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Besseres Bier im „Schwarzen Adler“?

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Mit einem zweitägigen Parteitag, an dem Franz Josef Strauß mit 556 von 584 gültigen Stimmen eindrucksvoll in seinem Amt als Landesvorsitzender bestätigt wurde, hat die CSU am Wochenende den Wahlkampf für die im Herbst stattfindenden Landtagswahlen eröffnet. Mit der Präsenz der gesamten CDU-Spitze, Ausschwärmen der prominentesten CSU-Politiker in die Zentren einzelner Münchner Stadtviertel und einer Abschlußkundgebung auf dem Marienplatz, wo Strauß und Ministerpräsident Goppel 20.000 Zuhörern ihre Politik erläuterten, versuchte die mit 120.000 Mitgliedern größte Partei Bayerns den Wählern klarzumachen, daß sie — moderner und geschlossener denn je — imstande sei, den Freistaat auch noch im 18. bis 21. Jahr am besten zu regieren. Goppel stellte die Wähler vor die dramatisch zugespitzte Alternative, am 27. Oktober darüber zu entscheiden, ob „weiterhin eine Politik der Sicherung der Freiheit in sozialer Gerechtigkeit bei humanem Fortschritt unter einer von der CSU getragenen Staatsregierung oder eine sozialistische Politik des Kollektivismus, der Nivellierung, der Bevormundung und Verplanung, der Funktionärsherrschaft, des Klassenkampfs“ in Bayern gemacht werde.

Beherrschende Figur dieses Parteitags, der sich wie schon oft mehr durch gepfefferte Reden als durch differenzierte Diskussion auszeichnete, war der von 95 Prozent der Delegierten neu bestätigte und von FDP-Chef Genscher mit einem auffälligen Glückwunschtelegramm bedachte Landesvorsitzende. In einem dreifachen Auftritt — mit einem bundespolitischen, sehr analytisch gehaltenen Rechenschaftsbericht in der schwülen Bayernhalle, einer Polit-Conference im Hofbräuhaus, wo er bei Kalbshaxn, Knödeln und Bier nach dem Motto „Gaudium verum res severa est“ das für die Partei eminent wichtige „Spezlntum“ pflegte und einer polternden Wahlkampfrede vor dem Münchner Rathaus — gelang es ihm, deutlich zu demonstrieren, daß er seine Bayern trotz deren gelegentlicher Grantelei auf seine Linie festlegen kann.

Noch bevor er dabei die Koalition attackierte, ging er hart mit den Unionsparteien selbst ins Gericht. Auf die letzten zwei Jahre zurückblickend, warf er den eigenen Parteifreunden vor, sie hätten in der Großen Koalition die SPD zu lange geschont, sich danach zu wenig klar von ihr abgesetzt, Honoratiorenpolitik betrieben, in der Medienpolitik versagt, die Ostverträge nicht eindeutig abgelehnt und den Grundvertrag nicht gemeinsam in Karlsruhe eingeklagt. Als erfreuliches Moment in diesem Zusammenhang konnte der CSU-Vorsitzende einzig die einhellige Ablehnung des Vertrages mit der CSSR erwähnen. Insgesamt herrsche in der SPD mehr Disziplin und Solidarität als in den Unionsparteien. Ziel der CDU/CSU müsse es sein, die große politische Gegenposition darzustellen und nicht die Variante. Und deshalb sei die Klärung der sachlichen Grundsatzfragen im Geiste freiheitlicher Modernität auf dem Boden bewahrender Tradition, die Verpflichtung zur Solidarität und die Rückgewinnung eines innen- und außenpolitischen Alternativprofils vordringlicher als die Aufstellung von Kabinettslisten mit der Nennung eines Kanzlerkandidaten.

Auch die CSU in Bayern - werde ihre führende Position verlieren, wenn CDU und CSU nicht in absehbarer Zeit wieder an die Regierung kämen.

Bundeskanzler Schmidt, der für die Union „weder ein Angstgegner noch ein Papiertiger“ sei, bezichtigte Strauß mangelnder Härte bei den laufenden Genfer Verhandlungen. Die DDR sehe in dem verlangten Ergebnis der KSZE den Ersatz für einen Friedensvertrag und die Sowjets würden sich schon auf den nächsten Schritt vorbereiten, „nämlich den USA ein( Kondominium über Westeuropa vorzuschlagen, in dem ohne Zustimmung der beiden Großmächte keine ernsthafte politische Entscheidung von Tragweite mehr getroffen werden dürfte“.

Wehners Zukunftsziel sei eine marxistische Konföderation. Und — auf Vogel anspielend — meinte der CSU-Vorsitzende: „Wir brauchen in der Bayerischen Staatskanzlei einen Bayerischen Ministerpräsidenten und nicht einen vor den Münchner Jusos ausgerissenen Bonner Gastarbeiter“.

Das waren, für Münchner Verhältnisse, keineswegs besonders harte Worte — Franz Josef Strauß hat seine Gegner nie geschont und tut es auch heute nicht. Im Unter- und Mittelbau der Parteiorganisation wird gegen ihn aufgemuckt, das Fußvolk der CSU scheint ihn und seine derb-bajuwarische Art zu lieben. Daß die Wahlerfolge der CSU weitgehend als persönliche Erfolge von Strauß anzusehen sind, kann auch der, der ihn nicht schätzt, schwer bestreiten. So scheint sich in diesem Franz Josef Strauß die bajuwarische Eigenart zu personifizieren. Der Buhmann der Intellektuellen ist er ohnehin — auch bei den einfachen Leuten fällt seine Ausstrahlung jenseits der bayrischen Grenzen sehr stark ab. Viele halten ihn heute für eine außerordentlich starke Lokomotive und fürchten sich nur davor, daß es dieser Lokomotive vielleicht nicht gelingen könnte, im Kopfbahnhof eines Wahlsieges zum Stehen zu kommen. Einen in die Bundesrepublik zurückgekehrten Strauß zu zähmen, würde ein hartes Stück Arbeit für die CDU darstellen.

Von den CDU-Gästen war Generalsekretär Biedenkopf im Hof bräu-haus mit Sprechchören gefeiert worden. Kohl erhielt für sein fast einstündiges Referat, in dem er die Einheit der CDU/CSU beschwor, wohl auch etwas beschönigte und die Begriffe Freiheit, Chancengerechtigkeit. Leistung, Autorität, Geschichte und Nation am Partei-Firmament ababsteckte, längeren Beifall als Strauss bei seinem Rechenschaftsbericht. Am stürmischsten und längsten jedoch wurde Fraktionschef Carstens für seine kämpferische Auseinandersetzung mit aktuellen, bundespolitischen Themen applaudiert. Strauss, der sich während des Parteitags ausführlich mit einem Ehrengast, dem russischen Exilschriftsteller Maximow, unterhielt, zog am Samstagabend auf dem Marienplatz die Bilanz für die beiden Schwesternparteien: „Bei allem Respekt vor der CDU: Wir sind die härteren und die stärkeren“.

Die Wahlerfolge in diesem Jahr rechtfertigten noch lange kein Sie-gesgesohrei für 1976. Millionen Wähler hätten zwar die „Rote Kneipe zum sagenhaften Willy“ verlassen und seien in das Wirtshaus zum „Schwarzen Adler“ umgezogen.

Aber: „Der Zustand unserer politischen Herberge ist noch nicht so. daß wir mit dem Verbleib dieser Gäste mit Sicherheit rechnen können.“

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