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Cadillacs für die Baschkiren

1945 1960 1980 2000 2020

Rom und Byzanz reizten ihre Provinzen durch fiskalische Ausplünderungen zu Revol­ten. Steht Moskau, das „drit­ten Rom", vor einem ähnli­chen Schicksal? Die Lage spitzt sich jedenfalls zu.

1945 1960 1980 2000 2020

Rom und Byzanz reizten ihre Provinzen durch fiskalische Ausplünderungen zu Revol­ten. Steht Moskau, das „drit­ten Rom", vor einem ähnli­chen Schicksal? Die Lage spitzt sich jedenfalls zu.

Als Gorbatschow Mitte Jänner in Vilnius gegen die Abspaltung Li­tauens agitierte, stieß er auf eisige Ablehnung. Gerade jetzt, wo man in Westeuropa einen gemeinsamen Markt errichten wolle, drohe der einheitliche Wirtschaftsraum der UdSSR zu zerfallen, grämte sich der Kremlchef. Daß aber Litauen für den Hafen in Memel keine Kopeke bekäme, davon wollte er allerdings nichts hören.

Stellvertretend für andere gei­ßelte der Parteisekretär des Koly-mer Goldreviers in einer Reportage der „Moskauer Nachrichten" die zentrale Wirtschaftsführung: „Alle Ministerien und alle Hauptverwal­tungen sitzen in Moskau. Alles wird geschluckt, als säße da ein uner­sättlicher Moloch!" Die Goldsucher in Kolyma erhalten für ein Gramm Gold sechs Rubel, der Staat ver­kauft das Gramm für 50 Rubel weiter. Diese Gewinnspanne beflü­gelt die Phantasien. Kein Wunder, daß die Sibirer, großteils Russen, mit dem Rechenstift in der Hand über eine Abspaltung von der Mos­kauer Zentralgewalt sinnieren. In Sibirien lagern vier Fünftel der Erdgas- und Kohlereserven und drei Viertel der Holz- und Wasserkraft­reserven der Union. Aber außer Extraktion und Abtransport der Naturschätze tut sich nichts. Die zentrale Wirtschaftsbehörde findet es zu mühsam, an Ort und Stelle weiterverarbeitende Industrien aufzubauen. Dafür müssen die Fertigprodukte unter erheblichem Aufwand Tausende Kilometer re­tour gekarrt werden. Der Baum wird hier geschlägert, der Tisch wird in Tallinn gezimmert. Und der Groll steigt.

Lage und Stimmung sind in den anderen Teilen des Imperiums nicht viel anders. In den südlichen Repu­bliken sieht es besonders trist aus. So hat sich in Usbekistan zwar die Bevölkerung seit 1960 mehr als verdoppelt, die zugewiesenen Haus­haltsmittel blieben aber gleich. Von 17 Millionen Usbeken sind 2,5 Mil­lionen arbeitslos. Der Lebensstan­dard erreicht nur die Hälfte des Unionsstandards - und der ist schon erbärmlich genug. Die Überdün­gung der riesigen Baumwollfelder hat die Toxizität des Trinkwassers derart erhöht, daß elf von 100 Säug­lingen sterben. Die Baumwolle aber wird zu niedrigsten Preisen nach Rußland zwangsausgeführt. Texti­lien sind in Usbekistan selbst knapp. In den anderen „Baumwollrepubli­ken" ist die Lage auch so.

Aserbeidschan produziert Güter im Wert von 50 Milliarden Rubel, Moskau reinvestiert davon nur vier Milliarden. Der Ökonom Achmed Ismailow kritisiert die Einseitig­keiten: Baumwolle, in Aserbeid­schan produziert, würde in den Spinnereien Zentralrußlands auf das Zehnfache ihres Wertes gestei­gert. Die Rohstoffe für die Textilin­dustrie werden zu 90 Prozent im Süden produziert, aber zum selben Prozentsatz im Norden weiterver­arbeitet. Die Zentrale läßt alle In­vestitionsmittel für Betriebsgrün­dungen in russische Erde fließen, die islamischen Regionen erhalten nur kärgliche acht Prozent zuge­teilt.

Solange man an Moskaus Gän­gelband zappelt, kann sich die re­gionale Wirtschaft nicht entfalten. Wirtschaftsdaten sind für militan­te Nationalisten allerdings längst zum ABC der Agitation geworden. Simplifikationen sind da gang und gäbe: Würde die Baschkirische Republik - ein wichtiger Erdöl­produzent - unabhängig werden und der OPEC beitreten, würde der ganze Erlös vom Verkauf des Erdöls in die republikseigenen Taschen fließen. Statt Baracken, Wolkenkratzer in Ufa! Jedem Baschkiren ein amerikanischer Straßenkreuzer!

Entschiedene Nationalisten fin­den immer ein Haar in der Suppe: Wird investiert, so nur deshalb, um Bewohner und Ressourcen besser ausbeuten zu können. Wird wenig investiert, so will Moskau die Re­gion aushungern. Liegt das Pro­Kopf-Einkommen über dem Unionsdurchschnitt, so fühlt man den Verband gleich als Klotz am Bein, siehe Baltikum. Liegt das Pro-Kopf-Einkommen unter dem Unionsdurchschnitt, gilt russischer Chauvinismus als Wurzel allen Übels.

Die Russen sind natürlich erbost über derartige Unterstellungen: Hat man nicht den islamischen Völkern erst den Eintritt in die Moderne gebracht? Nun sieht man sich plötz­lich mit dem „Gesetz der kolonia-len Undankbarkeit" konfrontiert. Der sowjetische Wirtschaftsexper­te Wladimir Kwint meint, daß nur Rußland, die Ukraine und Weiß­rußland wirtschaftlich unabhängig existieren könnten: So kämen etwa 91 Prozent des Erdöls aus russi­schem Gebiet. Schon eine Verrin­gerung der sibirischen Energielie­ferungen an Estland um 25 Prozent würde die dortige Produktion um 40 Prozent reduzieren. Das sibiri­sche Erdöl kostet obendrein nur einen Bruchteil des OPEC-Preises, nämlich sechs Dollar pro Faß. Der niedrige Preis und die hohen Er­schließungskosten der Öllager in der eisigen Tundra machen das Ganze zu einem Verlustgeschäft für Rußland. Demgegenüber zahlen die anderen Sowjetrepubliken für Pro­dukte aus dem Baltikum Preise, die oft das Zehnfache des Weltmarkt­preises betragen.

Es liegt auf der Hand, daß die Monopolstellung der einzelnen Teilrepubliken in bestimmten Pro­duktionsbereichen bei nationalistischen Spannungen via Wirtschafts­blockaden zum Funken im Pulver­faß mutieren könnten.Wer da nun wirklich wem zu Dankbarkeit ver­pflichtet ist, läßt sich schwer fest­stellen. Die sowjetische Wirt­schaftsstatistik ist auch in Zeitenvon Glasnost ein Werk von Orakel­sprüchen: Die Betriebe „frisieren" nach wie vor ihre Berechnungen, um höhere Prämien kassieren zu können. Viele Kredite werden nur auf dem Papier vergeben. Eine ver­nünftige Preisbildung wird durch Subventionen verhindert. So läßt sich auch nicht feststellen, wer zu den „Geberrepubliken" und wer zu den „Nehmerrepubliken" gehört. Experten des Kölner Instituts für Ostforschung sind sich einig, daß die Sorge um „Verteilungsgerech­tigkeit" bezüglich der Nationalitä­tenproblematik eine „Hauptrolle" spielt. Allerdings, so das Kölner Institut, fehlten objektive Daten über Leistungstransfer und Bud­getbeziehungen zwischen den ver­schiedenen Teilrepubliken. Deshalb sei es schwierig festzustellen, wel­che Regionen mittels der „ökono­mischen Balance des Internationa­lismus" zu kurz kommen und wel­che ungerechtfertigt Vorteile erlan­gen. Jede Unausgewogenheit ver­wandle sich aber in „nationale Un­gerechtigkeitskomplexe" .

Wie auch immer man die Berech­nungen „wer wen ernährt" anstel­len mag, die subjektive Betroffen­heit überlagert alles. „Eine wirt­schaftliche Abkapselung der Teil­republiken würde zu drastischem Absinken der Produktivität füh­ren", warnt der Wirtschaftsjour­nalist Michail Pogossow. Aber War­nungen aus „russischem" Munde wollen die Nationalitäten nicht mehr entgegennehmen.

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