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Bio-Bauer werden ist schwer

Wenn die Umwelt durch Spritz- und Düngemittel so stark belastet wird, daß irreparable Schäden entstehen, so sind die Landwirte selbst die ersten, die darunter zu leiden haben. Nicht nur die Erde, auch die Menschen direkt werden durch das ausgesprühte Gift geschädigt. Ich weiß nicht, ob je untersucht wurde, worauf der auch heute ziemlich schlechte Gesundheitszustand der Bauern und Bäuerinnen zurückzuführen ist. Entgegen manchen Meldungen scheint er mir auch heute nicht besser als in alten Zeiten, nur die Krankheitsbilder haben sich geändert. Das gesunde Landleben, von dem die Städter träumen, ist dadurch oft mehr belastet als das von Fabriksarbeitem. Warum also haben die Landarbeiter das Düngen der Äcker und Spritzen der Felder nicht längst abgestellt?

Ich selbst habe mich schon sehr früh für den ökologischen Landbau interessiert, habe diverse Vorträge besucht und mich dann selbst bemüht, ohne Mineraldünger und chemische Schädlings- und Unkrautbekämpfung auszukommen

Ich besitze einen Hof im Weinviertel, den ich von meinem Vater geerbt habe. Als ich ein kleiner Bub war, haben fünf Leute am Hof gearbeitet; damals hatten wir etwa zehn Rinder, die Felder wurden fast ausschließlich mit Stallmist gedüngt, ebenso wie alle umliegenden Felder auch.

Was hat sich seither geändert? Die Zahl der Arbeitskräfte hat abgenommen, heute arbeite ich mit meiner Frau allein am Hof, die Kinder sind in Ausbildung. Ich hoffe nur mehr, daß einer davon den Bauernhof übernehmen wird. Wir zahlen fast 50.000 Schilling Pflicht-Sozialversicherung. Würde ich es wagen, eines der Kinder als Lehrling im Haus zu behalten, so würde sich der Betrag um etwa 16.000 Schilling im Jahr erhöhen.

Mein Vater hat mit der “biologischen“ Art zu wirtschaften wahrscheinlich im ganzen Jahr nicht mehr verdient als etwa diesen Betrag. Ich habe seine Aufzeichnungen über Ernteergebnisse studiert, aus denen das klar hervorgeht. Die Eltern waren nicht versichert und haben sich den Arzt selbst gezahlt, aber waren sie nicht auch gesünder?

Wir haben heute viermal so viel Rinder, also auch viermal so viel Wirtschaftsdünger. Natürlich verwenden wir ihn zur Verbesserung des Bodens. Damit sind allerdings nur ganz bestimmte Nährstoffe der Erde zugefügt. Wenn ich noch so viel Mist aid einem Feld verteile, verbessern sich die Erträge nur dann, wenn ich auch mineralische Stoffe zuführe, die im Stallmist nur in sehr geringem Maß vorhanden sind.

Etwas vereinfachend könnte man also sagen: Um die Sozialversicherung zu bezahlen und daneben noch leben zu können, bin ich gezwungen dem Boden mehr abzugewinnen als ihm auf länge Sicht gut tut. Ich habe dennoch versucht, gegen den Strom zu schwimmen und zunächst meinen Mais nicht gegen Unkraut gespritzt. Was war der Erfolg? Der Ertrag war wesentlich geringer, der Arbeitsaufwand größer.

Ebenso habe ich dann Weizen produziert, den ich nicht gespritzt und nicht mit Kunstdünger behandelt habe. Da habe ich heute noch eine Truhe mit zweihundert Kilogramm davon am Dachboden stehen. Er wird nicht als biologisch reines Produkt anerkannt. Zwar habe ich ihn viel teurer produziert, müßte aber den Arbeitsaufwand drei Jahre lang durchhalten, um das Produkt als anerkannt biologisches auch teurer verkaufen zu können. Wer steht das durch?

Einige meiner Kollegen sind tatsächlich so weit gekommen. In einem Fall hat die Frau im Nebenberuf in einem Büro verdient, im zweiten Fall haben tatsächlich alle Familienmitglieder mitgearbeitet

Sie waren nach drei Jahren am Rande ihrer Kräfte und würden sich nicht noch einmal über eine solche Arbeit trauen. Wer ohne Kapital an so ein Unternehmen herangeht, muß sich auf Jahre hinaus «loch mehr verschulden als alle anderen Landwirte, auch dann, wenn man durchaus bereit ist, Maschinen gemeinsam mit anderen anzuschaffen.

Bis heute bin auch ich interessiert daran, die Umwelt und meine Familie nicht weiter zu belasten - wie soll ich das aber anstellen? Die Kiste mit dem nicht ganz biologischen Weizen steht bis heute auf meinem Dachboden, wahrscheinlich werde ich sie demnächst verfüttern. Nur in meiner Familie steht oft Frischkom- brei am Speisezettel, alle essen ihn gerne.

Viele Landwirte haben durchaus ein offenes Ohr für die Gefahren, auf die die Welt zusteuert, wenn sie so weiter macht. Das zu verhindern, kann freilich nicht nur die Aufgabe einer Berufs gruppe sein, sondern müßte zum Anliegen aller gemacht werden.

Ohne hilfreiche Unterstützung ist es heute aber fast unmöglich, sich auf den biologischen Landbau umzustellen. Eine solche Unterstützung wäre aber gerechtfertigt, würde der biologische Landbau ja auch nicht nur den Bauern, sondern allen Bürgern zugute kommen.

Der Autor ist Bauer in Emstbrunn.

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