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Das Leiden und die Leidenden annehmen

1945 1960 1980 2000 2020

Vom rein biologischen Standpunkt aus ist der Schmerz ein höchst sinnvolles und nützliches Warnsignal. Ohne die Fähigkeit zur Schmerzempfindung könnten Mensch und Tier wohl kaum längere Zeit überleben.Nun ist aber der Schmerz kein rein biologisches Phänomen, sondern er berührt auch das geistigseelische Leben.

1945 1960 1980 2000 2020

Vom rein biologischen Standpunkt aus ist der Schmerz ein höchst sinnvolles und nützliches Warnsignal. Ohne die Fähigkeit zur Schmerzempfindung könnten Mensch und Tier wohl kaum längere Zeit überleben.Nun ist aber der Schmerz kein rein biologisches Phänomen, sondern er berührt auch das geistigseelische Leben.

Gerade diese Verknüpfung mit der Psyche des Menschen, das heißt mit seiner Erkenntnis- und Erlebnisfähigkeit bewirkt, daß physische Schmerzen individuell sehr unterschiedlich empfunden werden und manchmal eine Potenzierung bis zur Unerträg-lichkeit erfahren, die den Patienten in schwere Depressionen, ja in Verzweiflung stürzen kann.

Aus der ärztlichen Erfahrung weiß man, daß Schmerz und Leid mit rein technokratischen Mitteln alleine häufig nicht adäquat beizukommen ist. Es ist bekannt, daß Schmerzen oft auch durch heroische Mittel - wie zum Beispiel Rückenmarksoperationen, stereotaktische Operationen im Gehirn, hohe Morphiumdosen-kaum beeinflußbar sind, daß aber auf der anderen Seite manchmal eine physiologische Kochsalzinjektion und einfühlende Worte genügen, um Schmerzen zu lindern.

Die Intensität der Schmerzempfindung hängt offensichtlich von zusätzlichen Faktoren ab, die weit über das Biologische hinausgehen. Sie hängt vor allem auch davon ab, in welchem Ausmaß der Schmerz für den einzelnen als ein Phänomen empfunden wird, das der menschlichen Natur in einer gewissen Weise inhärent ist, oder aber als eine unakzeptable existen-zielle Bedrohung. Kulturelle, rassische und ethnische Faktoren beeinflussen dabei erheblich die Schmerzempfindlichkeit. Ganz allgemein hat man den Eindruck, daß die Menschen unserer heutigen Kultur im Unterschied zu früheren Zeiten (zum Beispiel im Mittelalter) Schmerz und Leid besonders sensibel und intensiv erleben.

Es scheint daher für den Arzt notwendig, abgesehen von einer kompetenten Schmerztherapie (siehe den zweiten Beitrag auf dieser Seite), auch über die Einstellung des heutigen Menschen zu Schmerz und Leid, sowie über deren Sinn nachzudenken.

Wir leben in einer Zeit, in der das Heil des Menschen in erster Linie vom wissenschaftlichen Fortschritt erwartet wird. Schon beginnt man sich die Zukunft ohne Krankheit und Tod

auszumalen. Der Arzt soll dem Patienten das „Rezept seines Lebens" verschreiben. Man will bedingungslos gesund werden, damit man wieder im Stande ist, sich beruflich zu behaupten, das Leben zu genießen, Großes zu leisten. Krankheit ist ein Ärgernis geworden, ein Widerspruch zu unserem leidenschaftlichen Kult der Gesundheit, der Jugend, des Vergnügens und der Leistung.

Ärzte, Forscher und Pflegepersonal, wie fast das gesamte Gesundheitssystem sind geneigt, in dieser Situation vor allem auf die Macht der Technik zu setzen. Der leidende Mensch wird einer Reihe fortschrittlicher und sehr exakter Untersuchungen unterzogen und zwar in höchst automatisierten Krankenhäusern, die alle nur erdenklichen technischen Möglichkeiten zur Diagnose und Therapie bieten.

Es besteht allerdings die Gefahr, daß der Kranke in diesem System mehr als Klient erscheint, für den eine

möglichst effiziente Leistung erbracht werden soll und weniger als Patient im eigentlichen Sinn des Wortes, der seine ganz persönliche Krankheit hier und jetzt erleidet und erlebt, beziehungsweise ertragen und austragen muß.

Auch der Patient selbst unterliegt zunehmend dieser technischen Mentalität. Man kommt ins Krankenhaus fast wie zum Autoservice: möglichst schnell muß alles geschehen, möglichst viel auf einmal, die „komplette Durchuntersuchung" wird verlangt, es muß alles wie geschmiert und reibungslos gehen. Zeit zum Kranksein ist nicht eingeplant. Man ist unabkömmlich, der Urlaub ist gebucht...

Wenn der Patient dann in seinem Anspruch auf unbedingte Heilung enttäuscht wird und die Hilflosigkeit der Medizin letztlich doch offenbar wird, darf es nicht wundern, daß Unzufriedenheit aufkommt, die Krankheit als unerträglich empfunden wird und daß so mancher chronisch Kranke oder alte Patient in einem langen, leidvollen Leben keinen Sinn mehr sieht und sich fragt, ob es nicht besser wäre, das Leben mit Hilfe des Arztes zu beenden.

Angesichts einer solchen Situation scheint es notwendig, die Würde und

den Wert, den kranke Menschen für eine Gesellschaft darstellen, wieder stärker in den Vordergrund zu stellen, damit unser Gesundheitssystem nicht zu einer Isolation unserer Kranken führt, abseits vom Alltagsleben und abseits von ihrer gewohnten Umgebung und ihren Angehörigen. Der Patient, so scheint es, leidet oft nicht so sehr unter seiner Krankheit als solcher, sondern darunter, daß er als nutzlose Last für seine Mitmenschen empfunden wird und abgegrenzt in einer Welt lebt, die nicht die unsere ist...

Es geht also um eine Rehumanisie-rung nicht nur einer sehr stark technisch ausgerichteten Medizin, sondern vor allem um eine Rehumanisie-rung und Wiedereingliederung der alten und kranken Menschen in unser Alltagsleben.

Dabei können wir uns der Frage nach dem Sinn eines leidvollen Lebens innerhalb unserer Gesellschaft kaum entziehen. Und in Wahrheit haben kranke Menschen letztlich eine eminent wertvolle und wichtige Bedeutung für uns alle auf dieser Welt. Es ist das Herz des Menschen, das durch das Leid bewegt wird. Mitgefühl, menschliche Wärme, die Sorge für den Mitmenschen, Nächstenliebe, Verständnis, Geborgenheit, Wohlwollen - all das sind Tugenden, die durch das menschliche Leid herausgefordert werden und ohne die unsere Welt eine traurige Welt wäre.

Aber auch für den Leidenden selbst kann gesagt werden, daß ein leidvolles Leben keineswegs den Sinn des Lebens mindert. In keiner Situation ist der Mensch so sehr mit der Wahrheit seiner Existenz konfrontiert wie in Krankheit und Leid. Wenngleich wir als Ärzte selbstverständlich die Krankheit als Übel bekämpfen, so können wir doch immer wieder eine tiefe Wandlung zum Guten bei unseren Patienten erfahren. Krankheit kann auch eine ganz große Chance für einen Menschen bedeuten und oft viel sinnvoller sein als manche Dinge, die vielleicht ihren Wert schon in sich tragen (wie zum Beispiel eine Weltreise oder eine Symphonie von Beethoven)...

Die erste und vielleicht wichtigste Erfahrung, die ein Kranker macht, ist wohl die, daß der Mensch nicht autonomen Selbstbestand hat, denn Leid ist das wohl untrüglichste Zeichen der Unvollkommenheit des Menschen und damit seiner Geschöpflichkeit. Leiden ist daher immer in einer gewissen Weise eine Konfrontation des Geschöpfes mit seinem Schöpfer und daher von erhabenem Emst. Die Frage nach dem Sinn eines leidvollen Lebens verträgt daher auch keinen

billigen Trost („du wirst immer noch gebraucht" und ähnliches).

Denn die Sinnfrage will eine Antwort, die auch dem Widersinn eines scheinbar nutzlosen Leidens und Lebens standhält. Illusionen, Lebenslügen helfen vielleicht über den ersten Augenblick, vielleicht auch über längere Zeit hinweg, sie treffen aber niemals den Kern der Frage. Nur ein

Sinn für den es sich lohnt auch zu sterben, kann hier eine Antwort geben. Eine Antwort, die nicht in die Kompetenz des Arztes fällt, die sich der Patient auch nicht selbst geben kann, sondern die letztlich nur der Glaube geben kann.

Gerade diese transzendentale Ver-wiesenheit des Menschen läßt den Arzt und die Pflegepersonen den erhabenen Sinn ihres Berufes auch dort noch erkennen, wo jede Hilfe und Anstrengung anscheinend erfolglos ist. Der leidendeMensch ruft nicht nur Mitleid, sondern auch Achtung und Ehrfurcht hervor, weil in ihm die Größe eines Geheimnisses spürbar wird, das den Menschen übersteigt. Er ist nach einer Formulierung des Zweiten Vatikanischen Konzils die. einzige Kreatur auf dieser Erde, die Gott um ihrer selbst willen gewollt hat und um dessentwillen die Schöpfung überhaupt existiert.

Weil der Mensch also selbst der Sinn dieser Schöpfung ist, ist er es wert behandelt und gepflegt zu werden auch dann, wenn er scheinbar zu nichts mehr nützlich ist.

Es kann natürlich sein, daß der Patient in seinem Schmerz mit Auflehnung, ja Verzweiflung reagiert. Aber gerade dann sind Ärzte, Krankenpfleger und Angehörige aufgerufen, den Patienten in brüderlicher

Anteilnahme zu begleiten. Oft aber auch erleben Ärzte und Pflegepersonal betroffen und mit großem Respekt und Bewunderung Patienten, die ihre Krankheit, ihr Leid, auch ihren Tod mit großer Gelassenheit, Tapferkeit und Geduld annehmen. Freilich muß auch gesagt werden, daß gerade Schmerz und Leid, beziehungsweise Mühsal und Gebrechlichkeit des Alters Bedingungen schaffen, die die Annahme des Todes erleichtern. Trotzdem ist es ein erstaunliches Geheimnis, zu welcher Größe der Mensch gerade im Leid fähig ist. Es ist ein eigenartiges Paradoxon, wie in Krankheit und Leid die Armseligkeit des Menschen, aber gleichzeitig auch seine unantastbare Würde offenbar werden. Diese Würde manifestiert sich besonders bei jenen Patienten, die in der Lage sind, ihre Krankheit und den Tod - das heißt ihr Schicksal - anzunehmen.

Und damit sind wir nochmals beim Grundgedanken dieser Überlegungen angelangt, wie Schmerz und Leid in einer gewissen Weise auch hier und heute überwunden oder zumindest sehr gelindert werden könnten (vorausgesetzt die selbstverständliche medizinisch-ärztliche Hilfe natürlich): Schmerz und Tod werden nämlich in dem Ausmaß zum unerträglichen Leid, in dem sie nicht angenommen werden können. Annehmbar wird das Leid aber gerade in dem Maße leichter, in dem der Leidende selbst von seinen Mitmenschen angenommen wird. In diesem Sinne bekommt das Wort vom Mitleid seine eigentliche Bedeutung. Wenn wir daher unsere Leidenden und Sterbenden, unsere alten und gebrechlichen Mitmenschen wirklich als integrierte und wertvolle Mitglieder in unsere Gesellschaft aufnehmen und sie nicht als Last sondern als Bereicherung für uns alle anerkennen, könnte leidenden und sterbenden Menschen vielleicht sub-stanziell geholfen werden, ihr Schicksal leichter in Frieden und Gelassenheit zu tragen.

Univ. Prof. Johannes Bonelli ist Leiter der Internen Abteilung im St. Elisabeth-Krankenhaus .

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