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Das industrielle Rüstzeug nutzen

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Meist ist die Beurteilung des industriell-gewerblichen Sektors eine Beschwichtigung oder die Forderung nach einem Kurswechsel. Wie kann die Krise bewältigt werden?

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Meist ist die Beurteilung des industriell-gewerblichen Sektors eine Beschwichtigung oder die Forderung nach einem Kurswechsel. Wie kann die Krise bewältigt werden?

International gesehen vollzog sich in den siebziger Jahren konsequent der industriell-technologische Umstrukturierungsprozeß im Bereich der Grund- und Investitionsgüterindustrie. Ebenso konsequent verlagerte sich in diesem Zeitraum der Einsatz neuer Technologien in fast allen Fällen entweder in die USA oder nach

Japan, sodaß der Wirtschaftsraum Europas technologisch insgesamt seine Federführung, die er in wichtigen Branchen und Fachgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg innehatte, verlor. Eine Entwicklung, die Österreich gegenüber seinen wichtigsten Exportländern besondere Nachteile bescherte.

Der abnehmenden Wertschöpfung sowie dem ab Mitte der siebziger Jahre einsetzenden Arbeitsplatzverlust in der österreichischen Grundstoffindustrie wurde zunächst durch Modernisierungsund Rationalisierungsmaßnahmen begegnet, die in vielen Fällen zur Zementierung der Produktgruppe führte.

Der Erfolg solcher Maßnahmen erwies sich als immer kurzatmiger, da gleichzeitig mit vielen Rationalisierungsmaßnahmen in der Regel Umsatzrückgänge verbunden waren. Ab Mitte der siebziger Jahre auch in der österreichischen Grundstoffindustrie verstärkt einsetzende Finalisie-rungsbestrebungen scheiterten in der Regel am Mangel vom entsprechenden firmeninternen Know-how, am Fehlen entsprechender qualifizierter Personalstrukturen und sehr oft auch an der Tatsache der Auswahl von Aufgabenstellungen weit außerhalb des firmeninternen Basis-Know-hows. Statt zeitgerecht

entsprechende Forschungskapazitäten und vor allem Kooperationen aufzubauen, wurde versucht, entsprechendes Know-how durch externen Zukauf meist als Fremdkörper im eigenen Unternehmen zu implantieren.

Der rasch zunehmende Verdrängungswettbewerb bei gleichzeitig stagnierenden oder schrumpfenden Märkten führte international gesehen zu einem immer rascher wachsenden Technologiedruck.

Wie gefährlich der im internationalen Vergleich nunmehr zu langsam verlaufende Umstrukturierungsprozeß für die industrielle Entwicklung Österreichs zu werden droht, zeigt sich auch aus der Tatsache, daß seit kurzer Zeit erstmals die Gesamtzahl der In-

dustrie-Abnehmer zurückgeht. Bis dahin konnte der Rückgang der Arbeitnehmer in der verstaatlichten Industrie durch einen größeren Anstieg an Arbeitsplätzen in der Klein- und Mittelindustrie stets kompensiert werden. Dies bedeutet, daß der rasche technologische Wandel sowie der weiterhin zunehmende Verdrängungswettbewerb erstmalig auch flexible klein- und mittelbetriebliche Strukturen überfordert. He-terogenität der Technologien und dadurch ausgelöste Produktvielfalt, immer rascheres Integrieren neuer Technologien und dadurch bedingte kürzere Produktionsdauer, verschärften die Situation.

Wird die heutige Situation der gesamtösterreichischen Industrie in bezug auf ihren technologischen Standard betrachtet, so ist

dieser nur teilweise mit dem gesamteuropäischen Niveau vergleichbar. Insbesondere in bezug auf das Tempo der weiterhin erforderlichen Umstrukturierung zeigen sich eindeutig Unterschiede gegenüber der internationalen Entwicklungsgeschwindigkeit.

Aufgrund der historischen Entwicklung sind branchenbezogen sowohl quantitative als auch qualitative Schwachstellen gegeben. Kennzeichen dieser Schwachstellen ist die Tatsache, daß der Bereich der Grundstoff- und Schwerindustrie und seiner Produktion anteilsmäßig gegenüber höheren technologischen Gütern im inter-

nationalen Vergleich noch immer zu hoch hegt.

Es soll nun versucht werden, durch Gegenüberstellung der Ist-Situation der österreichischen Industrieszene und den mittelfristig zu erwartenden und vorgegebenen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen Thesen für eine zukünftige langfristige Wirtschaftspolitik aufzuzeigen.

• Ausgangsbasis eines erforderlichen Konzeptes muß eine einheitliche Forschungs- und Technologiepolitik sein.

• Die klein- und mittelbetrieblichen Strukturen Österreichs sind wichtiger Schrittmotor im Innovationsbereich des industriellen Geschehens. Ihre Stärkung und Förderung muß intensiviert werden. Sie müssen zur Großindustrie in umfassenden Konnex ge-

bracht werden. Eine einheitliche Wirtschaftspolitik sowie spezifische regionalpolitische Gesichtspunkte sind Basis solcher Programme.

• Die Ära der Uberführung freiwerdender Industriearbeitsplätze in den Dienstleistungsbereich konventioneller Art geht zu Ende, da im traditionellen Dienstleistungsbereich ebenfalls umfassend Automation Platz greifen wird. Die Zahl der möglichen Arbeitsplätze in konventionellen Industriestrukturen und Technologien wird weiter sinken.

• Neue Arbeitsplätze können im Industriebereich vorwiegend nur durch Einsatz neuer Produkte

und neuer Technologien geschaffen werden. Der Qualifikationsgrad der dort Beschäftigten wird ein ständig steigender sein.

• Unter der Annahme einer gesicherten industriellen WertschÖp-f ung kann ein erhebliches zukünftiges Potential an Dienstleistungen im „gehobenen“ Dienstleistungssektor erwartet werden. Dies betrifft vor allem den gesamten Schulungs- und sozialen Betreuungsbereich.

• Die Uberlebensfähigkeit der österreichischen Industrie ist nur durch das Bestehen im Höchst-technologiewettbewerb auf internationalen Märkten zu garantieren. Basisvoraussetzung dafür ist die ausreichende Verfügbarkeit von Forschungs- und Entwicklungserkenntnissen und kreatives, weiterbüdungsfähiges Personal.

Aufgrund der Ausleuchtung von Entwicklungen und Tenden-

zen kann festgestellt werden, daß Österreich im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung an einem kritischen Scheideweg angelangt ist. Die Verunsicherung der Bevölkerung, deren Indikatoren vor allem aus ihrer Einstellung zur Technik und zur Umwelt ableitbar sind, hat zum Teil beachtlichen Umfang erreicht. Daß diese Unsicherheit in Österreich noch mehr durch die Orientierungslosigkeit der Politiker bestimmt wird als durch die reale Situation, erscheint besonders bemerkenswert. Inaktivität, Alibihandlungen, Reagieren statt Agieren seitens der Politiker sind wesentliche Ursachen dieser Situation. Hiezu kommt ein teilweise völliges Verkennen der hohen Bereitschaft der Bevölkerung, sinnvolle Opfer für eine verständliche und langfristig geplante Zukunftssicherung zu erbringen.

In diesem Vakuum fehlender geplanter Führungsaufgaben ist es nur zu verständlich, wenn gefährliche Strömungen Platz greifen, die die Sinnhaftigkeit der integralen Mitbestimmung aller Beteiligten am Geschehen in Frage stellen und die Rückkehr zum „goldenen“ Zeitalter predigen, wo eine Schicht auf Kosten der anderen lebte.

Osterreich besitzt in seinen personellen Qualitäten, in seiner generellen industriellen Infrastruktur durchaus das Basisrüstzeug, um nicht nur die gegenwärtige Krise zu bewältigen, sondern auch in Zukunft expansiv zu bestehen. Was fehlt, ist die Zusammenführung aller Kräfte zu einem gemeinsamen Programm, letztlich die Bildung einer Allianz der Vernunft.

Der Autor ist Geschäftsführer für den Wirtschafts- und Marketingbereich des Forschungszentrums Seibersdorf. Ein Beitrag in der Reihe „Die Zukunft der österreichischen Industrie“ erschien bereits in der FURCHE 23/1986.

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