7080619-1993_34_12.jpg
Digital In Arbeit

Das Landschloß der Grafen Festetics

19451960198020002020

Die Landschaft rund um den größten See in Mittel- und Westeuropa zieht viele Touristen an. Aber es ist nicht nur der Plattensee selbst, der einen Besuch lohnend macht.

19451960198020002020

Die Landschaft rund um den größten See in Mittel- und Westeuropa zieht viele Touristen an. Aber es ist nicht nur der Plattensee selbst, der einen Besuch lohnend macht.

Am Westufer des Plattensees (Balaton), im Mündungsgebiet von Ta-polca und Zala, findet sich uraltes Siedlungsgebiet. Die schönsten Funde der Gegend aus vorchristlicher Zeit wurden und werden aufgrund eines Kulturabkommens zwischen Ungarn und Österreich im Museum für Frühgeschichte in Traismauer gezeigt.

Aber auch aus frühchristlicher Zeit werden die Archäologen immer wieder fündig: nach dem Jahre 840 war hier - nahe der Stadt Zalavär - die Festung Moosburg des slawischen Fürsten Priwina entstanden. Dem Fürsten gelang es, vor den Mährern und ihfem Anführer Moimir zu fliehen, der im Jahre 840 das Großmährische Reich, zentral gelenkt und geführt, errichtet hatte. Als Dank für den Übertritt Priwinas zum Christentum erhielt er vom Deutschen Kaiser das Land zwischen Raab und Drau als Lehen, die pannonische Mark, die nach dem Sieg Karls des Großen über die Awaren an das Reich gefallen war. Mit Hilfe der Geistlichkeit ließ

Priwina deutsche Siedler für die neue Provinz anwerben. Die Mehrheit der Bevölkerung stellten jedoch die Slawen. Der Erzbischof von Salzburg schickte Künstler und Handwerker, die in den folgenden Jahren drei Kirchen errichteten. Als die Magyaren am Ende des 9. Jahrhunderts Panno-nien eroberten, stießen sie auf die seßhaften Slawen, die sie friedlich aufnahmen. Von ihnen erhielten die Magyaren die erste Anregung für eine Staatengründung und für ihre kulturelle Entfaltung. Es war übrigens der Sohn Priwinas, Chezil, der die Slawenapostel Kyrill und Method ins Land gerufen hatte und der beim Papst erfolgreich intervenierte, um die Kirche Pannoniens von der Bindung an den Erzbischof von Salzburg zu befreien. Hier am Westufer des Sees begann nun eine Zeit des friedlichen Zusammenlebens von Slawen, Ungarn und Deutschen. Zum Erbe dieser Zeit gehört auch die Stadt Keszthely samt

Schloß am westlichen Zipfel des Sees. Die Stadt selbst steht auf einem niedrigen Sandhügel, über den schon in der Römerzeit eine Straße führte.

Das Baujuwel der Stadt ist das Schloß Festetics am Ende der ehemaligen Römerstraße, der heutigen Kos-suth Lajos utca. Ein Schloß wird schon in alten Aufzeichnungen im 15. Jahrhundert an dieser Stelle erwähnt. Es gehörte damals einer Familie Pethö. Im Jahre 1739 gelangte die Familie Festetics in den Besitz der bereits stark verfallenen Anlage. 1745 ließ sie nach den Plänen des Hofbaumeisters Kristof Hofstädter ein neues Schloß im U-Form, das zwischen den Flügeln einen Prunkhof aufweisen sollte, errichten.

Graf György (Georg) Festetics, Kammerherr am Hofe und Vertrauter Maria Theresias, hat dem Umbau seinen Stempel aufgedrückt. „Umgeben war das Schloß im Westen und Süden von einem barocken französischen Garten, darin vier Springbrunnen, gestutzte Bäume und Hecken... Im Erdgeschoß befand sich eine elegante, mit Stuck verzierte Kutschenauffahrt, links davon das Treppenhaus... Der mittlere Abschnitt des Hauptgebäudes - darin der Prunksaal - hob sich sowohl in der Masse als auch in Dachform vom sonstigen Gebäude ab. Dazu kamen Gewächshaus, Orangerje, Obstgarten und eine Fasanerie.” Eine wirklich prachtvolle Anlage, die hier von den Historikern Baläzs Dercsdnyi und Kä-roly Örsi beschrieben wurde, und die sich weitgehend noch heute in dieser Form präsentiert, zumindest das Schloßinnere. Das Äußere wurde 1792 bis 1800 nach den Plänen des Hof baumeister Georg Johann Rantz im bereits klassizierenden Spätbarock umgebaut. Graf György Festetics ließ 1792 den ungarischen Nationalökonomen Jänos Nagyväthy zwecks Ordnung seiner Finanzen nach Keszthely kommen. 1797 gründete er mit Samuel Tessedik das sogenannte „Ge-orgikon”, die erste Hochschule für Landwirtschaft in Europa, die zusammen mit der Schule in Ungarisch-Al-tenburg auf mehr als 100 Jahre die Agrarwissenschaft auf dem Kontinent beherrschen sollte.

Kunst- und Kulturzentrum

Ab dem Jahre 1804 wurden auf dem Schloß regelmäßig literarische Feierlichkeiten abgehalten, bei denen zeitgenössische Schriftsteller und Dichter aus ihren Werken vortrugen. Diese Zusammenkünfte fanden alljährlich zweimal statt und sollten in den nächsten Jahren nachhaltig das musische Geschehen Ungarns beeinflussen. Ab dem Jahre 1817 wurden sie in Anlehnung an den antiken Musenberg in Griechenland „Helikon” genannt. Alljährlich am 12. Februar gab es die erste Helikon-Soiree, an der ungarische Dichter Proben ihrer Werke zum Besten gaben und Theateraufführungen arrangierten.

Im Park, durch den die Straße vom Schloß zur Stadtmitte führt, weist eine rote Marmortafel unter einem von acht Säulen getragenen Kuppeldach auf die Helikon-Feste des Grafen hin, der übrigens im Parkhalbrund vor dem Schloß in einer Statue verewigt wurde.

Im alten Südflügel gründete derGraf Ende des 18. Jahrhundert die „Helikon-Bibliothek”. Sie enthielt 52.000 Bände, darunter wertvolle Kodices und Handschriften. Diese Bibliothek

- eine Sensation für die damalige Zeit

- stellte der Graf der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Wer den Musentempel verläßt, sollte auch der Stadt Keszthely selbst etwas Zeit widmen, etwa dem Haus Nummer 22 in der unteren Kossuth Lajos utca, in dem 1830 Karl Godl-mark - der ungarische Komponist, der mit seinen romantischen Opern im 18. Jahrhundert große Triumphe feierte, der aber, vielleicht abgesehen von der „Königin von Saba”, im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert kaum mehr Beachtung findet - das Licht der Welt erblickte.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau