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Das Gleichgewicht neu definieren

Vor 26 Jahren trafen sich in dem kleinen kanadischen Fischerdorf Pug-wash auf Einladung eines am Weltgeschehen interessierten Millionärs na-hiens Cyrus Eaton erstmals Wissenschaftler aus Ost und West, um'angesichts der internationalen Spannungen zu versuchen, über ideologische und politische Gegnerschaften hinweg sachgerechte Urteile über die Gefahren der Weltlage zu gewinnen.

Seither haben 30 weitere solche Konferenzen stattgefunden - die letzte vom 27. August bis zum 3. September 1981 in Banff inmitten der kanadischen Rocky Mountains. Insgesamt nahmen fast 200 Personen daran teil. Auc,h zwei Österreicher waren dabei, desgleichen der Vorsitzende des US-Senatsausschusses für Außenpolitik, Charies Percy, und Breschnew-Berater Jurij Arbatow, Leiter des Moskauer Akademie-Instituts für USA-Studien und Mitglied des ZK der KPdSU sowie des Obersten Sowjets.

Im Hinblick auf die weltstrategische Lage herrschte Einigkeit darüber, daß eine für unseren Planeten le-bensgefähriiche Destabilisierung der militärischen Situation im Gang ist.

Zwanzig Jahre lang herrschte ein, wenn auch nicht ganz verläßliches, Gefühl der Sicherheit; es beruhte zum einen auf dem „Gleichgewicht des Schreckens" und zum andern auf dem Eindruck, daß die führenden Mächte im Bewußtsein der bestehenden Gefahren gewillt waren, durch „kooperative Rüstungssteuerung" (das ist die treffende Übersetzung für „Arms Control" von General Wolf von Bau-dissin) unsteuerbare Krisenentwicklungen zu vermeiden und Übersteigerungen des Wettrüstens zu drosseln.

Das scheint nun nicht mehr zu stimmen. Die Ergebnislosigkeit der Wiener Truppenabbauverhandlungen (MBFR), die Unterbrechung der SALT-Bemühungen und ähnliche Vorgänge auf der internationalen Ebene stellen dafür ein Indiz dar, die Förcierung einseitiger Rüstungsmaßnahmen im Osten wie im Westen ein anderes (FURCHE Nr. 33 u. a.).

Wie nicht anders zu erwarten, verwiesen westliche Konferenzteilnehmer kritisch auf die fortschreitende Bereitstellung sowjetischer SS-20-Ra-keten in Osteuropa und östliche Sprecher umgekehrt auf den „Nachrüstungsbeschluß" der NATO sowie auf Präsident Reagans Entscheidung zugunsten der Neutronenbombe.

Solche Einzelereignisse erschienen aber als Anzeichen für einen weit bedeutsameren grundsätzlichen Einstellungswandel: Kernwaffen sollen nicht mehr nur dazu dienen, durch gegenseitige Abschreckung einen Dritten Weltkrieg zu verhindern, sondern sie sollen einen solchen Krieg effektiv gewinnen helfen...

Über die Konsequenzen, die aus all dem gezogen werden sollten, gab es im Prinzip nur eine Meinung: der herrschende Trend müsse so rasch wie möglich gestoppt werden. Zur Frage freilich, welche Politik denn an die Stelle des nuklearen Wettrüstens treten sollte, waren die Auffassungen differenziert.

Sieht man von quasi-offiziellen Rechtfertigungsdeklarationen für die jeweilige Linie der Supermächte ab, so kristallisierten sich zwei Strategien der Friedenssicherung auf der militärischen Ebene heraus: einerseits wurde gefordert, mit allen geeigneten Mitteln die festgefahrenen Gespräche und Verhandlungen über Rüstungskontrolle wieder in Gang zu bringen -mit dem Ziel, die Nuklearrüstung fürs erste wieder so anzulegen, daß sie zur verläßlichen gegenseitigen Abschrek-kung dient, nicht aber zur Stärkung des jeweiligen operativen Potentials.

Andererseits plädierten insbesondere nord- und westeuropäische Sprecher für eine grundlegende Umstrukturierung der Verteidigungssysteme: der Friede sei, gerade für Europa, nicht durch ein Gleichgewicht des Schreckens und schon gar nicht durch ein nuklearstrategisches Übergewicht einer Seite zu sichern, sondern nur durch die Herstellung einer Überlegenheit der jeweiligen Verteidigungs-über die Angriffspotentiale beider Seiten.

Dies könnte für die Westeuropäer eine erhebliche finanzielle Mehrbelastung bedeuten - aber die Vermehrung der Sicherheit und die Verminderung der Atomkriegsgefahr müsse man sich eben etwas kosten lassen, wurde dazu argumentiert.

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