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Creditanstalt: Schwieriges, aber erfolgreiches Geschäftsjahr 1984

Trotz langsamerem Geschäftswachstum gute Bilanz 1984

Die Creditanstalt kann auch für das schwierige Geschäftsjahr 1984 - nicht zuletzt dank bedeutender Strukturverbesserungen -eine gute, gesund strukturierte Bilanz vorlegen. Die Bilanzsumme erreichte 325,9 Mrd. S nach einem Wachstum um 8,3%.

Die Startbedingungen waren bei gegebenem scharfem Wettbewerb, weitgehend ausbleibender Kreditnachfrage, schwacher Sparfähigkeit und allgemeiner Verunsicherung aufgrund der erstmalig wirksamen Zinsertragsteuer als nicht günstig zu bezeichnen. Dennoch ist es uns gelungen, die in Anbetracht der Umweltbedingungen nicht sehr hoch gespannten Erwartungen vom Jahresbeginn deutlich zu übertreffen. Das Teilbetriebsergebnis, der Saldo aus Zins- und Provisionsüberschuß abzüglich Personal- und Sachaufwendungen sowie Abschreibungen, blieb nur um rund 5% hinter dem relativ guten Ergebnis des Vorjahres zurück. Die Creditanstalt war 1983 ihrer grundsätzlichen Ertragskraft nach, gemessen an der Ertragsspanne, im oberen Drittel der großen Kreditinstitute Österreichs angesiedelt, eine Position, die sie auch im Berichtsjahr eingenommen haben dürfte. Wir müssen dieses Ergebnis jedoch relativieren, da die im österreichischen Kreditapparat erzielten Ertragszahlen international wenig eindrucksvoll sind.

Die Riskenlage im nationalen und internationalen Bankgeschäft gebietet vielmehr eine stärkere Ertragskraft, wobei wir uns an jenen Ländern zu orientieren haben, mit denen die engsten kreditwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Verbindungen bestehen. Das sind im Bankenbereich die Bundesrepublik Deutschland, die Schweiz, Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Ich darf also nochmals herausstellen: So sehr wir mit dem erzielten Ergebnis des abgelaufenen Jahres in österreichischen Maßstäben zufrieden sein mußten, unsere Anstrengung wird dahin gehen, mittelfristig die Ertragsspannen wieder näher an die in den genannten Referenzländern bei Großbanken üblichen heranzuführen.

Durchschnittliche Expansion der Wirtschaft

Ich möchte nun in groben Strichen die für eine Großbank wesentlichen volks- und kreditwirtschaftlichen Entwicklungen des Vorjahres zeichnen und sodann eine Einschätzung des vor uns liegenden Jahres versuchen. Im vergangenen Jahr ist die österreichische Wirtschaft mit rund 21/2% etwa gleich rasch wie der Durchschnitt der europäischen

Industriestaaten und die BRD gewachsen. Dies ist deshalb besonders erwähnenswert, weil dieser Wachstumserfolg in einem Jahr erzielt wurde, in dem das Budgetdefizit gegenüber dem Vorjahr immerhin um 12% reduziert werden konnte, in dem wegen der mehrwertsteuerbedingten Inflationsbeschleunigung die Reallöh-i ne zurückgingen und daher der reale private Konsum rückläufig war. Entscheidend für den Wachstumserfolg war die Tatsache, daß es der österreichischen Exportwirtschaft gelungen ist, voll am internationalen Konjunkturaufschwung zu partizipieren. Mit einer Steigerung der realen Warenexporte um 13,5% zählte Österreich im europäischen Raum zu den Spitzenreitern. Auch das zweite Bein unserer aus-senwirtschaftlichen Aktivität, der Fremdenverkehr, konnte trotz rückläufiger Nächtigungszahlen dank eines qualitativ verbesserten Angebots reale Zuwächse verzeichnen. Schließlich erwies sich Österreich 1984 einmal mehr im Transithandel als besonders erfolgreich.

Strukturverbesserungen in der österreichischen Wirtschaft

Diese Ergebnisse sind die Früchte einer geänderten Einstellung zum wirtschaftlichen Wandel und zur Strukturverbesserung. Dazu haben unleugbar auch die Zwänge der angespannten Budgetsituation beigetragen. Verlustabdeckungen ohne strikte Auflagen, die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen wiederherzustellen, gehören immer mehr der Vergangenheit an. öffentliche Kapitalzuschüsse werden heute überwiegend nur mehr als vorübergehende Umstrukturierungshilfen für grundsätzlich lebensfähige Unternehmen gewährt, die einzige Form, in der sie meiner Meinung nach gerechtfertigt werden können.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Budgetsanierung warf Österreich vorübergehend aus dem Kreis der preisstabilsten Länder und trug während eines Großteils des abgelaufenen Jahres zur Lähmung des Kapitalmarkts bei. Die Jahressteigerungsrate der Verbraucherpreise von 3,4% im Jänner dieses Jahres beweist jedoch, daß die Inflationsbeschleunigung ein temporäres Phänomen blieb und in keine Preis-Lohn-Spirale einmündete.

1984 hat sich die österreichische Leistungsbilanz, die in den beiden Vorjahren einen Überschuß aufwies, wieder passiviert. Abgesehen davon, daß die endgültigen Werte voraussichtlich günstiger aussehen werden, stellt ein Leistungsbilanzdefizit in der Größenordnung von %% des Bruttoinlandsprodukts angesichts der guten Auslandsposition Österreichs aber kein Problem dar.

Kreditwirtschaft entwickelte sich 1984 besser als erwartet

In diesem volkswirtschaftlichen Rahmen entwickelte sich die Kreditwirtschaft 1984 nicht befriedigend, insgesamt aber doch besser, als mancherorts befürchtet worden war. Das Bilanzsummenwachstum des Kreditapparats blieb neuerlich knapp unter 10%. Besonders bescheiden war mit 7,3% der Zuwachs der inländischen Primärmittel. Die Kreditnachfrage beschleunigte sich im Jahresverlauf erheblich: die Zuwachsraten stiegen von etwa 6% zu Jahresbeginn auf deutlich über 10% gegen Jahresende. Die die Schilling-Geldkapitalbildung wesentlich übersteigende Schilling-Kreditgewährung führte zu einer Finanzierungslücke, die vor allem durch eine höhere Beanspruchung ausländischer Finanzmärkte gedeckt wurde. Auch 1984 erwies sich die öffentliche Hand als besonders dynamischer Kreditnehmer. Wegen des weitgehenden Ausfalls des Kapitalmarkts kam es zu einer massiven Verlagerung der öffentlichen Kreditnachfrage zu Direktkrediten.

Wettbewerbsabkommen zur Stärkung der Eigenkapitalrelationen

In diesem Zusammenhang ist das jüngst abgeschlossene Wettbewerbsabkommen im Kreditapparat zu erwähnen, dem die Creditanstalt beigetreten ist. Österreichs Kreditinstitute rangieren in der Eigenmittelausstattung und in ihrer Ertragskraft fast am Ende einer internationalen Vergleichsskala, eine Entwicklung, auf die auch schon OECD-Untersuchungen hingewiesen haben. Ein zum Teil irrationaler Wettbewerb hat zu Verzerrungen geführt, die in anderen Ländern undenkbar wären: daß z. B. Kredite an Kleingemeinden zu besseren Konditionen vergeben werden, als an den Bund, daß Privatkredite billiger verkauft werden, als Kredite an erstklassige Großkunden, daß der Zahlungsverkehr zu Gebühren abgewickelt wird, die die Kosten auch nicht annähernd decken, u. s. f. Ich wende mich daher entschieden gegen den Vorwurf eines Kartells, das sich auf Kosten der Kunden ungerechtfertigte Vorteile verschaffen möchte. Denn auf Dauer liegt es auch im Interesse unserer Kunden, daß ihre Partner im Bankenbereich auf einer soliden Grundlage stehen. Gerade die Herausforderung einer fortgesetzten Verbesserung unserer Wirtschaftsstruktur verlangt auch die Übernahme höherer Risken, und dafür bedarf es ertragsstarker Kreditinstitute. Das Wettbewerbsabkommen kann nur einen ersten Schritt zur Verbesserung der Eigenkapitalrelationen darstellen. Ein weiterer legistischer, in

Form verschärfter Vorschriften des Kreditwesengesetzes, muß folgen.

Flaute am Rentenmarkt dürfte heuer überwunden werden/Belebung des Aktienmarktes

Der Rentenmarkt war während des größeren Teils des Jahres lahmgelegt und belebte sich erst im Oktober wieder. Die sich für das Gesamtjahr ergebende Nettobeanspruchung von etwa 24 Mrd. S entsprach nur rund einem Drittel des Vorjahreswerts. Die ungünstige Kapitalmarktentwicklung geht auf mehrere Ursachen zurück: die erheblichen Vorziehkäufe Ende 1983 vor Wirksamwerden der Zinsertragsteuer, die gedrückte Realeinkommenssituation, das beträchtliche Zinsdifferential zu Gunsten des Dollarraums und die hohe Dynamik alternativer formen der Geldvermögensbildung, wie Genußscheinzeichnungen und Versi-cherungssparen. Da einige dieser Faktoren heuer nicht mehr wirksam sind und durch die Senkung des Satzes der Zinsertragsteuer auf 5% ein psychologisch wichtiges, positives Signal gesetzt wurde, kann 1985 mit einer fortschreitenden Normalisierung des Renten markts gerechnet werden.

Nach vielen Jahren ist nunmehr auch die Wiener Aktienbörse in den letzten drei Monaten aus einer Art Dornröschenschlaf erwacht und gibt kräftige Lebenszeichen. Seit Anfang Dezember 1984 hat sich der Kursindex um nicht weniger als 28,3% erhöht. Auf den ersten Blick betrachtet, handelt es sich dabei um den Nachvollzug einer Entwicklung, die an den großen internationalen Börseplätzen bereits 1983 einsetzte und dort zu ganz erheblichen Kursverbesserungen führte.

Günstige Voraussetzungen für Kapitalerhöhung

Von dem besseren Börsenklima sollte auch die Kapitalerhöhung der Creditanstalt, die vom 11. bis 27. März durchgeführt wird, profitieren. Wir erwarten eine positive Aufnahme durch die Aktionäre und interessierte Anleger, zumal es uns gelungen ist, 1984, gemessen an den Bedingungen und Möglichkeiten des Marktes und trotz der Belastungen der Bank durch die schiechte Ertragslage einzelner Industriebeteiligungen, ein nicht unbefriedigendes Ergebnis zu erwirtschaften. Für 1985 rechnen wir mit einer Verbesserung des Ertrages aus dem Bankgeschäft als Folge des konjunkturell bedingten Ansteigens der Kreditnachfrage, aber auch in Hinblick auf rationalere Wettbewerbsbedingungen im Kreditapparat, wie sie in den Arrangements vorgesehen sind, die am 1. März in Kraft traten.

Nach der Kapitalerhöhung, die wir im März durchführen, werden wir im Rahmen eines mittelfristigen Programms das Aktienkapital der Bank bis 1988 schrittweise um insgesamt 1.200 Mio. S auf 3.600 Mio. S aufstocken. Dies erscheint uns notwendig, obwohl die Creditanstalt das am besten mit Eigenmitteln ausgestattete, große Geldinstitut unseres Landes ist. Die vom Kreditwesengesetz vorgeschriebenen Eigenmittelerfordernisse übertreffen wir bei weitem. Der Grund für unser Kapitalerhöhungsprogramm ist vor allem darin zu suchen, daß im internationalen Geschäft nationale Eigenmittelvorschriften - wie etwa das Verhältnis der Eigenmittel zu bestimmten Verpflichtungen - nicht weiter beachtet werden, sondern das Verhältnis von Eigenmitteln zum Geschäftsvolumen als Beurteilungskriterium angewendet wird.

Internationale und

österreichische

Wirtschaftsperspektiven

Im Gegensatz zu den Verfechtern des heute modischen „Europessimismus” scheinen mir alles in allem die Zukunftschancen unseres Kontinents weit unterschätzt zu werden. Wenn auch die führende Rolle der USA in zahlreichen Spitzentechnologien unbestritten ist, so hat Europa doch in einzelnen Bereichen durchaus aufgeholt; ich darf hier auf die Flugzeugindustrie verweisen. In vielen der gewichtsmäßig dominierenden traditionellen Industriebranchen dürfte dagegen Europa durchaus mit der amerikanischen Industrie mithalten können, ja sie vielfach an Leistungsfähigkeit übertreffen.

Insgesamt dürften die Aussichten Europas und damit auch unseres Landes für ein zwar nicht übermäßiges, aber dafür auf längere Zeit kontinuierliches und störungsfreies Wirtschaftswachstum nicht ungünstig sein. Dies sollte uns ermutiget!, einen größeren Teil der uns zur Verfügung stehenden Ressourcen für produktive Investitionen einzusetzen. Die relativ günstige Konjunkturentwicklung sollte aber nicht zu einem Erlahmen der strukturpolitischen Anstrengungen führen. Daneben gilt es, die energiepolitische Pattstellung zu überwinden und weitere umweltpolitische Initiativen zu ergreifen. Im vergangenen Jahr haben die sprunghaft - nämlich um nahezu ein Viertel -gestiegenen Energieimporte wesentlich zur Handelsbilanzverschlechterung beigetragen. Insgesamt machten die Energieimporte von knapp 60 Mrd. S drei Viertel unseres Handelsbilanzdefizits aus. Diese Zahlen verdeutlichen die Notwendigkeit für die österreichische Energiepolitik, konsequent Energieformen mit geringem Importgehalt zu fördern. Dies umso mehr, als gerade diese Energieformen, nämlich Wasserkraft und Kernenergie, zu den mit Abstand umweltverträglichsten gehören.

Zukunftsoptimismus ist gerechtfertigt

Es ist meine feste Überzeugung, daß es realistische Chancen für eine erfolgreiche Überwindung unserer volks- und kreditwirt-scha'tlichen Probleme gibt. Meine insgesamt optimistische Zu-, kunftseinschätzung kann zur „self-fulfilling prophecy” werden, wenn wir alle diesen Optimismus teilen und die gegebenen Chancen in unseren wirtschaftlichen Dispositionen ergreifen.

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