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Bomben, Tanker und Boykotte

1945 1960 1980 2000 2020

Auf einen Vermittlungsversuch aus Syrien sind im Golfkrieg schwere Angriffe Irans wie des Irak auf internationale Öltanker und Geleitzüge gefolgt. Eine neue Bodenoffensive der Perser und wirtschaftliche Boykottmaßnahmen aller Araber gegen Teheran und seine Handelspartner zeichnen sich ab. Amerikaner und Sowjets liegen mit Interventionsplänen auf der Lauer.

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Auf einen Vermittlungsversuch aus Syrien sind im Golfkrieg schwere Angriffe Irans wie des Irak auf internationale Öltanker und Geleitzüge gefolgt. Eine neue Bodenoffensive der Perser und wirtschaftliche Boykottmaßnahmen aller Araber gegen Teheran und seine Handelspartner zeichnen sich ab. Amerikaner und Sowjets liegen mit Interventionsplänen auf der Lauer.

Damaskus war als zweitgrößter arabischer Empfänger saudiarabischer Finanzhilfe nach dem Irak und als bester Freund der Ayatollahs unter den Arabern aus Rijad zu seinem Friedensvorstoß in Teheran gedrängt worden. Präsident Assad entsandte immerhin seinen Stellvertreter und langjährigen Außenminister Abdel Halim Chaddam in die Höhle des persischen Löwen. Er wurde dort höflich, aber nicht gerade herzlich aufgenommen.

Schon in den Erscheinungen des glattrasierten, wohlgenährten und jovialen Syrers im Maßanzug und des düster-bärtigen islamischen Staatsoberhauptes Cho-meini kam die Welt zum Ausdruck, die inzwischen das säkulare Syrien bei allem taktischen Zusammenspiel vom fanatischen Gottesreich des schiitischen Iran trennt.

Chaddam soll die Perser darauf aufmerksam gemacht haben, daß Damaskus seine als Gefälligkeit an Chomeini 1982 verhängte Sperrung der irakischen Erdölleitung nach dem syrischen Mittelmeerterminal nicht mehr lange aufrecht erhalten könne.

Angesichts des wachsenden arabischen Zusammenrückens in der Golffrage könnten sich die Syrer keine Extratouren an der Seite der „Islamischen Revolution" mehr leisten. Das umso weniger, als sie selbst in der Auseinandersetzung mit Israel, in der Libanonfrage und beim palästinensischen Führungskonflikt auf interarabische Unterstützung angewiesen sind.

Der syrische Chefdiplomat hat seine zelotischen Gesprächspartner auch darauf hingewiesen, daß der Export der iranischen Unduldsamkeit und Selbstherrlichkeit zu den libanesischen Schiiten ganz und gar nicht im Sinne der Anschlußpläne von Damaskus mit dem „groß-syrischen" Libanon wäre.

In Teheran ist dieser Wink des letzten engen Verbündeten mit dem Zaunpfahl als Schwächezeichen mißverstanden worden. Noch vor der Abreise Chaddams griff die iranische Luftwaffe einen Tanker aus Hongkong vor Saudiarabiens Küste an und setzte damit das Fanal zu der schon zweiten Golfkrise in diesem Mai.

Die irakischen Schläge gegen zwei Schiffe in der Nähe des iranischen Erdölhafens Charg und eines ganzen Konvois vor Bandar Chomeini sind damit nicht auf eine Stufe zu stellen. Der Irak operiert in einer von ihm klar erklärten und genau umrissenen Seekriegszone persischer und internationaler Gewässer. Das ist eine vom internationalen Seefahrtsrecht zulässige, von Englands Kontinentalsperre bis zum Falklandkrieg gängige Praxis.

Dazu kommt, daß sich Bagdad dabei in erster Linie seiner Haut gegen die bald zweijährige Blok-kade seiner Golfroute durch die iranischen Geschütze am Schatt al-Arab wehrt. Der Vorschlag des persischen Botschafters bei der UNO, die Luftangriffe auf alle Schiffe im Golf einzustellen, zielt daher auf keinen ehrlichen Kompromiß, sondern die Sicherung eines kriegsentscheidenden wirt-schafts-strategischen Vorteils ab.

Die Araber machen daher jetzt mit dem Wirtschaftskrieg gegen Iran ernst, den sie diesem schon Mitte März für den Beharrungsfall bei seinen expansionistischen Plänen für einen fundamentalistischen Umsturz im Irak und die gewaltsame Ausbreitung seiner sektiererischen Facon, allein selig zu werden, über die ganze Golfregion angedroht hatten.

Diese Boykottbeschlüsse des Außenministertreffens der Arabischen Liga in Bagdad sind bisher von der Weltöffentlichkeit ebenso unterschätzt worden wie jetzt die gesamtarabische Resolution von Tunis, auf die zum ersten Mal auch Libyen und ebenso, wenn auch nur stillschweigend, Syrien festgelegt werden konnten.

Die Konsequenzen beider Konferenzen sind aber schon unterwegs. Delegationen der Liga suchen Irans Erdölabnehmer und „Durchhalte"-Lieferanten auf. Sie versuchen ihnen zuerst im guten arabische Alternativlieferungen beziehungsweise -auftrage anzubieten. Kann man sich darüber nicht einigen, so stehen Boykottmaßnahmen gegen Staaten und Firmen auf dem Programm.

Israel hat solche nur dank der massiven Hilfe aus den USA und dem Westen, den Wiedergutmachungen für die materiellen Schäden des Nationalsozialismus am jüdischen Volk und dessen weltweiter Solidarität verkraften können. Auch die persische Führung der Zwölfer-Schüten geht jetzt daran, ihre internationale Anhängerschaft, vor allem in Pakistan und Indien, für „Heilig-Krieg-Spenden" zu animieren. Außerdem wollen jetzt auch die Iraner dem Beispiel des Irak folgen und die Golfroute durch eine Erdölleitung über die Türkei umgehen.

Diese soll die iranischen Rohöllieferungen an die Europäer sichern und intensivieren und damit den Golfkrieg verlängern. Die Araber wollen sich daher nach den Japanern mit ihren Boykottplänen als nächste an Europa wenden. Weniger an die EG-Staaten, wo vor allem die Bundesrepublik Deutschland ohnedies 1984 schon bis zu 50 Prozent weniger Iran-Geschäfte durch Handelsbarrieren der Ayatollahs befürchten muß.

Im Blickfeld der Arabischen Liga stehen Wien und Bern, für die Iran wieder zu einem noch größeren Handelspartner wie unter dem Schah geworden ist. Für die Schweiz steht die „Islamische Republik" seit 1983 nach den USA an zweiter Stelle, und Österreich hat seine Exporte an das Regime von Teheran im gleichen Jahr von vorher 2,307 Milliarden Schilling auf 4,931 Milliarden mehr als verdoppelt.

Die arabische Gemeinschaftsinitiative macht es aber in Zukunft fast unmöglich, vom Golfkonflikt auf beiden Seiten zu profitieren. Wie die USA bei ihren Waffenlieferungen wird auch für Japaner und Europäer wirtschaftlich die Stunde der Wahrheit auf der einen oder anderen Seite fallen. Zu Chomeini kann man heute — genausowenig wie einst zu Hitler — neutral bleiben!

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