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DAS BUCH - WARE ODER KULTURGUT?

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„Seit jeher mißfallt mir der Name Buchhandel, stört mich die Bezeichnung Buchhändler", äußerte Rene Marcic anläßlich der Jahrestagung des österreichischen Buchhandels im Jahre 1966, „das Kommerzielle schiebt sich in den Vordergrund... Daher weg mit dem Ausdruck Handel im Zusammenhang mit dem Buch... Wäre der Ausdruck .Buchschatzmeister' für den Buchhändler eigentlich ganz und gar abwegig?"

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„Seit jeher mißfallt mir der Name Buchhandel, stört mich die Bezeichnung Buchhändler", äußerte Rene Marcic anläßlich der Jahrestagung des österreichischen Buchhandels im Jahre 1966, „das Kommerzielle schiebt sich in den Vordergrund... Daher weg mit dem Ausdruck Handel im Zusammenhang mit dem Buch... Wäre der Ausdruck .Buchschatzmeister' für den Buchhändler eigentlich ganz und gar abwegig?"

Den Kontrapunkt bildet die Replik eines Betriebswirtschaftlers auf einen Verleger, der mit Berufung auf seine kulturelle Mission es ablehnte, von Gewinn im Buchhandel zu reden: „Eine pharmazeutische Firma könnte das Leitbild aufstellen, daß sie der Gesundheit dient. Will sie das effektiv tun, muß sie Gewinn erzielen. Woher sollen sonst Budgets für neue Forschungs- und Entwicklungsvorhaben bereitgestellt werden, wenn nicht aus dem Gewinn?" Das Idealbild von Buchhändler und Verleger und die Wirklichkeit des Alltags klaffen tatsächlich stark auseinander, die Balance zu halten ist die große Kunst.

Der Grund für das Dilemma liegt zum Teil in der Geringschätzung des Geschäftlichen durch Verlag und Buchhandel; zu einem weiteren Teil im Verkennen der Werte, die Zukunft sichern helfen, durch die Gesellschaft, und zu einem dritten Teil, in einem verengten Begriff von Nachfrage.

„Markt" und „Vermarkten" wird gerade im Zusammenhang mit Buch und Literatur sehr oft im pejorativen Sinne gebraucht. Zu unrecht. Der Tausch des Marktes basiert auf der Gerechtigkeit. Wer aber die Gerechtigkeit verletzt - und das sollte der Kommunismus als Lehre hinterlassen haben -verletzt den Menschen. Nur wenn der Markt der freigewordenen Länder Europas saniert wird, wird es für diese eine glückliche Zukunft geben. Auch das Buch steht unter dem Gesetz des Marktes.

Auf der anderen Seite aber verlangt das Buch eine differenzierte Behandlung im Wirtschaftsgeschehen. Die Unterbewertung der Natur, der Umwelt und der landschaftser-haltenden Funktion des Bauern zum Beispiel findet beim Buch die Entsprechung in der Unterbewertung der sprachlichen Problemerfassung und der literarischen Leistung. „Weil wir in Metaphern (Gleichnissen) zu schwach sind", formulierte einmal Heimito von Doderer, „bekommen wir es mit dem Hammer auf den

Kopf." Buchhändler und Verleger verwalten für die gesamte Gesellschaft unverzichtbare Ressourcen. Gerade in ihrer Andersartigkeit liegt die unersetzbare Funktion.

Viktor E. Frankl hat die Suche nach dem Sinn als den eigentlichen Motor menschlicher Existenz ausfindig gemacht. Wenn seine These richtig ist, wenn die Suche nach dem Sinn das ist, was den Menschen am tiefsten umtreibt, ihn glücklich oder unglücklich werden läßt, je nachdem sie gelingt oder er sie verfehlt, dann haben Buchhändler und Verleger ein Angebot, das mit dieser Nachfrage korrespondiert. Freilich, wer die tragenden Werte unserer Gesellschaft und Tradition durch das Buch befördern will, erfährt tagtäglich, daß ihm diese „geheiligte Ware" (Bert Brecht) nicht aus der Hand gerissen wird. Ganz im Gegenteil, er muß sich wahrscheinlich mehr als seine Kollegen im Handel abmühen, daß er sie anbringt. Er wird deshalb nach den Gründen dieses Mißverhältnisses suchen, und der Buchhändler und Verleger bhristlicher Orientierung wird sie bei sich und bei manchen anderen finden.

Probleme dieser Zeit

Die heute spürbare Polarisierung in der Kirche macht ihm seine Aufgabe nicht leicht. Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage erfordert Ehrlichkeit, Mut zum Experiment, Umkehrwillen, ungeduldige Geduld. Die Wege sind für jeden anders. Von dem kleinen Ein-Mann-Buchhändler ist anderes gefordert als vom großen Betrieb. Dieser wird sich zuerst ums Überleben sorgen müssen, jener muß dem Buch den langen Atem gewäh-

ren, den es braucht.

In dem Zwiespalt zwischen Realität und Forderung, Möglichkeit und Aufgabe, wird das Problem von Beruf und Berufung zur Zerreißprobe. Beruf ist nach allgemeiner Auffassung das Alltägliche, das Normale, der Job. Bei Berufung denken wir an Seltenes, Hohes, an eine innere Stimme. Zur Berufung gehört eine Entscheidung, die man trifft, sozusagen die persönliche Gegenzeichnung auf das Offert des Schicksals. Die Frage stellt sich, wer berufen ist. Die vielen Erinnerungen von Verlegern und Buchhändlern erzählen wenig Außergewöhnliches. Kein Blitz der Erleuchtung! Es gibt durchaus Wunder beim Büchermachen, aber die sind so selten wie beim Lotto die Treffer. Zufall

oder Neigung führt - zumindest oberflächlich gesehen - zum Beruf, die Berufung steckt im Wie.

Wenn vom „berufenen" Buchhändler oder Verleger gesprochen wird, meint man, daß bei ihm der Antagonismus von Arbeit und Freizeit aufgehoben ist. Die Liebe zum Buch macht Leben und Erwerbstätigkeit nahezu deckungsgleich. Einige Symptome charakterisieren diesen Prozeß:

Die erste - natürliche - Voraussetzung ist bei derartigen Persönlichkeiten das Lesen. Nicht so selbstverständlich ist, daß diese meist ein ausgeprägtes Interesse auch für die äußere Gestalt des Buches haben. Den „Berufenen" erkennt man nicht zuletzt daran, daß er Inhalt und Form

zusammen sieht. Damit ist das Engagement eng verbunden. Die Gruppe von Verlegern, die gerade in den vergangenen Monaten um die Auseinandersetzung um den Weltkatechismus von sich hatten reden machen, nennt sich geradezu „Engagement".

Beruf der Begegnung

„Eines Freundes Freund zu sein", diese Zeile aus dem Hymnus an die Freude, charakterisiert eine weitere Eigenschaft des „berufenen" Buchhändlers und Verlegers. Mag die erste Begegnung mit dem Autor oft Zufall sein, die reine Geschäftsverbindung wird seinen Beruf nicht zur Berufung werden lassen. Das große Glück des Standes ist die Begegnung mit Autoren und Lesern. Das heißt nicht, daß zum Ladentisch und in die Redaktionsstuben nur sympathische Menschen kommen. Aber ohne den Autor und ohne den mitfühlenden Leser - und seien es nur zwei - spürt er den Beruf als Last, und die exzellentesten Bilanzen können ihn darüber nicht hinwegtrösten. Menschen, die Bücher schreiben, Menschen, die Bücher lesen und deren Anspruch sich aussetzen, entwickeln feine Antennen. Vielleicht freuen sie sich über anderes als andere. Vielleicht leiden sie mehr. Sie sind Seismographen für die Beben und Barometer des Glücks. Mag sein, daß der Künstler nur für sich alleine schaffen kann. Ohne an die Umwelt zu denken. Der Buchhändler und der Verleger ist an den Autor und an den Leser durch die Kette des Marktes gebunden. Aber ist er wirklich angekettet? Beider Hände ergreift er und erfüllt darin seine Berufung.

Internationale Vereinigung katholischer Verleger und Buchhändler (ELCE)

Sitz: Stuttgart (VKB) Gegründet: 1983 Mitglieder: Landesverbände katholischer Verleger und Buchhändler sowie, wenn diese nicht vorhanden sind, Finnen. Derzeit sind folgende Landesverbände Mitglied:

Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Spanien. Aus folgenden Ländern gibt es Firmenmitglieder: Belgien, Kroatien, Ungarn, Slowakei, Tschechien, Polen. Derzeitiger Vorsitzender: In Vertretung Dr. Gerhard Trenkler, Verlag Styria, Graz. Geschäftsführung durch den VKB

in Stuttgart.

Die ELCE ist eine Vereinigung katholischer Verleger und Buchhändler mit dem Zweck, die internationale Zusammenarbeit der katholischen Verleger und Buchhändler zu fördern und ihre Interessen in Kirche und Öffentlichkeit zu vertreten. Dies wird durch enge Fühlung der Mitglieder, gegenseitige geistige und wirtschaftliche Förderung, Weiterbildung sowie Pflege freundschaftlicher Beziehungen und Zusammenarbeit mit dem katholischen Verlags- und Sortimentsbuchhandel in der ganzen Welt zu erreichen versucht.

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