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Benedikt von Nursia

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Die Person des heiligen Benedikt gerät zunehmend ins Zentrum des Interesses. Sein Werk kann unter anderem auch als Brückenschlag zwischen der untergehenden Kultur des Altertums und dem anbrechenden christlichen Mittelalter verstanden werden. Ob nicht ein Brückenschlag zwischen der gegenwärtigen kulturellen Spätphase und einer noch undeutlich erkennbaren Zukunft sich von Benedikts Werk inspirieren lassen könnte?

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Die Person des heiligen Benedikt gerät zunehmend ins Zentrum des Interesses. Sein Werk kann unter anderem auch als Brückenschlag zwischen der untergehenden Kultur des Altertums und dem anbrechenden christlichen Mittelalter verstanden werden. Ob nicht ein Brückenschlag zwischen der gegenwärtigen kulturellen Spätphase und einer noch undeutlich erkennbaren Zukunft sich von Benedikts Werk inspirieren lassen könnte?

Benedikt von Nursia, dessen Name in die Geschichte der abendländischen Kultur und Völkergemeinschaft als einer ihrer Begründer eingegangen ist, wollte selbst nichts anderes als das, was schon vor ihm ungezählte Männer und Frauen erstrebt und verwirklicht haben: die „Welt" in jenem ganz bestimmten von der neu-testamentlichen Offenbarung geprägten Sinne verlassen, um nach dem Anruf des Evangeliums ganz für Christus zu leben.

Denn so wesentlich der römische Aufenthalt des um 480 in der Umgebung des sabinischen Landstädtchens Nursia geborenen Benedikt für seine persönliche Entwicklung war, so entscheidend der Versuch, sich an der Petruskirche zu Enfide einer geistlichen Gemeinschaft anzuschließen, gewesen sein mag - beide Lebensabschnitte blieben innerhalb des großen Werkes des Heiligen doch nur vorübergehende Episoden.

Erst mit jenem fast verstohlenen Eintritt des jungen Sabiners in den „Berufsstand, dessen Organisator für das Abendland er werden sollte", beginnt die für Kirche und Welt eigentliche bedeutsame Wende seines Lebens. Was sich im stillen Aniotale an Begegnungen mit den alten orientalischen Formen des Mönchtums einsiedlerischer und gemeinschaftlicher Prägung vollzog und zuTvorübergehenden Gründung einer Mönchskolonie (wahrscheinlich nach der Regel des heiligen Pachon) in Subiaco führte, bereitete jene Reife vor, die uns in der neuen Ordnung von Montecas-sino entgegentritt.

Auf diesem Berge wurde Benedikt durch seine Regel und sein Gemeinschaftskloster, das zu einem Brennpunkt europäischer Geschichte werden sollte, zum „Vater des Abendlandes". Die Uberlieferung hat die Gründung des Bergklosters und die Abfassung der Regel mit dem symbolträchtigen Jahr 529 verknüpft, in dem die athenische Akademie geschlossen und durch Kaiser Justi-nian der Codex des römischen Rechts promulgiert wurde.

Benedikts Leben fiel in eine tiefgreifende Zeitenwende: Auf der einen Seite die antike Welt mit ihrem Glanz höchster Kultur, das gewaltige Römische Reich um das Mittelmeer gelagert, alle Völker dieses Raumes umfassend. Auf der anderen Seite die ungeschliffene Kraft neuer Völkerschaften aus dem Norden und Nordosten, der den Römern und Griechen stets unwirtlich und unheimlich erschienen ist.

Am 28. August 410 war König Ala-rich in die alte Hauptstadt des Reiches eingedrungen an der Spitze eines gotischen Heeres. Weit folgenschwerer als die Eroberung und Plünderung Roms erwies sich das Symptomatische dieses Falles. Der Fall Roms leitete die Agonie des Römerreiches im Westen unmittelbar ein. 476 ging das ohnmächtig gewordene römische Kaisertum des Westens ruhmlos unter.

In diesem kritischen Augenblick griff der bedeutendste Theologe des

Westens, Bischof Augustinus von Hippo, von besorgten Freunden gedrängt, zur Feder, um denen zu erwidern, welche die Niederlage des Römischen Staates auf die christliche Religion zurückführten. Augustinus schrieb sein berühmtes Werk „De ci-vitate Dei".

Sein Werk führte hinein in die endzeitliche Bedrängnis, aber auch in die ungeheure Spannkraft des 5. Jahrhunderts. Für das mittelalterliche Italien ist die politische Zerrissenheit und die entsprechend verschiedenartige Entwicklung der einzelnen Regionen und Bevölkerungsgruppen kennzeichnend. Die Ansätze dazu traten schon nach der Ausschaltung des weströmischen Kaisertums zutage: das ist die Lebenszeit Benedikts von Nursia.

Papst Gregor schreibt über Benedikt: der Gottesmann glänzte neben den vielen Wundern, durch die er in der Welt berühmt wurde, ebenso durch das Wort seiner Lehre. Er schrieb für die Mönche eine Regel, „monachorum regulam", ausgezeichnet durch weise Mäßigung und verständliche Rede. Wer sein Tugendleben kennenlernen will, kann in der Unterweisung der Regel alles finden, was er als Lehrer selbst übte. Denn der heilige Mann konnte unmöglich anders lehren als er lebte.

Wenn man den Mönchsvater von Montecassino in eine Reihe neben die geisterfüllten Kirchenlehrer Augustinus und Ambrosius, Leo und Gregor, als die großen Theoretiker des religiösen, geistigen und politischen Lebens des Abendlandes stellt, dann nicht weil er ihnen an Geisteskraft gleichkäme, sondern weil ihm vergönnt war, christliches Leben nach seinen Lehren in einer Gemeinschaft zu verwirklichen.

Die Regula des Heiligen Benedikt -sieht man ihre Bedeutung für die lateinische Christenheit und für das frühe Mittelalter durch eineinhalb Jahrtausende - wurde eines der grundlegenden und wichtigsten Bücher der abendländischen Welt. Da das Wollen und Wirken Benedikts weder auf die Rettung eines Vergangenen noch auf den völkischen, kulturellen, ja selbst kirchlichen Neubau einer Zukunft ging, kann seine Sendung einzig und allein nur aus dem „Sinn und Geist" der Regel abgelesen werden, die er für seine „Schule des Herrendienstes" schrieb und mit der er das Leben in seinen Klöstern für alle Zeiten bestimmte.

Im Entstehen und Werden der abendländischen Welt hat diese einzigartige Regel eine seinsmächtige Kraft entfaltet. Einzigartig ist sie deshalb, weil ihr Schöpfer als Erster in der Geschichte ein Lebensideal und eine Lebensordnung in einem Mönchsgesetz zu verpflichtender Kraft zu verbinden vermochte. In dieser Regel - so schreibt Emmanuel von Severus - übergab der Heilige von Montecassino die großen und tie-' fen Gedanken des christlichen Ostens dem Westen und schuf ihnen dort die diesem angemessene Lebensform.

Das benediktinische Selbstverständnis kennzeichnet Ausgewogenheit, es gipfelt in dem Schlüsselbegriff der „Discretio", die als Mutter aller Mönchstugenden gilt, weil sie Maßhalten bedeutet und keinen Rigorismus aufkommen läßt. Jeder muß in ernster Prüfung wissen, was er in seinem Heiligkeitsstreben durchhalten kann. Keiner darf einem anderen Lasten aufbürden, die er selbst nicht zu tragen vermag.

Es ist schließlich die Frage zu stellen, ob das ethisch normierte, glaubenszugewandte Leben des Benediktinermönches für die gegenwärtige Gesellschaft und Kultur noch mehr bewirken kann, als eine reine Alternativ- oder Kontrastform zum normalen Leben des Menschen darzustellen. In einem Zeitalter höchster technischer Rationalität beginnt sich der Zeitgenosse wieder dem Mythos, dem Symbolismus und dem optischen Erfassen der Wirklichkeit zuzuwenden.

In dieser Situation könnte ein geläutertes und erneuertes Möchtum wieder Wirkung auf Mensch und Gesellschaft gewinnen, wenn es Kult, Menschenführung, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Welt und Leben sowie schöpferisches Ag-giornamento zur Aktion verbände. Die historische Erfahrung und ihre Analyse rechtfertigt die optimistische Annahme, daß das Mönchtum auch die zukünftige Gesellschaft und Kultur mitgestalten werde und könne.

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