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Blätter im Aufwind

Seit zwei Jahren erlebt Öster-reichs Printmedienlandschaft strukturelle Veränderungen, wie sie seit der Aufbruchphase nach 1945 einzigartig sind.

Am Tageszeitungsmarkt erfaßte der Umbruch die drei großen Teilbereiche Boulevardpresse, Qualitätspresse und Parteipresse. Ausgelöst wurden diese Veränderungen am Presse-Boulevard: Nach dem endgültigen Zerwürfnis zwischen den zwei Eigentümern der „Neuen Kronen-Zeitung“ - mit einer Reichweite von 41,5 Prozent Österreichs größte Zeitung - Hans Dichand und Kurt Falk, erwirbt die westdeutsche WAZ-Gruppe am 5. November 1987 45 Prozent der „Krone“-Anteile.

Wenig später engagiert sich die Essener Verlagsgruppe erneut am österreichischen Boulevard: Seit 17. März 1988 ist sie mit 45 Prozent auch an der Kurier AG beteiligt. Mit der Gründung der Mediaprint-Ver-lagsgesellschaft am 1. Juli 1988 legen Krone KG und Kurier AG den Grundstein für ihre ökonomischorganisatorische Kooperation. Die Mediaprint - sie ist mit 4.000 Mitarbeitern der größte Printmedienkon-zern des Landes - übernimmt die Bereiche Druck, Vertrieb und An-zeigenakquisition der zwei auflagenstärksten österreichischen Tageszeitungen. Die Geschäftsführung der neuen Gesellschaft bildet ein -den Funktionsbereichen - entsprechendes Triumvirat aus Vertretern von „Krone“, „Kurier“ und WAZ.

Deutlich verändert präsentiert sich ferner der Bereich der Qualitätszeitungen. Hier legt Oscar Bronner am 19. Oktober 1988 Österreichs Lesern einen neuen „Standard“ vor. Er wagt mit einer 50-Prozent-Beteiligung des Berliner Springer Verlages Österreichs erste Tageszeitungsneugründung seit 16 Jahren. Ab 1. März 1989 versuchen die „Salzburger Nachrichten“ mit ihrer Österreich-Ausgabe verstärkt Leser im gesamten Bundesgebiet anzusprechen. Fast gleichzeitig erweitert „Die Presse“ ihr redaktionelles Angebot und verjüngt ihr Layout. Während sie früher dieses Marktsegment allein beanspruchte, wenden sich nun drei Titel österreichweit an ein Zielpublikum mit hoher Formalbildung und Kaufkraft. Daß das Marktsegment wohl eng ist, doch zur Zeit noch genügend Raum für mehrere Qualitätszeitungen bietet, belegt die neueste Optima-Ana-lyse, die allen drei High-Quality-Papers Auflagenzuwächse bescheinigt. Wenn nun - wie vorgesehen -die „Neue AZ“ in Zukunft die Riege der Qualitätszeitungen ergänzt, reicht das Spektrum der Blattlinien dieser Titel von liberal-konservativ („Die Presse“) über liberal („Der Standard“, „SN“) bis linksliberal („Neue AZ“).

Die Erwähnung der „Neuen AZ“ läßt an einen weiteren Trend der letzten zwei Jahre denken: das Sterben der echten Parteizeitungen. Dennoch erstaunt, wie schnell dieser Prozeß Blätter beider Parteien erfaßte: Mit 31. März 1987 stellt das steirische ÖVP-Organ „Süd-Ost Tagespost“ sein Erscheinen ein. Am 2. Juni 1987 wiradas bisher eigenständige sozialistische „Oberösterreichische Tagblatt“ zur Regionalausgabe der „AZ“. Am 1. Juli 1987 geht die Grazer SPÖ-Zeitung „Neue Zeit“ in den Besitz der Mitarbeiter über - sie zählt somit pressestatistisch nicht mehr zu den Parteizeir tungen. Am 25. August 1989 meldet die Media Süd, Eigentümerin des VP-Organs „Neue Volkszeitung“ (Klagenfurt) Konkurs an. Erst der Erwerb des Blattes durch die neugegründete Verlags- und Werbegesellschaft - sie gehört zu 90 Prozent „Teleuno“-Aufsichtsratsvorsitzen-dem Kurt Geissler - sichert das Weiterbestehen. Am 14. September 1989 wechselt auch die „Arbeiter Zeitung“ ihren Besitzer: von Österreichs sozialistischer Partei zu Öster-

reichs größtem Werbeunternehmen, Hans Schmid. Er will die „Neue AZ“ als linksliberale, jedoch nicht parteigebundene Qualitätszeitung in eine neue Ära führen. So hält denn die SPÖ nur noch zehn Prozent der „AZ“-Anteile, dafür meldet der britische Medienzar Robert Maxwell Interesse an einer Beteiligung an.Diese knappe Chronologie dokumentiert den phasenhaft erfolgenden Bedeutungs verlust der österreichischen Parteipresse.

Die aktuellen Bewegungen am österreichischen Printmedienmarkt betreffen jedoch nicht nur die Zeitungen, sondern tangieren auch die Zeitschriften. . Deutlich in Bewegung geriet die brachliegende Zeitschriftenlandschaft in den achtziger Jahren - und dies in mindestens drei Teilbereichen:

In der ersten Half te des Jahrzehnts starten „Wiener“ und „Basta“ -beide nach anfänglichen Turbulenzen - als Zeitgeist-Magazin ihren Reichweiten-Siegeszug bei einer jungen, finanzkräftigen, Urbanen Zielgruppe. Der „Wiener“ riskiert sogar den Sprung in die Bundesre-

publik, wo er als Lizenzausgabe des Heinrich-Bauer-Verlags erscheint. Während der „echte“ „Wiener“ in rein österreichischem Besitz steht, ist an der Illustrierten „Basta“ -über die Kurier AG - die WAZ beteiligt.

1985 führt Kurt Falk „Die ganze Woche“ mit enormen Werbeaufwand am Markt ein. An die Tradition der österreichischen Regenbogenpresse der fünfziger Jahre an-

knüpfend und in ihrem Selbstverständnis an die Leipziger „Gartenlaube“ erinnernd, mit ihrer breitgestreuten Themenpalette und ihren prominenten Kolumnisten erzielt Falks wöchentliche Postille binnen kurzem eine Reichweite, die nur hinter jener von ORF und „Neuer Kronen-Zeitung“ zurücksteht.

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zeichnen sich auch auf dem Teilsektor der zielgruppeno-rientierten Zeitschriften neue Trends ab. Besonderes trifft dies für die Wirtschaftsmagazine zu - sie präsentieren sich in erstaunlich ausdifferenziert: „Gewinn“, „Erfolg“, „Cash Flow“ und „Option“ teilen sich neben dem „trend“ dieses enge Marktsegment. Sind „Gewinn“ und „Erfolg“ rein österreichische Produkte, gehört „Option“ seit Jänner 1989 zu 50 Prozent der bundesdeutschen Verlagsgruppe Handelsblatt. „Cash Flow“ schloß 1988 einen Kooperationsvertrag mit dem Hamburger Verlag Gruner j Jahr.

Für Österreich ungewohnt ist die Belebung des Marktes für Frauenzeitschriften. Nach der Gründung

von „Frau und Freizeit“ 1977 versuchen seit 1986 die extravagant elitäre „Wienerin“ und seit September 1989 die Mode-Illustrierte „Diva“ der bundesdeutschen Konkurrenz Paroli zu bieten.

Am Supplementmarkt entschließen sich die Bundesländerzeitungen zu einer Kooperation: Sie gründen am 7. Oktober 1988 die Tele-Zeitschrif tenverlags Ges., an der die Bertelsmann-Tochter Deutscher Supplement-Verlag geringfügig beteiligt ist. Seit März 1989 liegt der „Kleinen Zeitung“, den „Oberösterreichischen Nachrichten“, den „Salzburger Nachrichten“, der „Tiroler Tageszeitung“, den „Vorarlberger Nachrichten“, der „Neuen Vorarlberger Tageszeitung“ und der Wochenzeitung „Niederösterreichische Nachrichten“ das vierfär-bige TV-Supplement „Tele“ bei. Dem Thema Freizeit widmet sich die „Freizeit-Woche“ des „Kurier“, die seit Ende August der Tageszeitung beiliegt.

Die Autorin ist Vertragsassistentin am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg.

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