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Brennende Ölfelder

Die Krise am Golf stürzt die Weltwirtschaft in ein Dilemma: steigende Inflation, Rohöl- und Benzinpreiserhöhun-gen sowie (mögliche) Kurseinbrüche. Auch eine Hoch-Zeit für Spekulanten.

Allgemein überrascht hat die relativ ruhige Reaktion der internationalen Devisen-, Aktien- und Rohstoffmärkte auf die enttäuschenden Ergebnisse diverser Konferenzen der letzten Tage über eine friedliche Beilegung des Kuweit-Konflikts. Grund dafür könnte einerseits sein, daß einflußreiche Anleger, die das alles für einen großen Poker halten und an ein Weiterleben nach dem 16. Jänner glauben, die Gunst der Stunde nutzen, sich jetzt billig mit Material eindecken und so weitere Preis-und Kursverfälle verhindern. Oder aber es handelt sich um den Aus-

druck von Unsicherheit und Atemholen vor den Turbulenzen, die sich im Falle einer heißen Phase des Konflikts abzeichnen.

Egal, ob eine solche Phase nur kurz - nach Ansicht von Militärs kann der Irak höchstens zehn bis 14 Tage widerstehen - oder länger andauert: Nicht nur die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Welt werden anhaltend sein.

Die Ölmärkte stellen möglicherweise gar nicht die unangenehmste Seite der sich im Kriegsfall abzeichnenden Probleme dar: Das Fachblatt „Petroleum Intelligence Weekly" hat darauf hingewiesen, daß der Beitrag der OPEC zur Bedarfsdeckung mit 24 Millionen Barrel pro Tag etwa 40 Prozent des weltweiten Tagesbedarfs ausmacht, wovon im Kriegsfall nur 1,5 Millionen Barrel sofort und direkt gefährdet wären.

Können irakische Luftangriffe und Sabotageaktionen auf Olför-derungs- und -transportanlagen in der Folge verhindert werden, so sollten ausreichende Ölmengen verfügbar bleiben. Auch für den gegenteiligen Fall ist festzustellen, daß sich die Angebotsflexibilität der anderen Produzenten schon zuletzt als sehr hoch erwiesen hat und außerdem Krisenvorräte für zumindest drei Monate in den westlichen Industrieländern angelegt sind. Wenn außerdem noch die koordinierenden Notstandsregelungen der Internationalen Energieagentur (IEA) wie geplant greifen, dann könnte eine kürzere Kriegsphase zumindest von der Ölversorgung her relativ glimpflich überstanden werden.

Schwierig wird die Situation naturgemäß bei längerer Kriegsdauer, bei starker Zerstörung von Ölanlagen in größerem Umkreis der Kriegshandlungen (vor allem in Saudi-Arabien) und bei hysterischen und spekulativen Reaktionen auf den Ölmärkten. Gerade letzteres dürfte tatsächlich eine gewisse Gefahr für das Preisniveau und seine Stabilität darstellen. Über längere Zelt hohe Ölpreise würden aber den endgültigen Ruin der osteuropäischen Staaten und der Entwicklungsländer bedeuten.

Aber auch für die westlichen Industrieländer wird die Angelegenheit üble Konsequenzen haben. Wa's die Ölversorgung betrifft, ist wie gesagt im schlimmsten Fall mit Kontingentierungen, Rationierungen und autofreien Tagen in Abstimmung mit der IEA zu rechnen -wodurch die möglichen katastrophalen Auswirkungen klimatischer und ökologischer Art von brennenden Ölf eidern allerdings auch nicht mehr gemildert werden können. Die ohnehin bereits schwache Konjunktur wird wohl endgültig zu ihrem

Abbruch kommen. Steigende Preise infolge von Spekulationen werden die Regierungen zu restriktiven Maßnahmen zwingen und die Unsicherheit wird die Investoren und Konsumenten zu größter Zurückhaltung veranlassen.

Selbst die zynische Hoffnung, daß durch die Ausgaben für die Operation „Wüstenschild" in den USA Arbeitsplätze geschaffen und ein konjunktureller Wiederaufschwung in Gang gesetzt werden könnte, scheint diesmal nicht angebracht. In der guten alten Zeit begannen Kriege mit boomartigen Anstiegen von Aufträgen an die Rüstungsindustrie, die für Beschäftigung und Einkommen sorgten.

Dem ist 1991 nicht so. Die ganzen achtziger Jahre über hatten die US A schon - im wahrsten Sinne des Wortes - auf Teufel komm raus gerüstet, weil der frühere Präsident Ronald Reagan sich berufen fühlte, den Krieg gegen das „Reich des Bösen" schlechthin zu führen. Heute ist daher ein Riesenarsenal vorhanden, das keiner Erweiterung bedarf, sondern eher seiner Erprobung harrt. Die Belastungen für die US-Wirtschaft waren aber bisher schon enorm. Die Rohöl- und Ben-

zinpreissteigerungen seit August haben bereits Milliarden Dollar gekostet, welche groteskerweise großteils nach Saudi-Arabien zurückgeflossen sind - ein Land, das (wie manche andere potentielle Nutznießer einer Militäraktion gegen den Irak) nur zögernd bereit ist, seinen Anteil an den Stationie-rungs-.und (hoffentlich nicht) Kriegskosten zu tragen. Steigende Inflation und Verunsicherung haben das Wachstum in den USA schon jetzt auf Null reduziert.

Die Kosten des „Wüstenschilds" beliefen sich für die USA bereits bis 15. Jänner auf mehr als 30 Milliarden Dollar. Diese Beträge können - da Steuererhöhungen nicht in Frage kommen - nur durch Zuschüsse aus dem Ausland oder durch neuerliche Aufstockung der ohnehin schon riesigen Staatsschuld aufgebracht werden. Für die wei-

tere gesellschaftliche Entwicklung in den USA verheißt das alles wenig Gutes. So wird die Welt nach dem 15. Jänner auf jede Fall eine andere sein.

An den Devisenbörsen würden Dollar und Schweizer Franken als Fluchtwährungen im Kurs ansteigen, desgleichen Gold. An den Aktienbörsen wäre mit Einbrüchen zu rechnen - außer vielleicht bei Rüstungsaktien. Bei einer länger anhaltenden Ölpreishausse käme das auf der Finanzseite schon zuletzt angeschlagene Japan in ernsthaftere Schwierigkeiten.

Auch in Westeuropa würde sich die Lage verschlechtern. Die Ausgaben für die deutsche Wiedervereinigung könnten auch hier kein nennenswertes Wachstum mehr aufrechterhalten, wenn hohe Energiekosten, Unsicherheit und Krisenangst alle anderen Überlegungen überschatten. Kommt es in der Folge zu inflationären Tendenzen, so können diese von den wirtschaftspolitischen Instanzen entweder in Kauf genommen werden (was unwahrscheinlich ist), oder aber durch entsprechende Maßnahmen (zum Beispiel restriktive Geldpolitik und weiter steigende Zinssätze) zu bekämpfen versucht werden. In diesem Falle stünde einer wirtschaftlichen Abschwächung nichts mehr im Wege.

Darunter hätte natürlich auch Österreich zu leiden. Den tagespo-Litischen Hit der letzten Wochen, nämlich die Abschaltung von Bo-hunice und anderer Bedrohungen, könnte man sich bei Schwierigkeiten in der Energieversorgung dann wohl endgültig aus dem Kopf schla-

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