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Büßen heißt auch „alternativ leben"

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„Versöhnung und Buße inn Sendungsauftrag der Kirche" ist das Thema der im September stattfindenden römischen Bischofssynode. Gibt es heute einen neuen Zugang zu diesen Fragen?

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„Versöhnung und Buße inn Sendungsauftrag der Kirche" ist das Thema der im September stattfindenden römischen Bischofssynode. Gibt es heute einen neuen Zugang zu diesen Fragen?

Das Wort „Buße" bezeichnet heute ausschließlich etwas Unangenehmes: Wenn einer zu schnell gefahren ist, muß er's eben büßen; entweder er muß Bußgeld zahlen, weil ihn die Polizei erwischt hat, oder er büßt gar dafür im Kran-keijhaus.

Aber auch für Christenohren klingt „Buße" nicht nach Frohbotschaft. Es gibt erfreulichere Dinge als Gewissenserforschung, Reue,' Vorsatz und Sündenbekenntnis. Bestenfalls wird man sagen, Buße muß sein, wie halt für manchen eine Operation oder gar eine Amputation sein muß.

Buße wäre an sich ein gutes Wort; es bedeutet „das Bessere" (von althochdeutsch buoz). Oder sagen wir es gleich modisch: büßen heißt „alternativ leben". In dieser Ubersetzung deckt es am ehesten die ganze Breite dessen ab, was in der Bibel gemeint ist: Nicht nur die Abkehr von der Sünde, sondern die Entdeckung einer neuen Lebensmöglichkeit.

Umkehr bedeutet zunächst einfach Abwendung vom Bisherigen. Der Kaufmann, der eine kostbare Perle fand (Mt 13), stellt sein Geschäft auf eine neue Grundlage, ohne daß sein bisheriger Laden schlecht gegangen sein müßte.

Buße ist also zunächst das Ergreifen der Alternative, die Gott in seiner Botschaft, die Jesus in seiner Einladung zur Nachfolge schenkt. Buße ist nicht zunächst Gegensatz zur Sünde, sondern Hinwendung vom Alten zum Neuen: . „Zieht den alten Menschen mitsamt seinen Werken aus und

„Pacher-Kind" in Salzburg entdeckt Michael Pachers aus Zirben-holz geschnitzter „Engelskopf" ist neuesten Untersuchungen zufolge der Kopf des zur Pacher-Madonna gehörigen Jesuskindes in der Salzburger Franziskanerkirche. Diese kunsthistorische Sensation wurde bei den derzeit stattfindenden Restaurierungszieht den neuen an!" (Kol 3,9).

Den Gegensatz alt — neu vertieft Johannes allerdings als Gegensatz zwischen Finsternis und Licht, zwischen Tod und Leben. Damit ist Buße nicht nur Abwendung vom Alten, sondern auch vom Veralteten, vom unbrauchbar und schädlich Gewordenen. Sie ist Abkehr von der Sünde, von Finsternis und Tod. Doch geht das freilich nicht iri einem einzigen Akt, so daß nachher das Alte und Veraltete, das Sündhafte und FinT stere keine Rolle mehr spielte, sondern nur in einem ständigen Prozeß, der identisch ist mit dem Prozeß des Glaubens.

Dieser hat seine Höhepunkte, seine Sternstunden und Tabor-Erlebnisse, doch keiner ist ein für allemal bekehrt und kann ein für allemal glauben. Er muß es vielmehr immer wieder und immer tiefgreifender tun. Dabei bleibt natürlich ein Defizit, das nicht abdeckbar ist,'und schon in diesem Sinn eine Schuld, deren man sich nicht einfach entledigen kann und mit der man leben lernen muß.

Das alles ist also Gegenstand einer „Bußkultur": Das Entdecken und Ergreifen einer neuen Lebensmöglichkeit, die Abkehr vom Bisherigen, vom Sündhaften und Bösen, aber auch die Fähigkeit, mit der nicht überwindbaren Schuld zu leben.

Leider steht bei der Darstellung von Buße oft nur die Abkehr von der Sünde vor Augen, wie etwa auch in den „Lineamenta" zur Bischofssynode 1983 über „Versöhnung und Buße im Sendungsauftrag der Kirche". Eine so eingeengte Sicht greift aber wohl zu kurz und ist nicht geeignet, den emotional so dunkel eingefärbten Begriff der Buße aufzuhellen, arbeiten vom zuständigen Restaurator Josef Ghezzi entdeckt.

Die Pacher-Madonna ist derzeit in der Sonderausstellung „400 Jahre Franziskaner in Salzburg" im Salzburger Dommuseum zu sehen, ihr wurde als Jesuskind eine spätere Imitation hinzugefügt. Der Original-Kopf wird nun ebenfalls im Dommuseum ausgestellt, der Körper gilt weiterhin als verschollen.

Bußkultur ist ein Stück Lebenskultur, und zwar unter einer dreifachen Rücksicht: Lebensemeue-rung, Abkehr vom Bisherigen sowie die Fähigkeit, mit der Schuld zu leben.

1. Lebenserneuerung

Die Entwicklung der Fähigkeit, Neues zu entdecken und sich auf Neues einzulassen, setzt eine Erziehung zum Vertrauen voraus. Jedes Kind ist von Natur aus neugierig; es will Neues entdecken und wendet sich arglos dem Neuen zu. Die Eltern können diese Freude am Entdecken liebend begleiten und das Kind dazu ermuntern. Sie können aber auch durch übertriebene Sorge das Kind zu einer ängstlichen Haltung bringen und ihm die Lebenseinstellung vermitteln, daß alles Neue gefährlich sei und nur das Gewohnte sicher.

Im Jugendalter bricht die Neugierde wieder mit großer Macht auf. Die Freude am Reisen erwacht, die Interessen wandeln sich, neue Menschen treten ins Leben, neue Freundschaften werden geschlossen. Uberängstliche Warnungen der Erzieher können jungen Menschen das Vertrauen zerstören und ihnen so die Möglichkeit rauben, eigene Erfahrungen zu machen und selbst unterscheiden zu lernen, was voranbringt und was nicht.

Wir müssen heute noch'' den Eltern der Apostel danken, daß sie ihre Kinder so natürlich und herzerfrischend erzogen haben. Sie haben ihnen offensichtlich keine Schwierigkeiten gemacht, daß sich einige in recht jugendlichem Alter in die Gruppe der Johannesjünger aufnehmen ließen, die sich doch von anderen religiösen Gruppen stark unterschied.

Anfang dieses Jahres hat der Papst zu einer Gruppe von deutschen Bischöfen gesagt: „Schreckt nicht zurück vor dem Wort .alternativ'!" Er hat damit ermutigt, das Anliegen vieler junger Menschen heute aufzugreifen, die einen neuen Lebensstil und ei»-ne neue Lebenseinstellung suchen. Der Papst fordert aber auch zum Gespräch gerade mit jenen jungen Menschen auf, „deren Eigenart und Mentalität zunächst fremd und seltsam erscheint". Er bittet also nicht um Geduld mit den „Alternativlern", sondern er sagt, diese richteten „stille, aber brennend lebenswichtige Fragen an uns alle".

2. Die Fähigkeit zur Distanzierung

Die Fähigkeit, sich dem Neuen zuzuwenden, setzt die Fähigkeit voraus, sich vom Bisherigen, vielleicht allzu lieb Gewordenen oder gar Verkehrten zu lösen. Auch das ist eine Frage des Vertrauens. Das Gewohnte und Gewesene scheint fürs erste sicherer zu sein als das Ungewohnte und Neue. Eine Zuwendung zum Neuen ist aber nicht möglich ohne Distanzierung vom Alten, auch wenn es das gute Alte ist.

Die Distanzierung von den Eltern ist eine Voraussetzung für das Gelingen einer neuen Ehe: „Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau" (Gen 2,24). Die Jünger, die Jesus gerufen hat, „verließen sogleich das Boot und ihren Vater und folgten Jesus" (Mt 4,22). Petrus hat gesagt: „Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?" Jesus antwoT+et ihm, dieses „Alles Verlassen" werde sich als Voraussetzung für die Teilnahme an der neugeschaffenen Welt erweisen.

Die Fähigkeit, Abschied zu nehmen, wird auch schon in der Erziehung des Kleinkindes vermittelt. Der Abschied vom Tag fällt fast allen Kindern schwer; sie wollen nicht Schlafengehen. Die Beendigung eines Spieles kanÄ ebenso Einübung in die Distanzierung sein wie das Aufgeben einer trotzigen Verhaltensweise.

Auch Jugendliche müssen den Abschied lernen, etwa von Verhaltensweisen, die man bei Kindern noch hingenommen hat, von Spielgefährten und Spielzeug aus der Kindheit. Auch sie haben schon einen „alten Menschen" abzulegen und einen neuen anzuziehen. Sie müssen lernen, wie man Konflikte austrägt und sich wieder miteinander aussöhnt.

3. Die Fähigkeit, mit der Schuld zu leben

Kein Menąch ist imstande, sich mit aller Kraft vom Alten zu distanzieren und sich dem Neuen zuzuwenden. Er wird immer wieder zögern und in der Halbheit steckenbleiben. Er wird sich dem scheinbar Neuen zuwenden, das ihn doch nicht wirklich voranbringt; und er wird sich entweder zu kraftlos vom Schädlichen distanzieren oder gar von dem, was er festhalten soll. Kein Tag läßt sich mit dem .Bewußtsein beschließen: Heute habe ich alles gut und recht gemacht; heute habe ich jede Chance genützt; heute war ich perfekt. Jeder Tag bringt vielmehr ein Defizit, hinterläßt ein Debitum, eine Schuld, die man sich nur vergeben lassen kann.

Es gehört also auch zur Bußkultur, mit dem Imperfekten leben zu lernen, ohne es zu verdrängen oder an sich selbst zu verzweifeln. Schon das Kleinkind muß die Erfahrung machen, daß man um seine Schwächen und Fehler weiß und es dennoch gern hat. Der Jugendliche muß erfahren, daß seine Eltern, seine Lehrer und Freunde mit seiner Unzulänglichkeit und seinem Versagen rechnen und ihn dennoch annehmen. Sie müssen erfahren, daß ein Gespräch über ihre Schuld und ihr Versagen die Freundschaft und Zuneigung nicht schwächt, sondern vertieft und stärkt.

In der Vorbereitung auf das Bußsakrament wurde (wird?) Vergebung oft wie das Wäschewaschen dargestellt: zuerst häßliche Flecken, dann reines Weiß. Gewiß, es gibt dafür biblische Vorbilder (Jes 1,18). Doch hat gerade diese Vorstellung auch zur Enttäuschung am Bußsakrament beigetragen: Man findet sich nachher mit denselben Problemen und Schwächen vor.

Die Lossprechung macht das Geschehene nicht ungeschehen; sie ändert die Situation nicht, in der einer lebt (in einer erbsündlichen Welt), noch kann sie bewirken, daß der Sünder in Hinkunft .sündelos lebt. Die Lossprechung ist vielmehr die amtliche und verbindliche Zusicherung: Du darfst leben trotz deiner Schuld; Gott liebt dich so sehr, daß er auf deine Sünden einfach nicht achtet (Ps 130,3-4).

In diesem Jahr wird viel über die Erneuerung des Bußsakramentes nachgedacht, geredet und geschrieben. Diese Erneuerung wird nicht möglich sein ohne eine Befähigung zur Buße in dem gezeigten weitesten Sinn. Das Bußsakrament in der Form der Einzelbeichte steht wohl nicht am Anfang, sondern am Ende aller Bußkultur. Das breite Vorfeld zu diesem Sakrament muß von sehr vielen bearbeitet werden.

Der Autor ist Pastoraltheologe an der Kath. Theol. Hochschule Linz; der Beitrag ist -leicht gekürzt - Heft 2/1983 der Zeitschrift „Drakonia" entnommen.

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