Meinung

Das "Heilige Experiment"

1945 1960 1980 2000 2020

Türkis und Grün: Geht das zusammen? Nach den bisherigen Erfahrungen eher nein. Aber wer weiß schon, wozu Sebastian Kurz und Werner Kogler noch fähig sind.

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Türkis und Grün: Geht das zusammen? Nach den bisherigen Erfahrungen eher nein. Aber wer weiß schon, wozu Sebastian Kurz und Werner Kogler noch fähig sind.

Nach dem emotionalen und intellektuellen Ausnahmezustand namens „Wahlkampf“ nun also das große Reinemachen: Die um mehr als fünf Prozent geschrumpften Roten entfernen ihren Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda – und ersetzen den Vertrauten von (Noch?)-Parteichefin Pamela Rendi-Wagner durch einen Adlaten des Wiener Bürgermeisters; die um zehn Prozent dezimierten Blauen suspendieren Heinz-Christian Strache – jenen Mann, der die Partei zwar in unerwartet lichte Höhen geführt, sie aber durch Ibiza und jenseitige Spesen wieder in den Abgrund oder zumindest aus allen Regierungsträumen gerissen hat; und die Pinken müssen sich in ihrer Wiener Neosphäre damit abfinden, dass ihre liberalen Bäume nicht in den Himmel wachsen – auch wenn man sie mit Bildungszuckerln und ökosozialen Lampions behängt.

Aber auch bei den großen Siegern dieser Nationalratswahl, den auf 37 Prozent erstarkten Türkisen und den auf 14 Prozent geschossenen Grünen, dürfte die Euphorie längst einer nüchternen Betrachtungsweise gewichen sein. Und die verheißt vor allem eines: viel Denk-,
Strategie- und Pokerarbeit in den kommenden Wochen.

Regieren ohne den „täglichen Einzelfall“

Türkis-Grün: So heißt die neue Herausforderung, mit der sich Sebastian Kurz und Werner Kogler seit Sonntagabend zu beschäftigen haben. Erstmals seit 2002 ist zwischen Volkspartei und Grünen wieder eine Koalition möglich, zumindest rechnerisch. „Charme“ ist der gängige Begriff, der hier verwendet wird. Und tatsächlich würde Türkis-Grün nicht nur nach Innovation und Aufbruch schmecken, sondern auch nach intellektuell-moralischer Satisfaktionsfähigkeit – ohne täglichen „Einzelfall“. Türkis-Grün wäre nicht zuletzt im Sinne einer politischen Familienzusammenführung charmant, durch die sich die (frei nach August Wöginger) in Wien „ergrünten“ Kinder und ihre schwarzen Elternhäuser wieder im selben öko- bzw. christlichsozialen Universum befänden.

Nach dem emotionalen und intellektuellen Ausnahmezustand namens „Wahlkampf“ nun also das große Reinemachen: Die um mehr als fünf Prozent geschrumpften Roten entfernen ihren Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda – und ersetzen den Vertrauten von (Noch?)-Parteichefin Pamela Rendi-Wagner durch einen Adlaten des Wiener Bürgermeisters; die um zehn Prozent dezimierten Blauen suspendieren Heinz-Christian Strache – jenen Mann, der die Partei zwar in unerwartet lichte Höhen geführt, sie aber durch Ibiza und jenseitige Spesen wieder in den Abgrund oder zumindest aus allen Regierungsträumen gerissen hat; und die Pinken müssen sich in ihrer Wiener Neosphäre damit abfinden, dass ihre liberalen Bäume nicht in den Himmel wachsen – auch wenn man sie mit Bildungszuckerln und ökosozialen Lampions behängt.

Aber auch bei den großen Siegern dieser Nationalratswahl, den auf 37 Prozent erstarkten Türkisen und den auf 14 Prozent geschossenen Grünen, dürfte die Euphorie längst einer nüchternen Betrachtungsweise gewichen sein. Und die verheißt vor allem eines: viel Denk-,
Strategie- und Pokerarbeit in den kommenden Wochen.

Regieren ohne den „täglichen Einzelfall“

Türkis-Grün: So heißt die neue Herausforderung, mit der sich Sebastian Kurz und Werner Kogler seit Sonntagabend zu beschäftigen haben. Erstmals seit 2002 ist zwischen Volkspartei und Grünen wieder eine Koalition möglich, zumindest rechnerisch. „Charme“ ist der gängige Begriff, der hier verwendet wird. Und tatsächlich würde Türkis-Grün nicht nur nach Innovation und Aufbruch schmecken, sondern auch nach intellektuell-moralischer Satisfaktionsfähigkeit – ohne täglichen „Einzelfall“. Türkis-Grün wäre nicht zuletzt im Sinne einer politischen Familienzusammenführung charmant, durch die sich die (frei nach August Wöginger) in Wien „ergrünten“ Kinder und ihre schwarzen Elternhäuser wieder im selben öko- bzw. christlichsozialen Universum befänden.

Türkis-Grün würde nicht nur nach Innovation und Aufbruch schmecken, sondern auch nach intellektuell-moralischer Satisfaktionsfähigkeit.

Als „Heiliges Experiment“ hat die Süddeutsche Zeitung diese Vision einst bezeichnet, andere sprachen von „Kernöl“-Koalition. Als aktueller nom de guerre würde sich auch „Attersee-Koalition“ anbieten – in Anlehnung an ein von geheimnisvollen Algen türkis gefärbtes und von hügeligem Grün umrahmtes Wasser, an dem die Bürgerlichen gerne sommerfrisch(t)en.

Konzentration auf ein paar Leitprojekte

Soviel zur hübschen Theorie. Die Probleme beginnen freilich schon beim Programm: Dass es zwischen Türkis und Grün nur geringe inhaltliche Überschneidungen gibt (von der Migrationsfrage bis zur Bildungspolitik), ist kein Geheimnis. Die Konzentration auf ein paar zentrale Leitprojekte – von einer ökosozialen Steuerreform (mit niedrigeren Lohnnebenkosten) über ein nachhaltiges Pflegekonzept bis zur Stärkung des ländlichen Raums – könnte Abhilfe schaffen.

Doch auch das Personal ist anders als 2002: Kurz ist nicht Wolfgang Schüssel und Kogler nicht Alexander Van der Bellen. Wie die Kontrolllust des einen mit der Hemdsärmeligkeit des anderen harmonieren soll, müsste sich erst weisen. Außerdem haben die beiden einander bislang keine übertriebenen Avancen gemacht: Eine „ordentliche Mitte-rechts-Regierung“ (für die auch ein Großteil der Türkis-Wähler optiert) wird es mit den Grünen nicht spielen; und den potenziellen Partner als sektiererischen „Kanzlerdarsteller“ zu bezeichnen, der der „Umkehr“ bedürfe, erleichtert die Anbahnung nicht wirklich. Dennoch lebt die Hoffnung: zum einen durch einen Bundespräsidenten, der sich schon einmal als geschickter Vermittler erwies. Und zum anderen durch die wenig charmanten Alternativen. Ja, der Attersee ist gefährlich, manche sind in seinen Tiefen schon umgekommen. Aber erfrischend wäre er doch.