als Mannschaft teilnehmen, verbunden mit einigen einschränkenden Auflagen: weder Banner, Flaggen oder Kennzeichen ihrer Nation dürfen getragen, keine Hymnen dürfen

gesungen oder gespielt werden.

Das IOC unter Präsident Juan Antonio Samaranch nahm zwar das Diktat zähneknirschend - aber doch - an, schob aber die letzte Entscheidung den Serben zu. Die akzeptierten freudestrahlend. „Wundervoll", hieß es, habe Jugoslawiens Premier Milan Panic die UNO-Entscheidung gefunden.

Seltsam - der Sicherheitsrat wird zwar nicht ernst genommen, wenn er Beschlüsse über die Einstellung von Kampfhandlungen faßt. Aber hier, bei den Olympischen Spielen, handelt er schon fast wie eine Weltregierung.

Soll man sich darüber freuen, daß immerhin hier die Autorität der UN anerkannt wird? Oder soll man weinen, daß diese Autorität ins Leere geht, wenn es um ein Ende der Aushungerung von Städten wie Sarajewo oder Gorazde geht? Daß aber solche Beschlüsse mit Applaus in Serbien akzeptiert werden? Eine makabre Verknüpfung von Sport und Politik, die uns hier präsentiert wurde...

Heiner Boberski

Gewaltlos heißt nicht passiv

Gewalt regiert die Welt - kaum eine Schlagzeile in den Medien, die das nicht zu bestätigen scheint: Wir registrieren derzeit mit Entsetzen vor allem die Massaker in Bosnien, aber auch sonst geht es in vielen Regionen (Sudan, Somalia, Peru...) keineswegs friedlich zu. Sogar im EG-Land Italien scheint die Mafia mit ihrer menschenverachtenden Brutalität in manchen Landesteilen der wahre Herr zu sein.

Und da kommt einer und predigt Ge-waltlosigkeit, widerspricht der Meinung, man müsse den Frieden durch militärische Abschreckung sichern, betont aber auch, daß gewaltlos nicht passiv bedeuten soll. Der Dalai Lama, das religiöse Oberhaupt Tibets, muß wissen, wovon er redet, leidet doch gerade sein Volk seit Jahrzehnten unter grausamer Fremdherrschaft. Darum wurde seine Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen wohl mit soviel Respekt aufgenommen. Hätte etwa ein katholischer Bischof so gesprochen, würde er nicht als weltfremder Träumer gelten? Doch die Bereitschaft, nach einem Schlag auf die rechte Backe auch die linke hinzuhalten, ist auch von Christen gefordert, nur liegt hierzulande den meisten in diesem Fall das Zurückschlagen oder das Davonlaufen näher.

Nur: Zurückschlagen stoppt den Kreislauf von Haß und Gewalt nicht und setzt voraus, daß man dem Aggressor gewachsen ist. Und Flucht ist nur möglich, wenn jemand bereit ist, Flüchtige aufzunehmen. Auf jeden Fall aber handelt einer, der andere zwingt, die zweite Backe hinzuhalten, indem er militärische Hilfe, aber auch die Aufnahme von Flüchtlingen verweigert (und nur zögernd Wirtschaftsmaßnahmen setzt und moralische Stütze gibt) weder im Sinn des Dalai Lama noch des Christentums, sondern nur auf sehr zynische Weise „gewaltlos".

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