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Das letzte Gefecht des Y asser Arafat

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Seit Wochen tobt ein Bruderkampf in den Reihen der PLO. Die Arafat-Gegner verlassen sich ganz auf Syrien. Arafat selbst sucht nun wieder Hilfe in Moskau. Doch dort beginnt man sich zu distanzieren.

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Seit Wochen tobt ein Bruderkampf in den Reihen der PLO. Die Arafat-Gegner verlassen sich ganz auf Syrien. Arafat selbst sucht nun wieder Hilfe in Moskau. Doch dort beginnt man sich zu distanzieren.

Yasser Arafat, der noch stolz vor wenigen Tagen erklärt hatte, Herr der Lage zu sein und den Aufstand in seiner Fatah-Organi- sation noch nicht völlig beigelegt hätte, weil er kein arabisches Bruderblut vergießen will, mußte nun seinen Ton ändern: Denn jetzt geht es um seine eigene Existenz sowie um die Vormachtstellung seiner „El Fatah“ innerhalb der PLO.

In dringenden Anrufen wandte sich Arafat an die arabischen Staaten, Syrien und Libyen davon abzuhalten, die Aufständischen in der Fatah-Organisation zu unterstützen. Doch keiner dieser Staaten war bereit, sich tatsächlich einzumischen.

Arafats einzige Hoffnung ist zurzeit Moskau. Deswegen wurden seine Stellvertreter in den Kreml geschickt und einige andere Führer der PLO, der Kommandant der Befreiungsfront, George Habbasch, und der Kommandant der demokratischen Befreiungsfront, Naim Hawatmeh, in die Oststaaten entsandt, um eventuell Arafats Besuch in Moskau vorzubereiten.

Inzwischen haben die Aufständischen mit Unterstützung syrischer Panzer und Artillerie die Fatah-Stellungen an der Damas- kus-Beirut-Landstraße erobert und die Versorgungswege für die Arafat-treuen Truppen in dem libanesischen Bekaa’-Tal abgeschnitten. Die Aufständischen eroberten auch mit syrischer Hilfe die meisten Stellungen im Be-

kaa’-Tal selbst, so daß sich heute Arafats. Truppen nur noch um das Städtchen Baalbek im Süden und in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli konzentrieren.

Arafat beschuldigte Syrien, nachdem er gezwungen worden war, Damaskus innerhalb weniger Stunden als persona non grata zu verlassen, daß es nicht nur hinter diesem Aufstand stehe, sondern ihn auch inszeniert hätte.

Im Gegensatz zu allen anderen Persönlichkeiten im PLO-Lager, ist Arafat in den Augen der palästinensischen Bevölkerung in den von Israel besetzten Gebieten und in den Flüchtlingslagern im Libanon die Verkörperung des Kampfes für eine politische Identität.

Jahrelang hielten sich die gemäßigten Kreise in den besetzten Gebieten zurück. Doch als Arafat den Versuch unternommen hatte, ein Abkommen mit König Hussein von Jordanien zu unterzeichnen und statt einer militärischen eine politische Lösung anzustreben, erhielt er sofort die Unterstützung der überwiegenden Mehrheit in den besetzten Gebieten.

Als dann jedoch die Fatah- •Exekutive und die der PLO-Füh-

rung sich geweigert hatten, das Abkommen zu bestätigen, war in Westjordanien die Enttäuschung groß.

Die gesamte palästinensische Presse in Ost-Jerusalem und in den von Israel besetzten Gebieten bezog einstimmig gegen die Ablehnung des Abkommens Stellung und hat sich nun auch einstimmig auf die Seite Arafats während des Aufstandes gestellt. Man glaubt, daß nur auf dem Verhandlungsweg und nicht mit militärischen Mitteln etwas zu erreichen ist.

In Nablus, in Ramallah und in Ost-Jerusalem fanden Demonstrationen gegen den Fatah-Auf- stand statt. Moslemische Geistliche und insbesondere der Mufti von Jerusalem wetterten gegen die Aufständischen. Der Mufti von Jerusalem, der höchste geistliche Würdenträger in dieser Region, ging sogar soweit, die Ermordung von Syriens Staatsprä sident Assad zu fordern: „Wer bei solch einem Attentat umkommen sollte, wird sofort im Paradies Aufnahme finden“, so der Mufti.

Nun hält sich auch Syrien nicht mehr zurück. Im Gegenteil: Es will verbieten, daß irgendein politischer Faktor außer Syrien als Hauptsprecher der Palästinenser auftritt und erinnert daran, daß Palästina nichts anderes sei als ein Teil von Groß-Syrien.

Der Aufstand in der PLO hat viel Verwirrung gebracht. In den besetzten Gebieten trauen sich nun auch Jordanien-Anhänger und solche, die den pro-israelischen Dorfgemeinschaften angehören, nicht mehr zu Wort zu melden.

Zur Zeit sieht es so aus, als ob die Unterstützung Arafats doch größer ist, als Syrien ursprünglich angenommen hatte. Syrien hat bereits eine eigene, Syrien-hörige Terrororganisation aufgestellt, die „Saika“. Die Frage ist nun, ob es den wenigen Tausenden Aufständischen — man schätzt ihre Zahl auf nicht mehr als 3000 — gelingen wird, mit syrischer Hilfe die Arafat-Anhänger in die Knie zu zwingen.

Sollte das gelingen, so ist der extrem-radikale Kurs der Fatah auch noch nicht gesichert. Denn Syrien hat auch andere Interessen, nämlich die Kriegsgefahr mit Israel abzuwenden.

So gilt bisher die israelisch-syrische Grenze in den Golan-Höhen als die ruhigste, denn weder die Syrien-hörigen Terror-Organisationen noch andere Gruppen der PLO durften von syrischem Gebiet aus gegen Israel operieren. Syrien fürchtet nämlich israelische Vergeltungsmaßnahmen und will sich nicht ins eigene Fleisch schneiden.

Noch ist der Kampf nicht entschieden, aber die PLO bereits geschwächt: Denn heute kann Arafat nicht mehr als der stolze, unumschränkte Führer auf treten. Sogar Moskau, das bisher Arafat auf das wärmste unterstützt hatte, will es sich nicht mit Syrien verderben. Von Arafat hat man sich bereits distanziert: Denn statt Arafat persönlich, wurde vom Kreml dieser Tage eine Fatah-De- legation eingeladen. Und gerade in der Sowjetunion sind solche Nuancen bezeichnend.

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