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Das Fußvolk bezahlt den Regimewechsel

1945 1960 1980 2000 2020

Soeben bin ich aus Moskau zurückgekehrt. Es war mein erster Besuch in der Sowjetunion, das heißt in der ehemaligen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, deren Geschichte ich seit Jahrzehnten in allen Details studiert und dank der in Bern ansässigen Osteuropa-Bibliothek vielfach dokumentiert habe.

1945 1960 1980 2000 2020

Soeben bin ich aus Moskau zurückgekehrt. Es war mein erster Besuch in der Sowjetunion, das heißt in der ehemaligen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, deren Geschichte ich seit Jahrzehnten in allen Details studiert und dank der in Bern ansässigen Osteuropa-Bibliothek vielfach dokumentiert habe.

Nicht einmal vier Stunden dauerte der Flug von Zürich bis Moskau. Die Swissair-Maschine, halb ausgebucht, landete auf dem modernsten Flughafen Moskaus, auf Scheremetjewo II, den man für die Olympischen Spiele von 1980 durch ausländische Firmen in der Zeit des Parteichefs Leonid Breschnew bauen ließ. Was mir sofort auffiel, war der relativ schwache Luftverkehr für eine Metropole unserer Tage. Grenzsoldaten, noch immer in ihrer Rotarmisten-Uniform, bewachten diskret die Landung. Die Zollabfertigung ging reibungslos vor sich, und auch das Reisegepäck wurde schnell ausgehändigt. Dann, ging die Fahrt hinein nach Moskau - auf dem großen Autobahnring, wiederum in Breschnews Amtszeit erstellt. Der Verkehr war nach westlichen Maßstäben eher mittelmäßig. Viele Lastwagen, die genau so schnell fuhren, wie die Personenwagen.

Meine Gastgeber belehren mich, in der ehemaligen Sowjetunion sei der Autofahrer noch „König". Der „Klassenkampf spielt sich heute auf Moskaus Straßen ab. Der Passant hat dabei keinerlei „Rechte": als „Bauer" auf einem großen Schachbrett kann er, wenn er auf sich nicht achtet, rasch Opfer des „Königs" werden.

Uberhaupt die Moskauer Boulevards! Sie sind übermäßig breit gebaut, nach Möglichkeit schnurgerade geplant und - zahlreich. Die Häuser, die sie säumen, sind vornehmlich Produkte der Baukunst verschiedener sowjetischer Epochen. Von ihren Fassaden kann man, wenn man will, ablesen, ob sie unter Stalin, Chruschtschow oder Breschnew gebaut wurden. Die Vororte sind übersät mit Satelliten-Städten, deren Hochhäuser von 30 oder mehr Stöcken eigentlich überall in unserer modernen Welt stehen könnten. Lediglich ihre Maße sind anders: Zeugen der gigantomanischen Denkart der ehemaligen Sowjets.

Denn es kann vorkommen, daß in einzelnen Blöcken eintausend oder noch mehr Kleinwohnungen (höchstens 80 Quadratmeter groß) untergebracht sind. Moskau hatte vor der Revolution (1917) nicht einmal eine Million Einwohner. Heute zählt Rußlands Kapitale mehr als acht Millionen Bürger! Es ist also imponierend, was auf dem Sektor Wohnungsbau in den letzten Jahrzehnten geschah -obwohl die Wohnungsnot noch immer groß ist.

Die Häuser der Innenstadt in der Nähe des Kremls stammen in ihrer Mehrheit aus vorrevolutionärer Zeit. Über sie müßte man einmal extra schreiben: jedes Haus hat hier eigentlich seine dramatische Geschichte. Schaufenster, wie wir sie gern haben und schätzen, gibt es in Moskau kaum. Man kennt auch nicht das Vergnügen, auf den Straßen zu flanieren und dabei in den Glasvitrinen die feilgebotenen Waren zu betrachten. Das Gehen hat eine „Funktion" in Moskau. Man geht zur Arbeit, oder besucht Freunde. Die Welt ist hier anders geartet.

Es ist eine Eigenartigkeit Moskaus (und wahrscheinlich der ganzen ehemaligen UdSSR), daß man im allgemeinen „für die Ewigkeit" baut. Ein einmal errichtetes Gebäude wird später nicht mehr saniert. Brücken, Häuser, Straßen und die sie umzäumenden Kandelaber verrotten mit der Zeit: niemand kümmert sich um sie. Sie sind .Allgemeingut", das heißt herrenlos. In die Hinterhöfe sollte man nicht hineingucken; sie sind ein wahres Paradies, für Ratten und andere Nagetiere.

Die modernen Wohnungen sind klein geplant und ungeeignet für die vielen Möbel, mit denen die Moskowiter sich die Zimmer vollstopfen. Den Luxus eines Extra-Zimmers, das nur zum Schlafen dient, kennt man hierzulande nicht. Jede Ecke ist ausgenützt: man versucht sogar die Miniatur-Küchen zui möblieren. Die Treppenhäuser gehören der Allgemeinheit und werden dementsprechend behandelt. Vernachlässigt, schmutzig, dunkel. Man ist immer froh, diesen „Vorraum" zur Wohnung rasch hinter sich zu wissen.

Eigentlich kann man in Moskau „alles" kaufen. Man muß nur genügend Geld haben. Große Auswahl gibt es allerdings nicht, Schlangenstehen gehört zum Alltag, aber es herrscht kein Mangel an Grundnahrungsmitteln. Auf dem Arbat - der einzigen Flanierstraße Moskaus - besuchen wir eine' Metzgerei. Die Einrichtung stammt aus den frühen sechziger Jahren. Hinter der Theke sind vier oder fünf Sorten von Wurst ausgestellt, dann Konserven, Milch und einige Delikatessen. Ein Kilogramm Wurst kostet 80 Rubel, eine Schachtel Pralinen (500 Gramm) ausländischer Herkunft 970 Rubel (!). Ein Ingenieur verdient heute in Moskau um die 2.000 Rubel, wozu noch das Salär seiner Frau kommt.

Preissteigerungen sind an der Tagesordnung. Wie in allen anderen ehemals „sozialistischen Ländern" bezahlt das „Fußvolk" den Regimewechsel, die Systemänderung. Aber es gibt bereits eine wohlhabende Schicht in Moskau, die „Spekulanten", wie sie im Volksmund genannt werden, und man erzählt auch von der „Mafia" und versteht darunter die gerissenen Geschäftsmänner aus den südlichen Teilen der ehemaligen Sowjetunion, die ganze Wirtschaftszweige mit unlauteren Methoden beherrschen und sich dabei bereichern. Nicht wenige Mitglieder der ehemaligen Nomenklatura der KP sind unter ihnen vorzufinden.

Überhaupt: die Politik. In der Nähe des Kremls, vor dem Hotel Metropol, auf dem Platz, der heute wieder seinen vorrevolutionären Namen Manege-Platz trägt, sammeln sich an einem sonnigen Samstag einige hundert Menschen. Sie demonstrieren unter roten Fahnen und mit Transparenten: „Die Kurilen sind Sowjeterde!" Auch Stalin-Porträts tauchen auf. Alte und neue Bolschewiken, die von den Ereignissen einfach überrumpelt wurden und nun unschlüssig über die Zukunft sind. Ihr „Kompaß", die Partei, existiert nicht mehr. Sie sehen nur, daß die alte Macht der Herrlichkeit hingeschmolzen ist, das Imperium auseinandergefallen. Sie rufen nach der Armee als Ordnungskraft -und verstehen die Welt nicht mehr. Mein Moskauer Bekannter nennt sie die ewig Gestrigen! Nicht einmal 10.000 Menschen können sie auf die Beine stellen. Und er belehrt mich: angesichts der hohen Einwohnerzahl von Moskau zählt ein richtiger Demonstrationszug mindestens 200.000 Menschen. Alles, was darunter ist, hat politisch überhaupt kein Gewicht.

Auf dem Roten Platz vor dem Leninmausoleum steht noch immer stramm die Wache. Lange Reihen warten geduldig drauf, die einbalsamierte Leiche des Staatsgründers in seinem Glassarg zu sehen. Innerhalb des Mausoleums zähle ich 14 Soldaten. Sie überwachen die Pilger und dulden in> unterirdischen Raum kein Gespräch und keine verdächtige Bewegung.

Nach dem Besuch von Lenin -wobei ich Zweifel habe, ob das Gezeigte in der Tat die präparierte Leiche von Iljitsch Waldimir Uljanow ist - kann es weitergehen zu den anderen ehemaligen Parteigrößen, die hinter dem Mausoleum begraben sind. Stalins Grab ist mit frischen Blumen geschmückt. Seine Marmorbüste ist unversehrt. Auch die anderen Parteichefs liegen neben ihm: Andropow, Breschnew und Tschernenko. Chruschtschow und Molotow sind aber weit weg vom Roten Platz. Sie fanden in einem Moskauer Prominentenfriedhof ihre letzte Ruhestätte.

Warum brach das Sowjetsystem zusammen? Dies fragte ich meine Moskauer Bekannten, unter ihnen einen bekannten Historiker. Die Antwort ist neu und verblüffend - aber nicht von der Hand zu weisen. Sie erwähnten zwar als Grund die Stagnation und den Rückgang der Wirtschaft, die Sünde der Regierenden, die nur auf dem militärischen Sektor mit dem westlichen Fortschritt hielten; sprachen ausführlich über die Nationalitäten, die genug hatten von der stetigen Bevormundung durch die Zentralmacht-und der unselige Krieg in Afghanistan wurde auch erwähnt (insbesondere seine psychologischen - negativen - Folgen für die Jugend). Aber als wichtigste Ursache des jähen Endes der UdSSR nannten sie folgendes: Der Glaube ans System ist verlorengegangen. „Man hat uns 74 Jahre lang belogen, Versprechungen abgegeben, uns an der Nase herumgeführt! Einmal war das Faß voll. Und damit war auch das Ende des .Sozialismus' gekommen."

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