7004464-1987_37_15.jpg
Digital In Arbeit

Das „hinterfragte“ Tabu

Werbung
Werbung
Werbung

„Vergangenheitsbewältigung“ ist in. So „in“, das heißt politische oder — noch besser - journalistische Mode, daß ein Mann wie Fritz Molden, der gemeinsam mit seinesgleichen die Augen vor keinem Kapitel unserer jüngsten Geschichte verschließen muß, temperamentvoll beteuerte, daß ihn dieses Wort „zum Erbrechen“ reize.

Der Rezensent schließt sjch Molden an, wobei er glaubt, ebenfalls eine .Aktivlegitimation“ dazu zu haben. Deshalb hat er auch nicht ohne einigen Vorbehalt das vorliegende Buch in die Hand genommen. Schon wieder wird Österreichs Vergangenheit - um im Sprachschatz der 1968er-Gene-ration zu reden und wohl auch in derem Geist - „hinterf ragt“. Daran ändert wohl auch nichts Wesentliches, daß Erika Weinzierl gleichsam als „Schutzmantel-Madonna“ für dieses Vorhaben gewonnen werden konnte.

Eine weitere Aktion des gegenwärtig in Umlauf gebrachten „Austro-Masochismus“ also? Zum Teil bestimmt, zum andern finden sich wie in jedem Sammelband neben so mancher Spreu auch etliche Weizenkörner.

Zu letzteren ist ohne Zweifel Wolf In der Maurs gescheiter Beitrag „Auf der Suche nach einer patriotischen Utopie“ zu zählen. Hier spürt man echte Liebe zu diesem Land und Verbundenheit mit dessen Schicksal, welches sich wohltuend von so mancher Häme oder Besserwisserei abhebt.

Mit Felix Kreissler kommt ein weit links angesiedelter, aber glaubhafter Patriot zu Wort. Wenn er jedoch die Aufkündigung der antifaschistischen (besser: antinazistischen) Einheit des Widerstandes und die bald nach 1945 erfolgte Ausklammerung und Isolierung der Kommunisten als großen Fehler ansieht, so muß ihm entgegengehalten werden, daß die Mehrheit der gegen die Hitlerei eingetretenen Österreicher nicht das geringste Bedürfnis verspürte, nach Uberwindung des einen Totalitarismus in einem anderen zu landen. '

Anton Pelinka legt sicher den Finger auf manche Fehlentwicklung, die mit dem großen Fischzug der Parteien unter ehemaligen Nationalsozialisten vor der Nationalratswahl 1949 einsetzte. Jedoch darf rückblickend die Frage erlaubt sein, ob deren Integration bei allen Vorbehalten gegen Ver-unklärungen der eigenen Standpunkte nicht besser gewesen ist als das Züchten einer deutschnationalen, ja neonazistischen Irre-denta.

Ablehnen muß man jedoch Pe-linkas These, daß sich 1938 bis 1945 ein „verdrängter Bürgerkrieg in Österreich“ abgespielt hätte. Eine solche Auslegung der Geschichte hätte zwar Anspruch auf eine gewisse Originalität, nur hat sie eben die Wirklichkeit—die Omni-potenz Berlins und seines Machtapparats — gegen sich.

Wenn Nadine Hauer, Jahrgang 1941, die historische Tatsache, daß Österreich das erste Opfer Hitler-Deutschlands gewesen war, zur Abwechslung wieder einmal eine „Lebenslüge“ nennt, so muß man ihr als Angehöriger einer Generation, die 1938 bereits bewußt erlebt hat und auch 1945 mit dabei war, als die rot-weiß-roten Fahnen von uns wieder hochgezogen wurden, widersprechen. Und zwar mit voller Uberzeugung und ganzer Entschiedenheit.

DAS GROSSE TABU. Österreichs Umgang mit seiner Vergangenheit. Herausgegeben von Anton Pelinka und Erika Weinzierl. Verlag der Osterreichischen Staatsdruckerei, Wien 1987. 200 Seiten. Pb.. öS 248,-s

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung