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Chinas Weg zu neuer Armee

Chinas Stolz, die von vielen Legenden umwobene Volksbefreiungsarmee, befindet sich zur Zeit in einer großangelegten und in mehrerer Hinsicht bitter notwendig gewordenen Reorganisation. Damit beginnt eine neue Ära in der sechzigjährigen Geschichte der Volksbefreiungsarmee, die in der Zukunft in der chinesischen Gesellschaft weniger eine politische als eine moderne militärische Macht darstellen soll.

Bis jetzt haben drei Aufbau-Abschnitte die Militärgeschichte Volks-Chinas charakterisiert. Der erste Abschnitt — von 1927 bis 1949 - war „die Zeit der langen Revolutionskriege”. Der zweite Abschnitt nahm nach der Gründung der Volksrepublik China (1949)ihren Anfang und erstreckte sich über mehr als 35 Jahre. In dieser Zeit führte die chinesische Armee drei Angriffskriege: gegen die UN-Truppen in Korea, gegen Indien und gegen das sozialistische „Bruderland” Vietnam. Nach und nach entstanden die neuen Waffengattungen: das Heer (mit wenigen Panzertruppen), die Luftwaffe (mit veralteter Technik beziehungsweise Ausrüstung) und die Kriegsmarine (”ausschließlich für die Küstenwache zuständig).

Gegen Ende der siebziger Jahre verfügte China jedoch schon über Raketen-Truppen und entwickelte diverse — auf Land und See gestützte - weittragende Raketen mit Atomsprengköpfen. Die vielen Sondertruppen, die Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre entstanden, verhalfen der Volksbefreiungsarmee nicht zur gewünschten größeren „Beweglichkeit” und „taktischen Elastizität”.

Die personelle Größe der Armee — mehr als vier Millionen Mann unter Waffen! — wurde als Hemmschuh, als abzuschaffendes Überbleibsel eines verfehlten Militärdenkens betrachtet.

Der dritte Abschnitt des Aufbeziehungsweise Umbaus der Armee begann Mitte der achtziger Jahre. Eingeführt wurde er durch die immer breitere Öffnung Chinas in Richtung „Westen”. Das Ziel der vorerst auf fünf Jahre vorgesehenen Reorganisation ist die Vereinfachung der Armee-Organisation, die technische Modernisierung der gesamten Volksbefreiungsarmee und die Erhöhung der Effizienz der Truppen.

Die Seele und der „Motor” dieses Umbaus ist eine in der Geschichte der regierenden kommunistischen Parteien einmalige Institution, das 1982 ins Leben gerufene „Zentrale Militär-Komitee der Volksrepublik China”, dessen Präsident „der große Reformer” des modernen China — nach Mao Zedong-, Deng Xiaoping, ist (siehe nebenstehenden Kasten). Er war es, der bereits im Sommer 1985 verkündete, daß die Volksbefreiungsarmee in den nächsten zwei Jahren von vier auf drei Millionen Soldaten „schrumpfen” müsse. Sein Argument war, daß die Modernisierung der Streitkräfte vorteilhafter durchgeführt werden könne, wenn das Wirtschaftsleben entwickelter und das Land stärker sei. Das Kernproblem aller Anstrengungen sei daher die ökonomische Aufbauarbeit, die das Ziel habe, China zu einem starken und modernen sozialistischen Staat zu machen.

Mit diesem Schritt muß auch die bisherige rotchinesische Militärdoktrin neu überdacht werden. Hatte man noch zur Zeit Mao Ze-dongs die auf breiter Bevölkerungsbasis aufgebaute Volkskriegsdoktrin als Mittelpunkt und eigentlich als Alpha und Omega der Kriegsführung angesehen, schwebt Deng Xiaoping jetzt ein neues Armee-Modell vor: weniger Soldaten, mehr und moderne Technik, sehr bewegliche Truppen. Also eine kombinierte, schlagkräftige Streitmacht, die jedoch keineswegs in einem halben Jahrzehnt entstehen kann.

Eines ist aber schon jetzt sicher: Durch die bereits angelaufene Reorganisation hat die Armee ihr j ahrzehntelang ausgeübtes politisches Gewicht verloren (siehe Kasten oben). In der Zukunft zählen bei den Kommandoposten in erster Linie die militari sehen Fachkenntnisse der Offiziere und Generäle.

Die Chinesen möchten auch eine eigene und moderne Rüstungsindustrie aufbauen. Sie wollen ihre Volksbefreiungsarmee ohne ausländische Hilfe modernisieren. Dies aber bedeutet keineswegs, daß China nicht am Import von hochentwickelter westlicher Technologie interessiert wäre. Im Gegenteil. China braucht die westliche Technologie als Basis für die eigene - zukünftige - Rüstungsindustrie. Der Generalstabschef der Volksbefreiungsarmee weilte im Mai 1986 zwei Wochen in den USA. Er besichtigte dort unter anderem auch Rüstungsfirmen und Forschungsinstitute von militärischer Bedeutung. Auch Einkäufe wurden getätigt, über die aber in der Weltpresse kaum berichtet wurde.

Peking will sich aber nicht einseitig an die USA binden. Man hofft, auch mit Großbritannien, Frankreich und mit der Bundesrepublik Deutschland „ins Geschäft” zu kommen. Auch in Italien wurden Waffenkäufe getätigt.

In den USA stoßen die Chinesen auf volles Verständnis für ihre Wünsche. Bereits im Mai 1980 haben US-Rüstungsfirmen die Erlaubnis erhalten, gewisse Produkte nach China zu liefern, ja in China selbst Rüstungsfabriken zu bauen. Und Mitte der achtziger Jahre lockerte Washington für China das Rüstungsembargo, das über Sowjetunion-treue sozialistische Länder verhängt worden war. Anstelle der sogenannten „Y-Kategorie” wurde Volkschina in die „P-Kategorie” eingeordnet — also in die „Gesellschaft” von Indien und Jugoslawien.

China ist aber vorsichtig. Es will keine Waffen und Rüstungsgüter in Massen ordern. Seine Experten kaufen nur in kleineren Stückzahlen ein — zum Beispiel 24 Helikopter des Typs „Sikorsky 70 C” —, die sie dann als Prototypen betrachten. Diese werden durch die Truppe ausprobiert und gegebenenfalls später in Lizenz in China selbst in Serie hergestellt.

Im Westen stellt Sich die Frage, ob China die ökonomischen Voraussetzungen erfüllt, um seine Streitmacht zu modernisieren. Nach amerikanischen Berechnungen wären dafür 60 Milliarden Dollar notwendig. In Washington ist man jedoch zuversichtlich. Man wäre — sagt man — nicht abgeneigt, China im Rahmen eines „Tauschgeschäft-Programms” zu helfen.

Die Volksrepublik ist reich an wichtigen Rohstoffen. So könnte Peking für hochentwickelte US-Militärtechnologie (und -ausrü-stung) zum Beispiel Titan, Vanadium oder Tantal beziehungsweise andere wehrwirtschaftlich wichtige Mineralien und Rohstoffe liefern, die wiederum dem US-Flugzeugbau zugute kämen. Andere wiederum bezweifeln, daß China überhaupt die Möglichkeit besitzt, seine Streitmacht im von ihm angestrebten Ausmaß zu modernisieren. Die Argumentation stützt sich auf konkrete Zahlen aus der Praxis. Bei Waffenkäufen im Ausland zieht nämlich jeder bezahlte Dollar Ausgaben von weiteren drei Dollar im Inland nach sich, weil erst die entsprechende Infrastruktur (Werkstätten, Ersatzteillager) aufgebaut werden muß.

Die Pekinger Führung verfolgt geschickt eine Politik des .Ausgleichs”, der Balance zwischen den Supermächten, und denkt gar nicht daran, China verbindlich an die eine oder andere Großmacht zu binden. Deswegen können auch die amerikanisch-chinesischen Verhandlungen über Militärhilfe zu keinem großen Durchbruch führen. Von Zeit zu Zeit besuchen zwar hochrangige Militärs beider Staaten einander: die Weltpresse ist stets zur Stelle, wittert Sensationen, und dann flauen die Nachrichten-Wellen plötzlich wieder ab, und man ist genauso gescheit wie vorher.

China ist auch Atommacht. 1959 war in der Theorie die A-Bombe entstanden. 1964 wurde sie erfolgreich im Norden Chinas gezündet. Sofort begann man darauf mit der Planung der H-Bombe, die dann— wiederum mit Erfolg — im Juni 1967 gezündet werden konnte. Seit 1964 hat China 32 Nuklear-Bom-ben gezündet, davon 27 in der Atmosphäre.Die Zahl der Mittelstreckenraketen Chinas wird von westlichen Fachleuten auf gegenwärtig 120 Raketen des Typs CSS-1 geschätzt. Das sind einstufige, mit flüssigem Betriebsstoff betriebene Raketen. Sie sind schwerfällig, und auch ihre Zielsicherheit ist fragwürdig. Sie sollen noch in diesem Jahrzehnt durch moderne Raketen ersetzt werden. Unzählige Mittelstreckenraketen verschiedener Reichweiten werden in Golmu in der tibetischen Provinz Amdo (von den Chinesen in Tschinghai umbenannt) getestet.

Zur Zeit arbeiten chinesische Wissenschaftler an zwei neuen Raketenprogrammen, dem CSS-3 und dem CSS-X-4. Das sind weittragende, sogenannte Interkontinentalraketen.

China ist heute eine Atom-Großmacht - es liegt hinter den USA und der UdSSR an dritter Stelle -, die im Besitz von taktischen und strategischen (Inter-kontinental-)Raketen ist.

China hat aber in der Vergangenheit öfters unterstrichen - und das gilt auch für die jetzige Staats- und Parteiführung -, daß es nie als erstes Land die Atomwaffe einsetzen werde. Peking betrachtet diese Waffe lediglich als Mittel, um die eigene militärische Stärke zu unterstreichen und damit die Volksrepublik zu verteidigen.

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