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Chinas neuer langer Marsch

Die Heping-Spielzeugfabrik in der südlichen Provinz Kwang-tschung ist ein Musterbetrieb mit steigenden Exportquoten. Während die Chinesen Maschinen und Gebäude stellen, liefern die Franzosen Know-how und Design. Bereits 40 Stunden nach der Erstellung eines neuen Modells in Frankreich läuft in Heping die Produktion an. Drei Tage später steht das neue Kuscheltier in einer Vitrine in Hongkong. Die Designmuster kommen nach Heping perTelefax. Fax-Geräte sind zwar seit der Studentenrevolte verboten, aber die Behörden drük-ken beide Augen fest zu: Der Steuertopf wird von den Spielzeugfabrikanten dafür reichlich gefüllt.

Die Wirtschaft agiert in China derzeit nach dem Strickmuster „zwei glatt, zwei verkehrt". Oder wie der US-Politologe Roy F. Grow nach einer dreimonatigen Erkundungstour unlängst meinte: „Chinas Wirtschaft wird gleichzeitig besser als auch schlechter."

Dieses Paradox hat mehrere Ursachen: Da ist das heftige Tauziehen zwischen den Provinzen, die für Liberalismus und Autonomie der Wirtschaft plädieren, und der Pekinger Führung, die dem Zentralismus das Wort redet. Die Debatten über den achten Fünfjahresplan (seit 1. Jänner 1991 in Kraft) waren von schrillen Mißtönen begleitet. Als Premier Li Peng die Vollmachten der 30 Provinzen und autonomen Regionen beschneiden wollte, drohte ein Aufstand. Wie die US-Chronik „The World & I" berichtet, wurde der Premier von den Gouverneuren regelrecht niedergeschrien. Die Forderung nach Steuervollmacht für Peking wurde vehement abgewehrt.

Die erfolgreichen Küstenregionen wollen jedenfalls „weg von Peking" . In den achtziger Jahren konnten sie ihre Produktion um das Vierfache erhöhen, die Pro-Kopf-Einkommen stiegen um 400 Prozent; und 40 Prozent aller ausländischen Investitionen wurden hier getätigt. Sie kämpfen bereits um einen Spitzenplatz im kommenden „Wirtschaftsraum Pazifik". Schon jetzt fühlt man sich mit den potenten Anrainerstaaten mehr verbunden als mit dem einheimischen Wirtschaftskörper, obwohl die Chinesen noch Zulieferer für die angrenzenden Nachbarn sind. Je nach geographischer Lage dominieren Hongkong, Taiwan, Korea oder Japan. Während in Kwangtschung zwei der sechzig Millionen Einwohner für Hongkong arbeiten, sind in der Mandschurei 150 japanische FirHongkong profitiert derzeit noch vorr nesischen Hinterland als Zulieferant

men aktiv. Die Binnenprovinzen hingegen sind von Stagnation oder Niedergang gezeichnet. Eine Umverteilung des Reichtums haben die Küstenprovinzen bisher erfolgreich sabotiert. Auch von Peking, das unter einem hohen Handelsdefizit stöhnt, kommt kein Geld. Aus Trotz errichten die Binnenländer nun Handelsbarrieren, horten knappe Rohstoffe und verkaufen für den Staat bestimmte Güter eigenmächtig auf dem freien Markt.

Der Wettbewerb der Provinzen, so „The World & I", wird immer hektischer. Als die Bush-Administration als Belohnung für Chinas Stillhalten im Golfkonflikt die Meistbegünstigungsklausel erneuern wollte, hofften die Reformgegner durch Schauprozesse den US-Kongress negativ zu beeinflussen: Die Klausel wäre sowieso nur den Küstenregionen von Vorteil gewesen, lautete die Befürchtung.

Neben dem Wettbewerb der Provinzen stehen sich auch im Management zwei Fronten gegenüber: Befürworter des Dirigismus kontra Marktgläubige. Die konservativen Manager übten schon Ende der achtziger Jahre Druck auf die Regierung aus. Sie konnten im Preiskampf um die knappen Rohstoffe mit den besserbietenden Privatunternehmern nicht Schritt halten. Weil die staatlich geregelte Zuteilung nicht mehr funktioniert, segeln viele von ihnen auf Pleitekurs.

Das Wasser wird den Staatsbetrieben auch durch das aggressive Vorgehen der „Bank of China" und der „People's Bank" abgegraben. Beide Banken haben durch hohe Verzinsung enorme Sparguthaben angehäuft. Nach offiziellen Schätzungen liegen auf den Konten 120 Milliarden US-Dollar. Beide Geldinstitute vergeben ihre Kredite lieber an kleinere Unternehmen, die sich besser gegen die staatliche Einmischung beunterentwickelten chi- haupten kn" ,„ ... nen. Die (Begsteiger) staatsbetriebe

rufen nun nach strenger Kontrolle des Bankensektors.

Auch das Dogma, daß China eine Stütze der Dritten Welt sei.istlängst hinfällig: Drei Viertel aller Importe und vier Fünftel aller Exporte werden mit westlichen Industriestaaten und den „vier kleinen Drachen" (Hongkong, Singapur, Taiwan, Korea) abgewickelt. Miteinem jährlichen Außenhandelsvolumen von 100 Milliarden Dollar liegt China an 14. Stelle der Weltrangliste.

Was Deutschland auf wirtschaftlichem Sektor in Osteuropa vorexerziert, praktizieren die Japaner in China. Vergangenen November sicherte Tokio Peking Wirtschaftshilfen in der Höhe von 6,4 Milliarden Dollar zu. Projekte, die wegen dem Massaker am „Platz des Himmlischen Friedens" eingefroren worden waren, werden jetzt realisiert: Die Japaner bauen für vier Milliarden ein topmodernes Stahlwerk sowie einen Industriepark in Dai-ren. Der Industriepark, 460 Kilometer östlich von Peking gelegen, soll hundert westlichen Firmen einen Standort und in drei Jahren fertig sein. Kostenpunkt: 2,4 Milliarden Dollar. Die Rangliste der Chinainvestoren wird bis dato von östlichen Wirtschaftsgrößen angeführt: Japan vor Hongkong unc Macao (zwei Milliarden US-Dollar), Taiwan (400 Millionen US-Dollar). In den letzten Monaten haben die Amerikaner und Europäer

etwas zugelegt. Von den Europäern sind vor allem die Autokonzerne groß in das Chinageschäft eingestiegen: Volkswagen baut in Nordchina, Citroen in Wuhan und Peugeot in Kwangtschung große Produktionshallen. Volkswagen und Citroen wollen jeweils 150.000 Autos jährlich vom Fließband rollen lassen. Auch sonst versuchen alle großen Marken in China ein Standbein zuhaben: der Klingenkonzern „Gillette", die Schuhmarke „Nike"...

Trotz des neuerlichen Investitionsbooms hängt Chinas wirtschaftliche Zukunft an einem Seidenfaden. Da sind die 100.000 chinesischen Studenten im Ausland, die vielfach unter den jetzigen Umständen nicht an eine Heimkehr denken. Ihr Fernbleiben bedeutet aber für die chinesische Wirtschaft einen intellektuellen Aderlaß. Liberalisierung ist auch aus anderen Gründen vonnöten: Während 1988 die Kleinunternehmer am Lande 27 Prozent des Bruttonationalproduk-tes erwirtschafteten, waren es im Vorjahr um 17 bis 50 Prozent -regional unterschiedlich - weniger. Über drei Millionen Betriebe wurden aufgelassen. Dem harten Kurs der Zentrale können sich die Kleinen am wenigsten widersetzen. Das ist umso tragischer, als jedes Monat die Bevölkerung anwächst und auf dem Lande schon jetzt krasse Unterbeschäftigung herrscht. In den achtziger Jahren konnte die Industrie noch 90 Millionen Landarbeiter aufsaugen. Nach Berichten aus Hongkong gibt es derzeit in China 70 bis 80 Millionen vagabundierende Landarbeiter - politischer Zündstoff. Auch die Investitionstätigkeiten in den Küstenregionen könnten noch politische Folgen zeitigen, zentrifugale Kräfte das Land unre-gierbar machen. Auch hier scheint das Militär im Moment die einzige Kraft zu sein, die das Land noch zusammenhält.

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