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Das Haus

Die beiden Frauen und das Kind waren die einzigen, die in dem halb niedergerissenen Haus geblieben waren. Vor die Wohnungstür tretend, standen sie auch schon im Freien; das Stiegenhaus hatte nur noch eine Wand. Dieser letzte Winter, den sie hier verbringen mußten, war außergewöhnlich stürmisch. Gewitter und Sturmböen zerstörten Dächer, brachen Bäimie um, warfen ab und zu einen Straßenpassanten, der nicht schnell genug ein schützendes Tor hatte finden können, zur Erde; Und doch wohnten das

Kind und die beiden Frauen noch in dem nur mehr zur Hälfte bestehenden Gebäude.

Im Spätsommer des Jahres waren in einem Außenbezirk der Stadt Neubauten errichtet worden; nun wartete man darauf, daß die Wohnimgen trockneten und freigegeben werden konnten. Eigentlich war diese neue Siedlung nur für jene Menschen bestinunt, die von der Hochwasserkatastrophe des vorangegangenen Frühjahrs betroffen worden waren. Doch nach eingehender Prüfvmg hatte man sich entschlossen, auch den zwei Frauen vmd dem Kind eine der kleinen Wohnungen zuzuweisen. Nur den Schlüssel hatte man ihnen noch nicht geben können; noch war es unmöglich, die Neubauten zu beziehen.

Das Haus war alt, ein Uberrest der einstigen Stadtmauer, solid gebaut, mit meterdicken Wänden und niedrigen Räumen. Innen über dem Haustor, von dem ein paar klobige Stufen hinunter zum Gehsteig führten, war eine übertünchte Tafel mit eingeprägten Ziffern angebracht: 1710.

Es war ein kleines Haus, mit einem Trödlerladen und einer Schmiede im Erdgeschoß, fünf Wohnungen im ersten Stock imd drei in der Mansarde, zu der man über eine hölzerne Treppe gelangte.

Den Wohnzimmerfenstern direkt gegenüber war eine hohe Feuerwand, in die nur unten ein vergittertes Flurfenster eingelassen war. Das Kind konnte so, wenn es Lust dazu hatte, die Aus-imd Eingehenden beobachten, jedoch karmte es die Leute im Nebenhaus kavun vom Sehen; das Spiel wurde bald langweilig.

Eben diese Feuermauer war es, die in dem Winter, der so voll von Stürmen und Gewittern war, das nur noch halb dastehende Haus, in dem die beiden Frauen und das Kind wohnten, schützte. Auch Frühling imd Sommer waren schlimm gewesen. Taubeneigro-ßer Hagel hatte die Fensterscheiben an allen nach Westen gerichteten Häuserfronten der Stadt eingeschlagen, die Dächer durchlöchert Und wer hätte hier, in diesem zum Niederreißen bestimmten Haus, noch Fensterscheiben einsetzen lassen? Der neue Besitzer bestimmt nicht- die alten Leute hatten das Haus verkauft -, er wartete nur darauf, den Platz für einen mehrstöckigen Neubau freizubekommen, in dem er auch sein Möbelgeschäft unterbringen

wollte. Das Haus, das gar nicht baufällig war, wurde von außen gestützt. Arbeiter schlugen Löcher in die Innen- und Außenwände, daim wurde die Baupolizei um ein Gutachten gebeten. Stützbalken und heruntergeschlagener Putz, rote Ziegeleingeweide ließen das Haus vorzeitig brüchig erscheinen, gefährlich, aussätzig.

Die beiden Frauen und das Kind waren die letzten, die darin lebten. Noch konnten sie nicht in die neue Wohnung übersiedeln.

Der Sturm, der seinen Weg um

die Ecken und Winkel fand, die das kleine Himmelsstück umsäumten, konnte durch die eigro-ßen Löcher ungehindert ins Zimmer und brachte die ausgetretenen rissigen Bretter des Fußbodens zum Schwanken.

Dann steckte das Kind seinen Kopf in die Kissen, denn es wollte das Pfeifen nicht hören, nicht sehen müssen, wie Vorhänge und Lampe flatterten und schaukelten, es wollte den Atem des Sturms nicht auf der Haut fühlen. Die Böen hielten an, machten nur kurze Pausen, erhoben sich dann gestärkt von neuem.

„Sie haben in der Schule gestern abend für uns gebetet", sagte das Kind, „die Internen." Und es warf einen schrägen Seitenblick auf die Frau, ob denn auch diese nun erfaßt hätte, daß ihnen allen Gefahr drohen könnte. Bisher hatte das Kind diese Angst von sich gewiesen. Die Stürme kamen von Westen, und es war die Ostwand des Hauses, die fehlte. Aber Sturmböen - ändern sie nicht häufig ihre Richtung? Die beiden Frauen wußten längst darum, auch das Kind ahnte die Gefahr.

Und plötzlich machte ein Teil seiner Schulklasse, die Internen, sich Sorgen. Irgend jemand mußte die Lage beschrieben haben. Ob es die Lehrerin war, die das Kind

eirmial, als der Unterricht früher als üblich endete, nach Hause begleitet hatte, weil die Großmutter nicht da war? Diese Lehrerin, die damals das balkengestützte, zur Hälfte abgerissene Haus gesehen hatte? Sie ahnte wohl nicht, wie sehr das Kind sich dafür geschämt hatte.

Es war schön, nicht mehr der Außenseiter der Klasse zu sein. Die Internen hatten gebetet. Nicht das Gebet war wichtig, ganz und gar nicht. Doch einige, wenige, in der Klasse hatten Anteil genommen am Geschick des Kindes und der beiden Frauen. Das war ein neues, stärkendes GefühL Der Außenseiter war für eine kurze Zeitspanne zu einem kleinen Mittelpunkt geworden. Dafür nahm das Kind jede Gefahr gerne hin.

Selbst den Schrecken, als an der Zimmerdecke ein tiefer Riß entstanden war — oben rissen Arbeiter schon den Boden der Mansarden auf. Der Weihnachtsbaum hatte noch gestanden, wie jedes Jahr, zwischen den Fenstern, da war dieser Riß über den Plafond gelaufen, die Zinunerwand entlang, im Zickzack, schnell, gierig fraß er sich weiter, knisternd, drohend, während Putz herabbröckelte. Das Kind war erstarrt, die beiden Frauen liefen hinauf, ratlos. Die Arbeiter aber folgten nur ihrem Auftrag.

Von da an saß Angst in den staubigen mit Schachteln vollgestopften Winkeln, Angst, die ganz plötzlich über das Kind herfallen und es mit hartem Griff am Hals packen konnte, und vielleicht fiel die Angst auch die Frauen an. Aber das Rind, obwohl es damals schon Zweifel an der Existenz eines Gottes hatte, stand erst an der Grenze zu all den ungelösten Fragen, für die ein menschliches Leben nicht ausreicht, und zwei Generationen Angst hatten es geformt. Es war ein Kriegskind wie die Mutter, und die Großmutter, trug alle Angst zweier Kriege in sich und alle die persönlichen Sorgen und Ängste, die bei ihr phantastisch-monströse Formen atmalunen.

Später dachte das Kind, daß die Tatsache vielleicht ihren Sinn verwirrt hatte, daß sie wegziehen hatte müssen, aus ihrem eigenen Haus, aus dem Land, in dem sie und auch das Kind geboren waren, und es war beschämt, die Großmutter gehaßt zu haben. Das war seine Schuld, daß es die Zerrüttung der alten Frau nicht verstanden hatte, daß es nichts wußte vom Keim der Angst, der auch in

seinem Innern lag, stets bereit, heranzuwachsen, die Gedanken zu überwuchern.

Von der Neubauwohnung versprach das Kind sich viel, alles, einen neuen Beginn. Es würde dann eine Freundin haben, die es einladen könnte; in den Räumen wäre nicht von früh bis spät das elektrische Licht eingeschaltet - Neubauten sind hell und freundlich — man würde bei Tageslicht lesen und zeichnen können, vielleicht sogar an einem eigenen Tisch, im Licht, das von draußen einfiel, die unausgegorenen, nie vollendeten Geschichten schreiben.

Mit der Mutter hatte das Kind einmal die neue Wohnung besichtigt Durch schlanunige Wagenspuren, über Steine und Bauschutt waren sie in eines der flachen Siedlungshäuser gelangt, das an einem Hang stand. Beugte man sich aus einem der Fenster, so konnte man einen bewaldeten Berg jenseits des Stromes erkennen, und das Kind wußte, daß unten die ineinander verschachtelten Schrebergärten lagen, die Mostbirnbaumallee, die Au, die jetzt zum Müllabladeplatz der Stadt geworden war.

Im ersten Jahr, das die drei Menschen in dieser Stadt verlebten, hatten sie ganz nahe von hier

in einer zerbombten Kaserne gewohnt, und manchmal war die Mutter mit dem Kind in die Au spazierengegangen. Schneeglöckchen gab es dort im Frühjahr, unter den Weiden, wo das Schlangennest war, Kröten, leere Patronenhülsen, und die Sonne zog Wasser in breiten Streifen. Das Kind war damals noch klein gewesen, hatte die Welt, Kopf nach unten, zwischen den Beinen hindurch betrachtet. Später hatte es sich so oft gewünscht, wieder hierherkommen zu dürfen, aber die Angst der Großmutter wuchs von Jahr zu Jahr. Für Spaziergänge wurden nur belebte Parkwege gewählt.

Auch die Erinnerung an das große kalte Zimmer mit dem Loch in den Nebenraum war mit dieser Zeit verknüpft Durch das Loch reichten die Nachbarinnen Haushaltsgeräte, um einander auszuhelfen.

Dann, als die Kaserne sich mit Flüchtlingen füllte, der Kampf um ein einzelnes Zimmer, der Nagel neben der Tür, an den die Großmutter sich zu hängen versprach, wenn sie vom Lagerverwalter einen Raum zugewiesen bekämen, den sie mit anderen Familien zu teilen hatten. Die beiden Frauen durften das Zimmer allein behalten; doch das Kind lernte auch das Leben in den vollgepferchten Kasemräumen kennen, als es mit der Großmutter Kaffee holen ging. Kaffee, echter Bohnenkaffee, und Zigaretten, das waren die einzigen Dinge, die die Großmutter am Schwarzmarkt kaufte.

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