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Besser keine Heim-Gettos

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„Psychiatriereform", „offene Psychiatrie" sind oft verwendete Schlagworte. Steinhof, Gugging, Niedernhart volkstümliche Synonyme für die jeweiligen Psychiatrischen Krankenhäuser. Psychiatrie als gesellschaftliches Tabu. Erkrankte und ihre Familien trotz einer scheinbar offenen Psychiatrie noch immer im gesellschaftlichen Abseits.

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„Psychiatriereform", „offene Psychiatrie" sind oft verwendete Schlagworte. Steinhof, Gugging, Niedernhart volkstümliche Synonyme für die jeweiligen Psychiatrischen Krankenhäuser. Psychiatrie als gesellschaftliches Tabu. Erkrankte und ihre Familien trotz einer scheinbar offenen Psychiatrie noch immer im gesellschaftlichen Abseits.

„Als Freunde habe ich lieber die, die wissen worum es geht", meint Elisabeth Hafner*, deren Tochter Ingrid* vor rund 20 Jahren an Schizophrenie erkrankt ist.

Damals war alles noch schlimmer, obwohl es harmlos begann. Die Professoren beschwerten sich über das freche Benehmen der begabten 17jährigen. Auch zu Hause wurde das Zusammenleben schwieriger, oft begann sie ohne Grund zu schreien. Eine kleine Verletzung war der Auslöser für die erste Psychose. Diagnose Schizophrenie. Damit begann ein langer Marsch durch die Institutionen. Anfangs in Anstaltskleidung hinter vergitterten Fenstern, später in betreuten Wohngruppen. Dazwischen immer wieder bei den Eltern.

„Ich saß nächtelang an ihrem Bett, um sie mit ihren Ängsten nicht alleine zu lassen", erinnert sich Ingrids Mutter, „aber am schlimmsten waren die Aggressionen."

Heute lebt die junge Frau allein in einer kleinen Wohnung: „Das Wichtigste ist für mich ein genau strukturierter Tagesablauf. So geht sie täglich zur Trafik um Zigaretten und täglich zur Bank, um eine kleine Summe zu beheben. Einmal wöchentlich fährt sie zum PSD (Psychosozialer Dienst), um zirka eine Stunde mit „ihrer" Ärztin zu sprechen.

Rückkehr ins normale Leben

Das reicht nur für die guten Phasen - „wenn es mir schlecht geht, ist das viel zu wenig". Ergänzt wird das Betreuungsnetz noch durch einen Mitarbeiter der „Pro Mente Infirmis". Dieser Verein hat sich die „Hilfe zur Selbst- hilfe" bei der Rückkehr in ein normales Leben nach psychischen Krisen zum Ziel gesetzt.

Zweimal wöchentlich ist Jour-fix bei der Psychopannenhilfe, einer Selbsthilfegruppe. Jeden Sonntag stehen hier auch Wanderungen mit Angehörigen durch den Wienerwald am Programm. Zu Hause sieht Ingrid viel fem, das hilft gegen die Isolation. Lesen ist problematisch, vor allem bei Büchern verschwimmen ihr die Buchstaben. Dadurch mußte sie auch ihr Soziologiestudium aufgeben. Die Matura hat sie noch unter größten Anstrengungen geschafft.

Damals konnte man auch noch keine Prognosen über den Krankheitsverlauf erstellen. Schließlich bleibt es bei einem Drittel der Patienten bei einem einmaligen Schub. Ein weiteres Drittel kann mit Hilfe der Medikamente ein weitgehend „normales"

Berufs- und Privatleben führen. Nur ein Drittel der Erkrankten muß sich immer wieder in stationäre Pflege begeben.

„Episodische Verläufe treten bei der Schizophrenie wesentlich häufiger auf als chronische", weiß Univ. Prof. Eberhard Gabriel aus seiner langjährigen Praxis. Während der akuten Krankheitsphasen ist der Patient nicht in der Lage, die Eindrücke aus seiner Umgebung zu filtern. Durch Reizüberflutung wird die Umwelt zum Alptraum.

Die Ursachen der Erkrankung sind noch nicht eindeutig geklärt. Man vermutet ein Zusammenwirken genetischer, entwicklungsbedingter und biologischer Faktoren. Dem entspricht auch eine komplexe Therapie aus Medikamenten, psychotherapeutischer Begleitung und Rehabilitationsmaßnahmen, die die Alltagsbehinderungen verhindern sollen.

Besonders sensible Menschen

Schizophrenie ist nur eine Form der psychischen Erkrankung. Eine zahlenmäßig wesentlich größere Rolle spielen die dementiven Prozeße im Älter. Eine weitere Gruppe bilden die Depressionen, die von der traurigen Verstimmung bis zur manisch-depressiven Erkrankung reichen. Behinderungen im Alltag treten hier meist nur dann auf, wenn die Krankheitsphasen häufig wiederkehren. Zu beträchtlichen Behinderungen im Alltag können auch die neurotischen Erkrankungen führen, die unterschiedlichsten Zwänge und Phobien.

Psychisch behinderte Menschen sind meist überdurchschnittlich intelligent und von großer Sensitivität. Immer wiederkehrende Rituale im Tagesablauf geben ihnen die nötige Sicherheit. Ein heftig umstrittener Problemkreis bei allen Formen der psychischen Erkrankungen sind die Medikamente. Psychopharmaka können nicht die Krankheit heilen, sie können nur die psychotischen Symptome lindem. Häufig sind sie mit unangenehmen Nebenwirkungen, wie Zahnproblemen und einer allgemeinen Steifigkeit verbunden.

Die Medikamentenberatung ist daher auch einer der Schwerpunkte der HPE, einem Selbsthilfeverein der Angehörigen und Freunde psychisch Erkrankter. „Es ist besonders wichtig", weiß die HPE-Vorsitzende Maria Simon aus langjähriger Erfahrung, „daß die psychisch Behinderten unter Menschen kommen." Heim-Gettos, wie sie derzeit noch immer geplant werden, sind der falsche Weg. Weitgehende Integration wird zur Aufgabe der nächsten Jahre. * Name von der Redaktion geändert

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