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Christ und Kirche in Wien

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Das Leben der Christen und das Wirken der Kirche stand immer im Mittelpunkt der Überlegungen und Bemühungen großer Persönlichkeiten der Seelsorge in unserer Stadt Wien. Von Heinrich Swoboda, dem großen Pastoraltheologen um die Jahrhundertwende, angefangen über Anton Maria Schwartz, Heinrich Abel, Pius Parsch, Michael Pfliegler und Karl Rudolf bis in unsere Gegenwart war die Großstadt Wien immer ein fündiger Boden für eine Seelsorge, die sich, der besonderen Probleme dieser Stadt bewußt, stets um bessere Wege zur Entfaltung christlichen Lebens bemühte.

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Das Leben der Christen und das Wirken der Kirche stand immer im Mittelpunkt der Überlegungen und Bemühungen großer Persönlichkeiten der Seelsorge in unserer Stadt Wien. Von Heinrich Swoboda, dem großen Pastoraltheologen um die Jahrhundertwende, angefangen über Anton Maria Schwartz, Heinrich Abel, Pius Parsch, Michael Pfliegler und Karl Rudolf bis in unsere Gegenwart war die Großstadt Wien immer ein fündiger Boden für eine Seelsorge, die sich, der besonderen Probleme dieser Stadt bewußt, stets um bessere Wege zur Entfaltung christlichen Lebens bemühte.

Wandlungen im Leben einer Stadt und ihrer Menschen machen immer auch Wandlungen im Wirken der Kirche notwendig. Darum sei auf einige bedeutsame Entwicklungen unserer Stadt hingewiesen, die auf die Seelsorge der 80er Jahre Einfluß nehmen und für sie auch große Schwierigkeiten mit sich bringen können:

Zunächst sind es die durchschnittlich viel zu großen Pfarren, welche eine echte Gemeindebildung und seelsorglichen Kontakt mit dem gesamten Pfarrvolk sehr erschweren. Der größere Teil der 165 Pfarren unserer Stadt hat immer noch eine Einwohnerzahl zwischen 10.000 und 20.000 Einwohnern.

Eine zusätzliche Schwierigkeit bei dem heute feststehendem Pfarrsystem ist die Tatsache, daß die Pfarren noch viel zu sehr eine Summe von 165 eigenständiger, voneinander unabhängiger Gebilde und noch nicht eine Gemeinschaft kooperierender, miteinander verbundener Gemeinden sind.

Ein unabhängiges Nebeneinander kann eine heute nicht mehr zu verantwortende Zersplitterung der Kräfte und eine dem Wirken der Kirche schädigende Uneinheitlichkeit bedeuten. Auch in religiöser Beziehung stellt die Stadt ein unverzichtbares Ganzes dar, von dem alle religiöse Sorge ausgeht und älleZufn Wohl aller beisteuern müssen. Eine Gemeinde, die sich abschließt und ein egoistisches Einzelleben in Ghetto, Isolierung und Versektung führen wollte, wäre keine christliche Gemeinde.

Die Stadterweiterung mit dem Trend zur Errichtung immer größerer Trabantenstädte stellt die Seelsorge vor bisher nie dagewesene Schwierigkeiten. Sind früher die Gemeinden allmählich und homogen gewachsen, sind im Gefolge einer neuen Bau- und Siedlungsentwicklung innerhalb weniger Jahre Zehntausende Menschen um- und neu angesiedelt worden, ohne Kontakte miteinander und auch ohne Verbindung mit der Kirche, die sie nicht gefunden haben, weil der notwendige Gottesdienststättenbau nicht Schritt halten konnte.

Nicht geringe Hindernisse entstehen der Seelsorge auch aus der großen Mobilität der Bevölkerung unserer Stadt. Ein großer Teil der Wiener sind Tagespendler und daher nur schwer an ihrem Wohnort erreichbar. Dazu bewirkt eine immer stärker werdende Wochenendmobilität, daß sehr viele Wiener ihrer Stadt den Rücken kehren und nicht mehr in ihrer Gemeinde sind. Die starke Wohnungsmobilität bedeutet für viele Gemeinden stets neue Abwanderungen und Zuzüge - eine Belastung für die notwendige Stabilität eines Gemeindelebens.

Die größte Sorge für das Wirken der Kirche in unserer Stadt ist die Tatsache, daß an die 90 Prozent der Getauften am Leben der Gemeinde keinen oder nur noch geringen Anteil nehmen und der Einladung der Kirche nicht mehr entsprechen.

Die Last dieses Kreuzes wird noch erhöht durch den Austritt vieler Katholiken aus der Gemeinschaft der

Kirche, jährlich an die 8000 bis 10.000, und durch die Gefährdung der Ehen und Familien infolge Zerrüttung und Auflösung, wodurch der Zahl der jährlichen Eheschließungen ein Drittel an Ehescheidungen gegenübersteht.

Dem stets anwachsenden und zugleich schwieriger werdenden Wirken der Kirche, im Sinne einer nachgebenden, aufsuchenden Seelsorge, steht eine immer geringer werdende Anzahl verfügbarer Priester gegenüber, wodurch bei jungen Menschen Unsicherheit, Unentschlossenheit und Furcht vor nicht zu bewältigenden Aufgaben entsteht, deren Erfolg nicht sogleich meßbar ist. Die heutige Mentalität der Leistungsgesellschaft ist dem Priesterberuf zweifellos abträglich.

Eine unvollständige Analyse mit mehrheitlichen Negativaspekten kann entmutigend wirken. Dennoch haben wir Hoffnung, daß die Samenkörner des Glaubens, die vielfältig und unter großer Mühe ausgestrebt werden, auch auf guten Boden fallen und viele Früchte bringen.

Glaube und Frömmigkeit der Wiener hat einige Charakteristika, die den Getauften anderer vergleichbarer Großstädte nicht oder nicht in dem Maß eigen sind wie den Wienern.

Man mag diese Eigenschaft sarkastisch mit dem Stichwort: „Barocker Katholizismus" oder „Folklorefrömmigkeit" umschreiben und abtun - dennoch: sie kommen der oben genannten Hoffnung entgegen.

Hiezu zählen Tatsachen, daß die allermeisten Wiener ihre Kinder immer noch zur Taufe bringen, sie zur Erstkommunion führen, ihnen die Firmung nicht versagen, viele auch ihre erste Ehe christlich „einsegnen" lassen wollen und unter keinen Umständen auf ein kirchliches Begräbr nis verzichten wollen.

Was ergibt sich aus dieser Situation für die Kirche und ihr Wirken in den nächsten zehn Jahren und darüber hinaus?

Erste Anforderung der Seelsorge in unserer Stadt muß der Wille aller Gemeinden sein, in den wichtigsten Anliegen und Schwerpunkten der Seelsorge eine hohe Ubereinstimmung zu erreichen, das heißt, das kirchliche Wirken nach gemeinsamen Leitlinien und in gemeinsamer Anstrengung zu vollziehen.

Unverzichtbare seelsorgliche Dienste wird die Kirche von Wien dort anzubieten und zu leisten haben, wo die Wiener selber fast zur Gänze die Kirche um ihren Dienst bitten. Dieses „Wo" sind vor allem Anlässe der Taufe, der Erstkommunion, der Firmung, für viele auch noch die Eheschließung und für alle das Begräbnis.

Mit allen seelsorglichen Anstrengungen muß auf weite Sicht eine intensive, überall ernst genommene Sakramentenpastoral einsetzen.

Die Kinderseelsorge fand in unserer Diözese von jeher eine lebendige Entfaltung. Und dabei soll es bleiben. Aber was heute unentbehrlich zur Kinderseelsorge aufgegriffen werden muß, ist die wegbegleitende Erwachsenen,- Eltern- und Familienseelsor-ge.

Die Taufgespräche, die Mitvorbereitung der Erstkommunion durch die Erwachsenen, Eltern und Tischmütter, ein ernst zu nehmendes Firm-Katechumenat, eine intensive Ehevorbereitung und Ehebegleitung durch die Familienrunden aller Art, werden immer mehr Ausgangspunkt zu einem sich steigenden Erwachse-nen-Katechumenat.

Das seelsorgliche „Versorgungssystem" oder die „Versorgungskirche" von oben, vom Bischof her, und die Laien als Konsumenten verstanden, geht zu Ende.

In vielem werden sich die Gemeinden aus ihrer eigenen Glaubenskraft heraus versorgen müssen. Eine stets zunehmende Aus- und Weiterbildung von Laien für die verschiedensten Lebensbereiche des Glaubens wird darum eines unserer dringendsten Anliegen sein.

Damit das Wirken der Kirche in die Breite des Volkes von Wien hinein spürbar und sichtbar wird, ist der Arm der Glaubensverkündigung und der Liturgiefeier vielfach zu kurz. Die Menschen der Stadt kommen nicht mehr, wenn die Glocken läuten. Am weitesten jedoch reicht der Arm der Liebestätigkeit

Die Liebestätigkeit des Gottesvolkes einer Gemeinde kann nie ersetzt werden durch eine noch so gut organisierte Caritas. Trotz intensiver Bemühungen der öffentlichen Hand und der Kirche gibt es in unserer Stadt 100.000 registrierte Mitmenschen, die einer Pflege und eines Pflegeplatzes bedürfen. Sie dürfen nicht allein gelassen und müssen in die Hände der liebenden Gemeinde gebettet werden.

Auch noch so viele Heime könnten das wache Hirn, das liebende Herz und die dargereichte Hand einer christlichen Gemeinde nicht ersetzen. Alle Christusliebenden müssen sich um diesen Dienst scharen, angefangen von der eucharistischen „Versorgung" Tausender Behinderter, die keine Verbindung mit der Kirche mehr haben als den Radiogottesdienst, bis zur Obsorge für die Blinden, Stummen, Tauben, Lahmen und

Krüppelhaften, die Gefährdeten und am Rand Stehenden, die Süchtigen, Vernachlässigten, Verwahrlosten sowie Verachteten und Verschüchterten.

Das Gesagte sind keine großen, lapidaren Aktionen. Auf diese Weise werden wir auch nicht mit einem gewaltigen Sprung nach vorne kommen und eine Wende erzwingen, aber mit kleinen Schritten immer Gültiges bewirken, vertrauend, daß Gott es ist, der auf solchem stillen und steten Wirken zu bauen vermag.

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