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Das faszinierende Abenteuer des Lebens

1945 1960 1980 2000 2020

Pfingsten: Fest des Geistes, der „das Antlitz der Erde verwandelt.” Wie entstand Geist? Wie Leben? Kann die Entwicklung des Menschen noch weitergehen? Und wenn: wohin?

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Pfingsten: Fest des Geistes, der „das Antlitz der Erde verwandelt.” Wie entstand Geist? Wie Leben? Kann die Entwicklung des Menschen noch weitergehen? Und wenn: wohin?

„Ungeheuer ist vieles, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch.” Hat Sophokles mit diesem Hymnus in „Antigone” recht? Yale-Profossor Peter Färb stellte ihn an die Spitze seines Werkes „Humankind”, das nun auch in Deutsch erhältlich ist.

Um die Einzigartigkeit des Menschen zu erfassen, zu der sich auch der deutsche Arzt und Soziologe Paul Lüth in seinem Buch „Der Mensch ist kein Zufall” bekennt, muß man diesen in die richtige Zeitdimension stellen: scheinbare Winzigheit als Indikator eigentlicher Größe.

Unbestritten ist heute: Es gibt einen Anfang der Welt. Der „Urknall”, ein hochbeschleunigter Prozeß von Kernverschmelzungen und Kernsynthesen bei lOxlOxlOxlOxlOxlOxlOxlOxlOxlOx 10 Grad Celsius, aus dem unser Universum entstand, dürfte vor 15 bis 20 Milliarden Jahren stattgefunden haben. Unser Planet Erde ist knappe fünf (wohl 4,7) Milliarden Jahre alt.

Die ältsten Nachweise von Leben auf der Erde (Mikrofossilien, also Gesteinseinschlüsse) sind mit etwa 3,5 Milliarden Jahre zu datieren, doch gibt es Leben sicher schon länger. Der Mensch aber ist bestenfalls ein paar Millionen Jahre alt.

Peter Färb schildert, wie man sich die Entwicklungsgeschichte (Evolution) vorzustellen hätte, drängte man sie auf ein einziges Jahr zusammen:

Erstes Auftreten einzelliger Organismen am 1. Jänner, mehrzellige Organismen Ende April, erste Wirbeltiere (Fische) Ende Mai, Landsuche der Amphibien im August, Reptilien Mitte September, Dinosaurier im Oktober, erste primitive Säugetiere im November, Vorfahren der Primaten und Affen im Dezember, Vorläufer des Menschen am Mittag des 31. Dezember, Ackerbau um 23.45 Uhr des Silvesterabends, erste komplexe Menschheitskulturen im Zweistromland, in China und im heutigen Lateinamerika um 23.59 Uhr.

„Es gibt keinen kritischen Punkt, es gibt nur einen allmählichen Ubergang,” sagte der Biophysiker und Chemiker Manfred Eigen auf eine „Nachtstudio”-Frage Franz Kreuzers nach dem biologischen Beginn des Lebens. (Diese faszinierenden Nachtstudiogespräche gibt es jetzt auch in einer von ORF und Deuticke-Verlag herausgebrachten Reihe.)

Allmählich also entsteht Leben: in den Zellen, die genetische Information (Vererbungsinformation) gespeichert haben, nach denen die Entwicklung „auftragsgemäß” abläuft.

Mutation (sprunghafte Erbgutänderung) und Selektion (Auswahl des Lebenstüchtigsten) haben an der Entwicklung der Artenvielfalt einen wichtigen Anteil. „Leben ist von einer frühen Stufe an ein Prozeß des Auswählens,” schreibt Lüth, und zwar eine Auswahl dessen, was sich den Umweltbedingungen am besten anpaßt.

Längst ist man darüber hinaus, Darwins „fitness” als das „Stärkere” zu verstehen, das im „Daseinskampf” überlebt und sich durchsetzt. „Survival of the fit-test” ist das Uberleben des Bestangepaßten, des Fortpflanzungsfähigen.

Aber Paul Lüth bezweifelt, ob Mutation und Selektion als Erklärungen ausreichen: „Es fragt sich nur, ob es weitere Faktoren gibt, ob das Hinzutreten von plas-matischer Vererbung und womöglich Vererbung erworbener Eigenschaften die Interpretationsmöglichkeit verbessern kann” (S. 226). Noch offene Fragen.

Jedenfalls kommt er zu dem Schluß, daß der Zufall als Evolutionsprinzip nicht ausreicht: „Die Evolution beschreitet immer wieder Nebenwege, Abwege und viele Umwege, aber zum Schluß läßt sie doch eine bestimmte Richtung erkennen” (S. 228).

In diesem Punkt wächst die Ubereinstimmung unter den Naturwissenschaftern von heute. Schon der Zoologe Ernst Haeckel sprach von einer solchen Ortho-gnesis (Zielgerichtetheit).

Leben ist Auswählen

K. E. v. Baer nannte es „Zielstrebigkeit”, H. F. Osborn „recti-gradation”, was Lüth als „gerichtete Entwicklungsschritte” übersetzt. Hoimar von Ditfurth nennt die Evolution ein „den ganzen

Kosmos umfassendes Geschehen”: das Universum als geschichtlicher Prozeß!

Auch der bekannte Wiener Zoologe und Evolutionsforscher Rupert Riedl sagte in einem „Nacht-studio”-Gespräch u. a.: „Wir sehen, daß die Evolution schlechthin auf ein geistiges Prinzip zuläuft, das als ein materielles Abenteuer beginnt und allmählich in ein geistiges Abenteuer übergeht” (S. 62). Deshalb fühlt er sich dem großen jesuitischen Evolutionsoptimisten Pierre Teilhard de Chardin näher als Teilhards Landsmann Jacques Monod, der es als unerklärlichen Zufall ansieht, daß Geist in die Welt geriet.

Jedenfalls ist es „kein Chaos, das sich entfaltet — es ist eine ungeheure Kraft, die nach immer neuen Ausformungen drängt. Aber niemals gescheht etwas ohne Ordnung” (Lüth, S. 67).

Zum Begriff der Evolution gehört die Vorstellung von (im Detail umstrittener) Entwicklung zu immer höherer Organisation, immer höherer Komplexität, immer höherer Ordnung. Relativ spät erscheint der Mensch — nicht Abkomme von Affen (Lüth, S.: 140: „Die .Affenverwandtschaft' war übrigens der Fehdehandschuh, den im Grund niemand geworfen hat, den aber jedermann aufnahm”), aber von gemeinsamen Urahnen.

Vermutlich erfolgte die Abspaltung vom gemeinsamen Vorfahr schon vor der Entwicklung der Primaten. Auch der Mensch dürfte sich allmählich und an mehreren Stellen der Erde gleichzeitig entwickelt haben (was, wäre es so gewesen, dem bildhaften Schöpfungsbericht gewiß keinen Abbruch täte).

Durch Verlassen der Bäume, Gehen auf zwei Beinen („Bipe-die”), hervorragende Auge/ Hand-Koordination, Verlagerung der Sinneswahrnehmungen von Riechen auf Sehen, Erweiterung der nicht zweckgebundenen Gehirnrinde — vor allem aber durch die Sprache entfaltete sich der Mensch. (Werkzeuge dagegen besorgen sich auch Schimpansen.)

Peter Färb betont: Wie man nicht nach dem „missing link” zwischen Tier und Mensch suchen darf, soll man auch nicht nach einem einzigen Merkmal suchen, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Umfang und Intensität vieler Verhaltensweisen machen das einzigartig Menschliche aus!

Wesentlich scheint: Daß der Mensch als Gesellschaftswesen (vermutlich in einer Kleingruppe) entstanden ist „und es auf diese Weise... geschafft hat, ein Individuum zu werden” (Lüth, S. 375). Daß er von Anbeginn auf Kooperation angewiesen war!

Und „die Familie... hat sich als beste Lösung für die Zwillingsbedürfnisse der Hominiden erwiesen: die verringerte Pflege des Kindes und die Nahrungsgewinnung durch Arbeitsteilung___Es gibt keine Gesellschaft ohne Familie” (Färb, S. 401).

Ungeachtet des gleitenden Charakters aller Entwicklung gibt es aber doch auch keinen Zweifel, daß es zu gewissen Zeiten gewisse Entwicklungsschübe gibt, wenn die ungeheure innere Kraft der Evolution besonders stark und formenreich ausbricht: „Virenzphasen”, in deren einer wohl auch die Menschwerdung des Menschen sich vollzogen hat.

Der Biochemiker Günther Kreil bietet auch ein Erklärungsmodell für die relativ rasche Evolution höherer Lebewesen an: einen Umbau der genetischen Information (S. 42). Die (wissenschaftlich längst nicht geklärten) Fragen, die sich daraus ergeben, sind von wahrhaft pfingstlicher Wucht:

Steht der Mensch, wie Carsten Bresch unter Hinweis auf die Ausschaltung der Selektion postuliert, am Ende seiner Evolution? Oder ist eine Weiterentwicklung vom homo sapiens zum homo sapientissimus, wie ihn Paul Lüth nicht nur für möglich hält, sondern schon einigermaßen konkret beschreibt, durchaus denkbar — mit allen Hoffnungen, die dazu gehören würden?

Oder ist das Evolutionsprodukt Mensch durch den Menschen selbst weiter perfektionierbar — durch genetische Manipulation, die der Biochemiker Erwin Char-gaff horrend und sein Kollege Günther Kreil (wie übrigens auch Teilhard de Chardin) durchaus hoffnungsvoll findet, wenn sie verantwortungsbewußt betrieben würde?

Ferner: Ist Kultur als Produkt des Menschen „eine neue Stufe der Evolution” wie mit Färb (S. 23, 364) viele annehmen? Geltend dann für die Evolution der Kultur auch Gesetzgemäßigkeiten der biologischen Evolution?

Dazu drängt sich u. a. ein faszinierender Gedanke auf: Was immer Krebs sein mag — man weiß heute, daß es sich um „eine genetische Angelegenheit” (Kreuzer) handelt, eine Fehlprogrammierung von Zellen, besser gesagt: eine Nichtbeachtung des genetischen Befehls, Wachstum einzustellen.

Gilt das auch für die Gesellschaft? Stimmt es, was Leopold Kohr sagt — daß es nicht darum gehen kann, die Übel abzuschaffen, sondern sie zu verkleinern?

Daß Arbeitslosigkeit und Inflation und Kriminalität und Technik und Hunger vor allem ab einer gewissen Größe zum unbewältig-baren Problem, zum „Krebsübel” unserer Gesellschaft werden? Daß diese nicht von Unter-, sondern von Uberentwicklung bedroht ist?

Leben ist ununterbrochene Strömung, Veränderung, Entwicklung. Glücklich der Christ, der deren letztes Ziel, wo und wann immer anzusiedeln, bereits kennt. Ihn wird keine Zwischenstufe ängstigen oder irre machen.

Aber auch nicht die Vision des christlichen Neurologen Hoimar v. Ditfurth (FURCHE Nr. 19, S. 12), wonach Evolution der Schöpfungsprozeß ist und ihr Ende der „Himmel” als Gipfelpunkt einer Stufenleiter des Erkennens, wo Glauben und Wissen zusammenfallen. .

DAS IST DER MENSCH. Von Peter Färb. Albrecht Knaus Verlag. Hamburg 1981. 518 Seiten, Ln., öS 365,—.

DER MENSCH IST KEIN ZUFALL. Von Paul Lüth. Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgart 1981. 480 Seiten. Ln., öS 319,-.

ICH BIN - ALSO DENKE ICH (Franz Kreuzer im Gespräch mit Engelbert Broda und Rupert Riedl); DAS LEBEN - EIN SPIEL (Franz Kreuzer im Gespräch mit Erwin Chargaff, Günther Kreil, Manfred Eifen, Ruthild Winkler-Oswatitsch und Peter chuster); DIE KRANKEN RIESEN (Franz Kreuzer im Gespräch mit Leopold Kohr, Egon Matzner und Erhard Busek; alle bei Franz Deuticke. Wien 1981. Pb., S 148,-.

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