7169866-1982_41_14.jpg
Digital In Arbeit

Beschütze mich in aller Not

stumpf. Mit der Hand über das Kinn: stopplig. Zu Hause durfte ich mir keinen Bart wachsen lassen. Sie haben milde gelächelt: Robinson.

In ein paar Wochen wächst viel Bart.

Nur in einem gepflegten Körper ...

„Wie man sich bettet, so liegt man.”

Was hätte meine schöne Mutter zu den Jugendherbergen gesagt?

Gut geschlafen hab ich nie. Meine Nase und meine Ohren sind zu empfindlich.

Wie das da riecht und wie die schnarchen.

Jedenfalls bin ich ganz schön rumgekommen.

Es fing auf diesem Platz an. Ich weiß nicht, wie die Stadt heißt. Es kann Ende April gewesen sein. Frisch. Keine Ahnung, was für ein Wochentag. Meine TJhr stand. Der Platz, rundherum grün. Viel Vögel, Amsel, Drossel, Fink und Star.

Weiter nach Süden, hab ich gedacht, da lebt sich's leichter. Da hab ich mir ein Bein gestellt. Wollte ich das: leichter leben?

Ich saß mit dem Rücken am Brunnen. Kalter Stein, kalte Schultern.

Da fing die erste Glocke an, hoch und dünn. Noch eine, tiefer, noch eine, noch eine. Wie viele Glocken hatten die? Vierzig? Hundert? Ich hab mir die Ohren zugehalten, aber es hat nichts genützt.

Die Großmutter, natürlich saß sie schon im Münster.

Ich hab die Hände ins Wasser gehalten und das Gesicht.

Da kam ein Polizist und sagte, dieses sei der Goethe- und kein Campingplatz und der Brunnen sei ein Kunstwerk und ob ich das nicht sehe.

Das ärmste Schwein in der Bibel ist der verlorene Sohn. Nicht als er unter den Schweinen lebt, sondern als er nach Hause kommt. Da kann ich mitreden.

Wie die mich angestarrt haben, als ich wieder vor der Tür stand. Meine Mutter hat einen Weinkrampf gekriegt, und mein Vater hat mir immerzu auf die Schulter geklopft. Und dann ins Bad und alles wie immer.

Und zu dritt am Frühstückstisch. Da sah ich erst, daß mein Vater eine schwarze Krawatte trug und meine Mutter eine schwarze Bluse.

„Im Münster”, sagte mein Vater, „am Ostersonntag.”

„Nach der Wandlung”, sagte meine Mutter, „Herzversagen.”

„Ein schöner Tod”, sagte mein Vater.

„Viel Lauferei”, sagte meine Mutter, „bis alles geregelt war, die Wohnung verkauft, der ganze Kram, man kann's ja fast nicht verschenken, wer will den das alte Zeug?” 1

Wir sind am Tisch gesessen, aufrecht wie die Kirchenlichter, und ich hab gewußt, daß ich umsonst zurückgekommen bin und daß das Grammophon weg ist und der „Rixdorfer” und alles.

Not hab ich nie gelitten.

„Er hat alles” sagte mein Vater. Als ich noch klein war, hatte ich schon zwei Zimmer. Wo hätten wir das Spielzeug lassen sollen.

Neben meinen Zimmern war das vom Kindermädchen. Meine Mutter wechselte sie wie die Handtücher. Ich weiß die Namen und Gesichter nicht mehr.

Mit dem Spielzeug hatte es keine Not. Die Großmutter war anderer Ansicht.

„Kauft ihm nicht so viel. Gebt ihm ein Stück Holz zum Spielen.

Er hat seine liebe Not mit dem ganzen Kram.” Natürlich hat sie in den Wind geredet und ich hatte weiter meine liebe Not.

„Wer keine Not kennt, hat überhaupt nicht gelebt”, sagte die Großmutter.

Sie hatte gut reden. Sie hatte ihre vierzehn Nothelfer, vierzehn Heilige, die sie oft anrief. Ich weiß nur noch Christopherus und Vitus, i

Eins hatte auch die Großmutter nicht bedacht. Daß man aus einer lieben Not in einen Notstand geraten kann, einen kleinen, man merkt das nicht, wie man in eine Falle tappen kann, nicht mehr rauskommt, keine vierzehn Nothelfer hat. !

Meine Eltern? Die hätten selbst eine paar Nothelfer gebraucht. Wenn ich ihnen was wünschen könnte, so wär's ein langes Leben mit immer noch mehr Partys und Whisky und Champagner und Geschwätz. Sie haben beide viel zu büßen, und es ist besser, sie büßen es hier.

Ich bin aus Langeweile in den Beat-Schuppen gegangen. Als sie hereinkam, ist mir das Herz in den Hals gesprungen. Blond und blauäugig wie aus Großmutters Poesie-Album. Da waren solche Mädchen drin. Augen, blau wie Vergißmeinnicht.

Ich sagte es ihr beim Tanzen.

Vergißmeinnicht, sie hat sich geschüttelt vor Lachen. Sie war mit fünf, sechs jungen Burschen gekommen. Aber sie hat dann nur noch mit mir getanzt. Uberhaupt alles mit mir. Die anderen haben geschaut. Die mußten ja platzen vor Neid.

Alles nur mit mir. Im Wald, am See. Ich hab gewußt: Jetzt fängt das Leben für mich an.

Als ich morgens nach Hause kam, hat meine Mutter einen Weinkrampf gekriegt.

Mein Vater hat gesagt: „Laß ihn. Er ist kein Kind mehr.”

Alles nur mit mir. Ich wollte gar nicht mehr in den Beat-Schuppen, aber sie war rein verrückt aufs Tanzen. Die Kerle waren auch meistens da.

„Kumpels von früher”, hat sie gesagt, „studieren auch.”

Nach Hause wollte ich sie nicht mitnehmen.

„Hast du keine Bude?”

„Klar.”

„Und?”

„Lieber an den See.”

„Und im Winter?” Sie hat gelacht. Sie hat durchaus sehen wollen, wo ich wohne.

„Das mußt du doch verstehen.”

Da hab ich sie mitgenommen.

„Mann, so vornehm?” Sie hat gestaunt. Ich hatte das Gefühl, was falsch zu machen.

Sie hat viel gelacht und gefragt und sich umgesehen. Sogar den Keller hat sie sehen wollen und den Bastelraum, in dem keiner bastelt.

Zur Großmutter hätte ich sie gebracht. Meinen Eltern hab ich sie nicht gezeigt.

Das Parktor hat sie bewundert.

„Da habt ihr euch ja enorm verkünstelt. Wirst du jede Nacht eingesperrt?”

„Quatsch. Das ist immer offen.”

Dann hat sie den Koffer mitgebracht. Er stand in einem Verschlag hinter dem Beat-Schuppen.

„Muß umziehen. Den kannst du doch eine Weile bei euch in den Keller stellen, bis ich was Neues habe.”

Ich hab ihn kaum heben können.

„Bücher”, hat sie gesagt, „Fichte, Schleiermacher. Schopenhauer. Schweres Zeug.”

Sie hat mir sehr imponiert.

Als ich den Steckbrief an der Anschlagsäule sah, bin ich lange stehengeblieben. Drei von den Burschen kannte ich. Es waren die aus dem Beat-Schuppen. Und sie war es auch. Ganz oben, als erste.

Die Belohnung war hoch.

Wir waren am Abend verabredet.

Ich bin in den Keller gegangen. Der Koffer war weg.

Natürlich ist sie nicht an den See gekommen.

In der Nacht bin ich im Keller gesessen.

Welcher von den vierzehn Nothelfern ...

Am anderen Morgen war ein Foto in der Zeitung. Ich groß dabei. Mit ihr, beim Tanzen.

Wie ich in die Stadt gekommen bin, weiß ich nicht. Das war wie ein Magnet, der mich zog und steuerte. Der Verkehr in der Stadt, verrückt. Aber der Platz vor dem Münster ist leer. Tauben, Kinder, Mütter, Kinderwagen.

Im Münster setz ich mich hin und bleib sitzen, ich weiß nicht, wie lange, und denk und fühl nichts.

Zwischen den Pfeilerdämmerungen die Beichtstühle. Ich höre die Großmutter sagen: „Nachher ist's wieder gut. Oder besser.”

Ich steh auf, geh durch die Pfeilerdämmerungen zu dem Beichtstuhl, zu dem die Grßmutter immer gegangen ist, während ich mit dem roten Holzpferdchen gespielt hab. Ich knie mich hin und fang an.

Als ich auf steh, seh ich sie. Sie kniet an einem Pfeiler, ziemlich vorn am Altar, ein Tuch über dem Kopf, die Hände gefaltet, sieht mich an.

Hinter dem nächsten Pfeiler seh ich zwei von den Burschen aus dem Beat-Schuppen.

Draußen bricht die Hölle los. Autos, Bremsen, Boschhörner, Hupen, Sirenen, Schwärme von grünen Vögeln flattern ins Münster, Polizei.

Die Burschen springen hinter dem Pfeiler vor, rennen, schießen. Einer fällt hin, bleibt liegen.

Sie ist aufgesprungen, eine Frau schreit auf, zeigt auf sie, sie rennt, die grünen Vögel schneiden ihr den Weg ab, sie beißt, spuckt, wird weggeschleift.

Ich raus aus dem Münster, ihr nach.

Auf dem Platz ein Durcheinander wie von lauter Irren. Mitten auf dem Platz steht einer von den Burschen, lacht laut, dreht sich wie ein Kreisel um seine eigene Achse, feuert. Die Grünen schießen zurück. Ich durch alle durch, hinter den Grünen her, die sie zu einem Auto schleifen. Sie spuckt und beißt nicht mehr.

Er schlug hin, blieb liegen. Der Pater, der ihm nachgelaufen war, kniete sich neben ihn. Der Polizist hielt den Revolver noch in der Hand. Beide beugten sich über ihn. Er bewegte die Lippen. Er sagte deutlich: v

„Beschütze in aller Not...”

Sein Kopf sackte zur Seite. Der Pater sah den Polizisten an und der war ganz irritiert.

Später, als der Tote identifiziert wurde, war er erleichert, daß er doch den Richtigen erwischt hatte.

Man fand nichts Verdächtiges in seinen Taschen. Nur ein kleines rotes Holzpferd.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau