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Christopherus heute

Er sagte, daß er gelaufen sei und dabei zu Boden gefallen wäre. Er war ein Mensch, der an Einsprechungen glaubte. Er war ein Mann, der zum Unterschied von vielen anderen zumindest wußte, daß von oben her mit ihm gesprochen werden kann und wenn er meinte, daß das der Fall sei, war er aufmerksam. Als er gelaufen und hingefallen war, wußte er, daß das kein gewöhnlicher, alltäglicher und banaler Fall gewesen war, wie man eben ausrutscht, zufällig hinfällt i und wieder aufsteht, ohne nachher daran zu denken.

Dieses Hinfallen im Laufen war für ihn ein Zeichen gewesen, von nun an jede Hast abzulegen, die bis dahin sein Leben zum Gutteil bestimmt hatte, dazu jede Unruhe und jenes Angetriebenwerden von äußeren Umständen, das sein Leben bisher zu einer einzigen Hetzjagd gemacht hatte, eine Hetzjagd allerdings mit durchaus würdigem Ziel, denn er war ein Mensch, der nicht den Durchschnitt wollte, nicht irgendetwas beiläufig Schönes oder Gutes, sondern er war ein Mensch, der bisher bloß das Beste, das Schönste erstrebt hatte, und das nicht so sehr, um es zu besitzen, sondern eher, um im Besten und Schönsten, das für ihn erreichbar war, leben zu können. So war ihm also von einem Augenblick zum nächsten klar geworden, daß er von nun an jenseits jeder Hast zu leben habe.

Danach sagte er, daß er sich nun jenseits jeder Hast und Unruhe auf Wanderschaft begeben und daß er den Weg finden müsse, der zu dem führt, für das es sich zu leben lohne, zum Schönsten und Besten eben, das nun tatsächlich über allem wert sei, erreicht zu werden. Es war ihm selbstverständlich geworden, daß das nun keine Hetzjagd werden dürfe, und daß alles anders sein müsse als je zuvor. Das wußte er, aber den Weg, den er zu begehen hatte, kannte er nicht.

Also ging er los und ging irgendwo hin, denn als ein Mann, der an Einsprechungen von oben glaubte, vertraute er auch auf eine Führung von oben, wenn nur die Umstände und die Zeit dazu richtig wären und die eigene Seele ganz geöffnet wäre, um zu empfangen, was kommen würde. So lebte er nun von einem Tag zum anderen sein alltägliches Leben und war doch auf dem Weg, weil er durch ein einziges und einfaches Hinfallen gelernt hatte, jenseits jeder Hast zu sein und dadurch besser denn je zuvor Hören und Sehen und Aufmerken zu können. So war er also auf der Wanderschaft während er im Büro saß, in der Werkstatt arbeitete, später dann daheim in seiner Zeitung las oder Musik hörte. Ruhe und Gelassenheit fördert, Hast hält zurück. Das hatte er jedenfalls gelernt.

Als er eines schönen Sommertages schon gegen Abend im Büro saß und Rechnungen schrieb, wurde es draußen plötzlich dunkel und er mußte die Tischlampe entzünden. Dann war von einem Augenblick zum nächsten ein gewaltiges Gewitter da mit Blitzen und mit Donnerschlägen lauter als Kanonenschüsse.

Da stürzte ein Mann herein und rief, daß draußen Hagelkörner größer als Hühnereier fallen. Danach bekreuzigte sich der Mann. Der andere sah ihn aufmerksam an. Was willst du damit?, fragte er. Dich beschützen? Du bist ohnehin sicher hier. Willst du dein Haus beschützen? Das ist ohnehin aus Stein und fest gebaut. Deine Kinder? Deine Frau? Die sind ohnehin im Haus. Aber der Mann, der eben hereingestürzt war ins Büro, sagte, daß alle Menschen und er nicht ausgenommen, Sünder wären und ohne Unterlaß das Böse tun würden während dieses Erdenlebens und daß er mit diesem Zeichen Jesus den Christus anrufe, der seit seinem Tod am Kreuz und seit seinem Aufstehen aus dem Grab und seiner Himmelfahrt den gesamten Kosmos ausfülle mit seinem Sein. Er ist also auch im Gewitter, sagte der Mann, im Donner, im Blitz, im Regen und in der Stille danach, und mit diesem Zeichen bitte ich ihn, mich erfassen zu lassen, daß er auch in meinem Herzen ist, was ich wohl weiß, aber nicht immer spüre, vor allem nicht spüre, wenn ich gehetzt bin und Angst habe.

Ich bin hingefallen, sagte der andere, und nachher habe ich gewußt, daß ich von nun an jenseits jeder Hastigkeit zu leben habe. Als er gefragt wurde, woher diese Mitteilung stamme, antwortete er, daß er sie von oben bekommen habe. Da lächelte der Mann, der zuvor ins Zimmer gestürzt war und sagte: von oben und von unten, von außen und von innen, von überall her hast du sie bekommen, denn der Gekreuzigte und Auferstandene und in den Himmel Aufgefahrene hat dir das alles entweder selbst gesagt oder durch einen seiner Engel sagen lassen. Der Mann nickte noch freundlich und ging.

Und weshalb war er hereingekommen?, fragte sich der Zurückgebliebene und mußte sich gestehen, daß er es nicht wisse. So wollte er schon wieder beginnen, an seinen Rechnungen weiterzuschreiben. Aber er hielt inne und begann, nachzudenken. Und da er schon gewohnt war, jenseits jeder Hast zu leben, nahm er sich Zeit. Nein, nicht jetzt, sagte er sich, und schrieb dann doch weiter seine Rechnungen.

Aber während der folgenden Tage und Wochen war er aufmerksamer als je zuvor in seinem Leben. Er begann, diesen Gekreuzigten und Auferstandenen und den gesamten Kosmos Ausfüllenden, diesen Höchsten zu suchen, von dem jener andere gewußt hatte, wo er sein müsse, ihn aber zur Zeit jenes Gewitters nicht als gegenwärtig gespürt habe. So ging er weiterhin jenseits jeder Hast still und gelassen aufmerkend durch seinen Alltag und hier oder da sogar in eine Kirche, zu einer Kapelle, zu einem Bildstock im Wald oder zu einem Kreuz hoch oben am Gipfel eines Berges. So ging es ein ganzes Jahr dahin.

A ls er dann einer Familie, die vor /\ dem Krieg im Osten geflohen J. \. war, eine nicht unbedeutende Geldsumme zukommen ließ, um ihre größte Not zu lindern, spürte er, daß nun etwas stärker und anders als je zuvor sein Herz bewege, und als er jenseits jeder Hast still und gelassen aufmerkte, war ihm klar, daß der Vielgesuchte eben gelächelt hatte. Danach wußte er, daß dieser Gekreuzigte und Auferstandene und in den Himmel Aufgefahrene ohnehin immer in seinem Herzen und also die ganze Zeit über bei ihm gewesen war.

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