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Chopins Briefe

Komponisten bleiben als Briefschreiber dem nachgeborenen Leser häufig vieles schuldig, vor allem wesentliche Aufschlüsse über ihr Schaffen. So ist es auch bei Chopin. Aber natürlich ist der Einblick in Zeit und Umwelt eines Großmeisters immer interessant.

1 Zweihundert Briefe liegen nunmehr in der ersten umfassenden wissenschaftlichen Ausgabe vor, der erste vom Vierzehnjährigen, der letzte ist kurz vor Chopins frühem Tod entstanden. Ein großer Teil, wahrscheinlich Briefe an die Familie, ist verlorengegangen.

Für österreichische Leser besonders interessant sind die Briefe aus der Zeit um das französische Revolutionsjahr 1830 aus Wien. Chopin rügt den „verdorbenen Geschmack" der Wiener, weil sie nach Lanner- und Straußschen Quodlibets verrückt sind und erwähnt Berühmtheiten, von denen heute niemand mehr spricht. Den großen Pianisten Sigismund Thalberg, der eine Zeit in Wien bei J. N. Hummel studierte, kennen noch viele Klavierspezialisten, aber wer weiß

von dem böhmischen Geiger Josef Slavik, den Zeitgenossen neben Paganini gestellt haben, wer von der berühmten Tochter Leopold Kozeluchs, Katharina Cibi-ni?

Der ausführliche und kenntnisreiche Kommentar in dem schönen Band ist teilweise wichtiger als der Brieftext.

CHOPIN BRIEFE. Hrsg. von Krystyna Kobylanska. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1984. 534 Seiten, Ln., öS 296,50.

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