7074812-1993_14_09.jpg
Digital In Arbeit

Daneben der Engel

Jahre mußten vergehen, bevor er zu ahnen begann. Und als er wußte, war es bloß noch ein Tag, den er zur Verfügung hatte. Zum Ende begann er, zurückzublicken. Seine Blindheit, sein Nicht-Erkennen über so lange Zeit, ließ ihn erschrecken.

Vor zehn Jahren war es gewesen. Er erinnerte sich genau, wie es damals zum ersten Mal geschehen war. Er kam aus seinem Betrieb. Es war Winter und schon Nacht. Er lebte damals für seinen Betrieb, sein Geld und die Dinge, die er damit kaufen konnte. Frau und Kind im Haus des vornehmen Vorortes im Westen der Stadt waren ihm gleichgültig. Mit dem Abend war die Kälte gekommen und die Straßen waren glatt. Er merkte es nicht. Die halbe Stunde zu Fuß bis nach Hause würde ihm guttun, meinte er.

Aber neben dem Fluß hatte sich Nebel über die Straße gesenkt und der Gehsteig war mit Eis bedeckt. Er rutschte, fiel zu Boden, glitt weiter auf die Straße. Ein Auto versuchte anzuhalten. Es gelang nicht. Das Fahrzeug kam auf ihn zu. Er schrie, aber es war nutzlos. Er war allein und das Auto kam näher, war schon da, aber im letzten Augenblick gelang es dem Fahrer auszuweichen.

Der Fahrer, ein Mann Ende fünfzig, gute zehn Jahre älter als er, stieg aus und sagte, daß es diesmal fast gereicht hätte für den Friedhof, oder zumindest den Rollstuhl. Warum er so unachtsam sei bei diesem Wetter? Er sagte bloß, daß es ihm unangenehm wäre, den Fahrer in solche Aufregung gebracht zu haben. Man verabschiedete sich voneinander.

Er ging heim und ahnte nicht, daß es der Engel gewesen war, der damals zum ersten Mal zu ihm gesprochen und zu sagen versucht hatte, daß er doch nicht so weitertun möge wie bisher. Man wisse schließlich, daß er festgefahren und eingeklemmt sei zwischen den Dingen dieser Welt, die ihm Freude bereiteten, daß er festsitze wie ein Fahrzeug, das im Schnee steckt und nicht vorwärts kann und auch nicht zurück, daß es für ihn seinen Betrieb gäbe und sein Geld, dessen Vermehrung er sorgfältiger als das Heranwachsen seines Kindes beobachte, dazu die schönen Dinge, die er hier oder da kaufe, die Uhren, die Bilder, die seltenen frühen Drucke, die er kaum je ansehen würde.

Daher mag es wohl gekommen sein, daß auch der zweite Versuch deutlich war. Er kam im Sommer danach. Es war mittags. Er ging zu seiner Bank und hörte Schüsse. Ganz nah feuerte jemand aus einem Gewehr. Er hatte sich nicht wie alle anderen in der Straße zu Boden geworfen. Er stand und schaute und war überrascht bis zur Bewegungslosigkeit. In einem der Fenster im Haus gegenüber stand ein Mann, der auf ihn zielte und auch abdrückte. Blut sickerte durch seinen Ärmel. Er stand noch immer und wußte nicht, wie lange.

Plötzlich war Polizei da und feu-"erte zurück. Am Ende wußte er, daß dort oben im Zimmer der Mann erst seine Familie getötet, danach wild um sich geschossen und zum Ende sich selbst das Leben genommen hatte. Ein Amokschütze, sagte der Krankenpfleger, der neben ihm saß. Er selbst hatte damals bloß eine unbedeutende Wunde gehabt. Alles war bald verheilt. Er hatte etwas, das er den Freunden erzählen konnte und immer wieder sagte er, daß er nicht wisse, wieso er genau an jenem Tag mittags zur Bank gegangen sei und nicht wie sonst während des Nachmittages. Und er wußte nicht, daß es der Engel war, der damals zum zweiten Mal zu ihm gesprochen hatte.

Danach kam alles weniger deutlich als zuvor und es war, als wäre man seinem geringen Auffassungsvermögen gegenüber verzweifelt. Aber am

Beginn des Winters gab es eine Hochzeit. Er hatte den Termin falsch notiert und war eine ganze Stunde zu früh in der Kirche. Der Raum war gut beheizt und er wußte, daß er di|? Zeit bis zum Beginn der Feier nicht nützen könne. Die Kirche war zu entlegen. So blieb er sitzen.

Der Raum war menschenleer. Neben dem Tabernakel brannte eine Kerze. Erst wurde er schläfrig. Danach dachte er an den Jahresabschluß und die Bilanz. Das Gebetbuch, das vor ihm lag, nahm er nicht zur Hand. Er schloß die Augen und war bald eingeschlafen. Erst der Mesner, hatte ihn geweckt. Bald waren die anderen Gäste da und er wußte nicht, daß es der Engel gewesen war, der damals zum dritten Mal zu ihm gesprochen hatte.

Zwei Jahre waren vergangen, acht waren ihm geblieben, und er 9wußte noch nicht, daß er danach weitergehen müsse, was immer er auch erreicht hätte. Etwa einmal im Monat war während dieser acht Jahre zu ihm gesprochen worden. Krankheiten kamen und gingen. Leiden kamen und blieben. Die Eltern starben, ebenso Verwandte und Freunde. Unglücksfälle kamen. Ein Brand vernichtete seine kostbaren frühen Drucke. Er war gut versichert und kaufte andere. Eine Überschwemmung gab es. Die Fundamente seiner Firma waren unterwaschen. Er baute neu. Dazwischen gab es immer wieder wenig auffallende Ereignisse. Hier die geschenkte Stille wie einst vor der Hochzeit. Dort jene Pause im Trubel der Ereignisseoder jener Blick hinaus über die Hügel und zum Himmel. Oder jene Viertelstunde am Meer, in der nichts anderes zu hören war als das Rauschen der Wellen am Strand. Dazwischen kam aber immer wieder auch das Auffallende, von dem man meinte, daß es ihn endlich wecken würde.

Das Einschlafen während des Fahrens und der Sturz in den Straßengraben, den er ohne jede Verletzung überlebt hatte. Das Schwimmen im See und der Schwächeanfall weit draußen, der aber bald wieder vorbei war. Der Schlangenbiß während des Wanderns im Gebirge, aber es kam ein Bergsteiger, der Gegengift bei sich hatte. Er aber sah nicht, hörte nicht, und wußte nicht, daß es immer der Engel gewesen war, der zum zehnten, zum hundertsten Mal zu ihm gesprochen hatte.

Die zehn Jahre waren vorbeigegangen. Er war müde und ahnte bereits, daß es nicht mehr lange gehen würde mit ihm. Eines Tages war es, als ob der Sturm die Blätter auf den Ästen der Bäume zum Rauschen bringen würde. Es blies aber kein Sturm. Da wußte er, daß er nicht mehr viel zu leben hätte.

Gleich danach sah er ihn zum ersten Mal. Zwei Meter hoch stand das Licht im Raum wie eine Säule und hell wie die Mittagssonne. Aber links und rechts davon stand es schwarz und drohend. Er ahnte, daß es sein Engel, aber jetzt eben der Todesengel war. Er floh vor ihm. Er ging und betrank sich. Er ging, sein Geld zu zählen, seinen Betrieb zu durchwandern, seine Uhren und Bilder in Listen aufzuzeichnen und den gegenwärtigen Preis daneben hinzuschreiben. Immerhin ging er auch zu seinem Kind und sagte ihm, daß er es immer lieb gehabt habe und auch heute noch liebe. Und er ging zu seiner Frau und sagte ihr, daß er sie immer geliebt habe und auch heute noch liebe. Wieder gab es den Sturm in den Bäumen, den aber nur er hören konnte. Er wandte sich um und wieder sah er das helle Licht im Raum, und er sah in einem Bild alle Einsprechungen, die man an ihm verschwendet hatte. Er sah das Schwarz rechts und links drohen. Der Engel aber lächelte.

Da erfaßte er, daß die Liebe am Grund seiner Seele immerzu gewartet hatte, um endlich einmal offenbar zu werden. Er wußte, daß er gerettet war. Am Abend des nächsten Tages ist er gestorben.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau