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Bundesland ohne Landeshauptmann

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Zählungen sind schwierig, wenn nicht unmöglich, aber man schätzt, daß fast eine Million Österreicher im Ausland lebt. Unter den Bundesländern stünde das bei einschlägigen Feierstunden so gern zitierte „zehnte“ daher wahrscheinlich an fünfter Stelle. Und selbst, wenn man jene Auswanderer, die eine fremde Staatsbürgerschaft angenommen haben, abzieht und nur die sogenannten Paß-Österreicher als Auslandsösterreicher gelten läßt, kommt man über 350.000 Personen — mehr als im Burgenland oder in Vorarlberg leben und nicht viel weniger als die Einwohnerschaft des Bundeslandes Salzburg. Aber was tut die Heimat, um den Kontakt mit ihnen nicht abreißen zu lassen?

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Zählungen sind schwierig, wenn nicht unmöglich, aber man schätzt, daß fast eine Million Österreicher im Ausland lebt. Unter den Bundesländern stünde das bei einschlägigen Feierstunden so gern zitierte „zehnte“ daher wahrscheinlich an fünfter Stelle. Und selbst, wenn man jene Auswanderer, die eine fremde Staatsbürgerschaft angenommen haben, abzieht und nur die sogenannten Paß-Österreicher als Auslandsösterreicher gelten läßt, kommt man über 350.000 Personen — mehr als im Burgenland oder in Vorarlberg leben und nicht viel weniger als die Einwohnerschaft des Bundeslandes Salzburg. Aber was tut die Heimat, um den Kontakt mit ihnen nicht abreißen zu lassen?

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Die Antwort lautet: Wahrscheinlich schon sehr bald viel mehr als bisher. Die Wahl des Verlegers Fritz Molden zum Präsidenten des Auslandsösterreicherwerkes deutet darauf hin. Molden ist kein Kleiderständer für Ehrenämter. Er pflegt die Dinge, für die er sieh interessiert, sehr intensiv in die Hand zu nehmen. Die Beziehungen zwischen Österreich und seinen Ausgewanderten, aber auch den nur zeitweilig im Ausland lebenden Staatsbürgern, haben es notwendig, in die Hand genommen zu werden.

Auf den ersten Blick scheint es eine heterogenere Gruppe kaum zu geben. Der Universitätsprofessor neben dem Hilfsarbeiter, der Burgenländer, der während der Weltwirtschaftskrise sein Glück in Amerika suchte, neben dem Juden, der die Heimat 1938 verlor, der Ex-Österreicher in Australien, für den schon die geographische Entfernung den Abbruch alller Brücken bedeutet, neben dem jungen österreichischen Akademiker in einem bundesdeutschen Konzern, der mehrmals im Jahr nach Hause kommt.

Aber wenn man 'auch nur ein bißchen unter Österreichern im Ausland herumgekommen ist, weiß man, daß sie, oder genauer gesprochen: daß große Gruppen von ihnen vieles gemeinsam haben. Sicher wurden die in der Bundesrepublik lebenden Österreicher (die allerdings die größte Gruppe darstellen) von der — hier relativen — Fremde am wenigsten verändert. Wo immer sonst aber Österreicher schon lange und nicht nur vorübergehend leben, hat ein großer Teil von ihnen Vorstellungen von der Heimat bewahrt (oder aufgebaut), die der veränderten österreichischen Wirklichkeit nicht mehr ganz entsprechen.

In Ländern mit hohem Anpas-sungsdruck und zugleich Lebensstandard, wie in den USA, wird das abgelegte österreichertum von vielen Menschen wie ein seelisches Schrebergärtlein für die Freizeit gepflegt, sonst aber unterspielt — in anderen, etwa manchen nahöstli-ehen Ländern wiederum, wo echte Assimilierung unmöglich erscheint oder auch gar nicht erstrebt wird, wo das Leben auch materiell nicht immer leicht ist und ein echtes Sicherheitsgefühl fehlt, wird Österreich idealisiert, wird zumal in der Vorstellung von Menschen, die vielleicht nur wenige Lebensjahre hier verbracht haben, fast zu einem verlorenen Paradies, nach dem man sich zurücksehnt.

Viele Österreicher verdrängen ihr österreichertum in den ersten, harten Eingewöhniungsjahren — um später, oft viel später, die Erinnerung um so intensiver au kultivieren. Und die Vorstellung vieler Auslandsösterreicher von Österreich gleicht einem bei der Abreise stehengebliebenen Film: die Ereignisse der letzten in Österreich verbrachten Zeit werden überbetont, überbewertet, werden zum Maßstab für die Beurteilung der seither laufend empfangenen Informationen aus oder über Österreich.

Nahezu alle Ex-Österreicher und Paß-Österreicher sind bereit, sich als Österreicher oder ehemalige Österreicher ansprechen, über österreichische Themen und ihr Verhältnis zu Österreich befragen au lassen und bei gegebenem Anlaß ein Wort zugunsten Österreichs au sprechen. Österreich selbst ist sich vielleicht nicht so recht im klaren darüber, wieviel von dem internationalen Goodwill, den es genießt, auf die im Ausland lebenden Österreicher zurückzuführen ist. Allein die vor einigen Jahren im Auftrag des Wissen-sahaftsministeriums durchgeführte „Nachforschung“ nach österreichischen Wissenschaftlern in aller Welt führte zu einem sehr eindrucksvollen Ergebnis: es sind noch viel mehr, als man gedacht hatte. Gerade für ein kleines Land wie Österreich stellt eine große Zahl qualifizierter Auswanderer einen gewaltigen Image-Aktivposten dar — für den aber auch etwas getan werden muß. Jedes Zeichen, daß sie ihr Land nicht vergessen hat, pflegt die noch vorhandenen Solidaritätsgefühle der Auslandsösterreicher zu mobilisieren, was dazu führt, daß sie noch mehr bereit sind, sich als (Ex-)öster-reicher zu deklarieren, Österreich zu verteidigen, als Reiseland zu empfehlen.

Viele Ansätze, den Österreichern im Ausland Österreich in Erinnerung au bringen, sind versickert. Das von Bundeskammer und Außenministerium gespeiste Jahresbudget des Auslan'dsösterreioherwerkes ist mit 700.000 Schilling lächeiHich gering. Beschämend gering. Man darf hoffen, daß die Wahl Moldens zum Präsidenten dieser Organisation eine Umkehr signalasiert.

In Moldens VeiHagstaus ging's bie-nenschiwar,mrnäßiig zu, als wir ihn besuchten — was allerdings nicht auf eine Invasion von Auslands-österreichern, sondern auf die unmittelbar bevorstehende Buchmesse zurückzuführen war. Seine neue Funktion ist alles andere als ein Repräsentation^ ob, er sieht hier eine Aufgabe, die er für wichtig hält, hat ein Konzept, weiß genau, was er will — und wer ihm dabei helfen soll, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen: „Wenn iah das kann, dann habe ich mich entschlossen, wenn schon, denn schon, mit großer Intensität da einzusteigen und mitzumachen.“

Die Voraussetzungen sind materieller Natur: Das Auslandsösterreicherwerk hat kein brauchbares Büro, „unser Büro ist ein Dachkammerl“, man kann dort nicht arbeiten. Gearbeitet aber muß werden, konsequent, effizient, um zunächst vier Dinge zu erreichen, oder eigentlich fünf — aber der fünfte Punkt betrifft nicht die durchzusetzenden Forderungen des Austendsösterrei-aherwerkes an andere, zuständige staatliche Stellen, sondern eine Aufgabe, die es selbst zu lösen hat.

Molden formuliert schnell, ohne Abschweifungen, durchdacht — wie einer, der sich mit dem, worüber er spricht, seit einer ganzen Weile intensiv beschäftigt. Das erste Problem wird nur mit einer Politik vieler kleiner Schritte zu verwirklichen sein, muß aber in Angriff genommen werden. Man hat sahon so oft und so lange darüber geredet: Das Wahlrecht der Auslandsösterreicher bei Nationalratswahlen. Ein Briefwahlrecht? Nein, meint Molden, Sektionschef Pahr zufolge, „der ja auch bald mit den Auslandsösterreichern direkt mehr zu tun halben wird, und der im Verfassungsdienst damit befaßt war“, sei nicht das Briefwahlrecht „das Mögliche“, sondern eher daran gedacht, in Botschaften und Generalkonsulaten Wahlkomimissio-nen zusammenzustellen und wenigstens den sogenannten Serviceösterreichern, Diplomaten, Handelsdelegierten, UNO-Soldaten, die Wahlbeteiligung zu ermöglichen. Eine weitere Gruppe, deren Wahlrecht im Ausland gesetzlich verhältnismäßig leicht sichergestellt werden könnte, wären im Ausland lebende Österreicher mit einem ständigen Wohnsitz in Österreich: VÖEST-In-genieure, Monteure und anderes österreichisches Personal österreichischer Unternehmen, Schauspieler, Journalisten, jeder, der länger im Ausland lebt, ohne seinen österreichischen Wohnsitz aufzulassen. Molden sieht von einer solchen Regelung eine Gruppe von einigen zehntausend Österreichern betroffen.

Schwieriger, meint er, wäre wahl-rechtlioh an die große Gruppe der Paßösterreicher ohne inländischen Wohnsitz heranzukommen: Für sie wäre eine .yweitgehende Reform des österreichischen Wahlrechtes“ notwendig — anzupeilen, aber noch in fernerer Zukunft.

Ein zweiter Punkt, aber sicher auch in Verbindung mit dem ersten zu sehen, ist der Wunsch, das Auslands-österreioherwerk au einer Anstalt des öffentlichen Rechts zu machen und au erreichen, daß es das Begut-aohtungsreOht von Gesetzentwürfen, welche die Auslandsösterreicher betreffen, erhält.

Ja, wurde das noch nicht versucht? Es wunde, so Molden, schon oft versucht — alles, was jetzt angegangen werden soll, wurde sohon versucht, ist alber immer wieder steckengeblieben. Es geht um die gewisse „Dynamik“, den „Dampf dahinter“, ohne die keine gute Idee Wirklichkeit zu werden vermag.

Der dritte Programmpunkt ist, die Auslandsösterreicher enger an Österreich zu binden, indem man versucht, ihnen hierzulande gewisse Bevorzugungen und Erleichterungen einzuräumen. Gedacht wäre an einen rotweißroten „Auslandsösterreicherpaß“, eine Art Ausweiskarte, die Auslandsösterreicher au billigeren Bahnfahrten in Österreich berechtigt, ihnen Preisvorteile in bestimmten Fremdenverkehrsbetrieben verschafft — Dinge, die sicher Zinsen und Zinseszinsen trügen, denn, siehe oben, und dhne die Verdienste der österreichischen Fremdenverkehrswerbung schmälern zu wollen — das zehnte Bundesland hat an den Erfolgen des österreichischen Fremdenverkehrs sicher seine Verdienste.

Viertens fordert das Auslandsösterreicherwerk eine bessere So-zialbefürsorgung der Auslandsösterreicher dort, wo es sich um Sozialfälle handelt. Es gibt zwar einen vom Finanzministerium verwalteten Fonds für diese Zwecke, „wo aber auch noch etwas Dampf dahinterkommen müßte“.

Das Auslandsösterreioherwerk selbst gibt eine Zeitschrift heraus, „sehr liebevoll gemacht, ein bisserl altmodisch“, was jeder bestätigen kann, der sie in der Hand gehabt hat — sie könnte nicht nur „sicher anders gemacht werden“, sie müßte vor allem in die Hände der Auslandsösterreicher gelangen. Was jetzt an den hohen Kosten des Einzelversands scheitert: Statt an Einzelinteressenten wird das Blatt an die Vereine der Auslandsösterreicher geschickt, und, meint Molden, „wenn Sie 400 Exemplare nach Chicago schicken, das Mitglied wohnt aber in Montana, ist es ein bisserl kompliziert, jedesmal 3000 Kilometer zu fahren, um die Zeitung zu holen“.

Es soll also die Abonnentenwerbung in Angriff genommen werden — was nicht nur von redaktionellen Voraussetzungen, nämlich dem Interesse der Menschen, die das Blatt lesen und bezahlen sollen, abhängt. Man braucht auch ihre Adressen, um sich überhaupt an sie wenden zu können — das Auslandsösterreicherwerk besitzt aber nur 6000 Adressen. 6000 von fast einer Million. „Dies alles“, sagt der neue Präsident des Auslandsösterreioherwerkes, „will ich versuchen, mit Hilfe des Vorstandes, der in den nächsten Monaten vergrößert werden soll, durchzusetzen. Dazu werden wir Geld brauchen, wir werden versuchen, zu den bisherigen beiden Paten des Auslandsösterreicherwerkes, Bundeskammer und Außenministerium, weitere zu gewinnen, den Gewerk-schaftsbundi die Indiustrieiienver-einigung, gleichzeitig wenden wir die bisherigen Paten bitten, ihre Beiträge zu verdoppeln“.

Molden 'hofft, das Budget des Auslandsösterreioherwerkes, das er — als Pendant des Weltbundes der Österreicher im Ausland, der unter der Präsidentschaft von Generalkonsul Werner in Lugano 200 Vereine von Österreichern im Ausland umfaßt — mit dem einen Kopf des Doppeladlers vergleicht, im kommenden Jahr auf drei Millionen aufstocken zu können. Er hat mit dem Bundeskanzler gesprochen — „die Dinge gehen dann, wenn er sie für richtig, für vernünftig hält“ — und „ihn gefragt, ob er der Sache prinzipiell positiv gegenübersteht, er hat das bejaht, ich werde ihm in vier oder sechs Wochen ein Expose überreichen, in dem wir unsere Vorschläge konkret darlegen“.

Molden ist der erste, der die Verdienste anderer hervorhebt, seines Vorgängers im Präsidentenamt, Professor Clemens Holzmeister, des Generalsekretärs, Generalkonsul Gesandter a. D. Klein. Aber: „Es hat eben doch in den letzten Jahren ein bißchen an einer gewissen Dynamik gefehlt.“

Die gewisse Dynamik bringt Fritz Molden in sein neues Amt zweifeil-los mit. Und, zur parteipolitischen Neutralität und zur Weltigewandt-heit, die dieses sein neues Arbeitsgebiet erfordert, auch noch eine Portion Organisationstalent, Zielstrebigkeit und Weitblick. Man darf hoffen, daß Österreich seine im zehnten Bundesland sdhlummernden Reserven in Zukunft etwas mehr hätschelt — zum eigenen Nutzen des Mutterlandes. Das zehnte Bundesland ist eines ohne Landeshauptmann — aber es braucht jemanden, der sich seiner intensiv annimmt.

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