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Das letzte Geheimnis der Kirche

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Qer österreichische Theologe und Publizist Franz Hummer legt in Kürze im Verlag Herold, Wien-München, unter dem Titel „Bischöfe für den Untergrund” eine umfassende Studie über den geheimen pastoralen Einsatz von Bischöfen und Priestern vor. Damit wird erstmals in der katholischen Kirche der Einsatz von Geheimbischöfen zur Diskussion gestellt. Im Vorwort bemerkt Kardinal König: „Die Tatsache, daß dieses Buch in Wien geschrieben wurde, ist mit ein Zeichen dafür, daß sich die Hauptstadt unseres Landes immer wieder als Brücke zum christlichen Osten erweist. Der A utor greift im vorliegenden Buch heikle innerkirchliche Fragen auf; er tut dies in einem echten Näheverhältnis zur Kirche. Er will in einem ganz speziellen Fall den Gedanken des Dialoges, des Gespräches aufgreifen und fortführen. Ich selbst bin mit mehreren Geheimbischöfen östlicher Länder brieflich und persönlich in Kontakt. Ihr menschliches Schicksal berührt uns, ihr erfolgloser Einsatz in schwerer Zeit bedrückt uns”. Hier ein gekürzter Kapitelauszug:

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Qer österreichische Theologe und Publizist Franz Hummer legt in Kürze im Verlag Herold, Wien-München, unter dem Titel „Bischöfe für den Untergrund” eine umfassende Studie über den geheimen pastoralen Einsatz von Bischöfen und Priestern vor. Damit wird erstmals in der katholischen Kirche der Einsatz von Geheimbischöfen zur Diskussion gestellt. Im Vorwort bemerkt Kardinal König: „Die Tatsache, daß dieses Buch in Wien geschrieben wurde, ist mit ein Zeichen dafür, daß sich die Hauptstadt unseres Landes immer wieder als Brücke zum christlichen Osten erweist. Der A utor greift im vorliegenden Buch heikle innerkirchliche Fragen auf; er tut dies in einem echten Näheverhältnis zur Kirche. Er will in einem ganz speziellen Fall den Gedanken des Dialoges, des Gespräches aufgreifen und fortführen. Ich selbst bin mit mehreren Geheimbischöfen östlicher Länder brieflich und persönlich in Kontakt. Ihr menschliches Schicksal berührt uns, ihr erfolgloser Einsatz in schwerer Zeit bedrückt uns”. Hier ein gekürzter Kapitelauszug:

Die „klassischen” Geheimbischöfe in der Sowjetunion, in Rumänien, in der CSSR und in Bulgarien stellen für die Behörden ein abgeschlossenes Kapitel dar. Sie wurden enttarnt, eingekerkert, bestraft, haben ihre Strafe abgesessen. Oder aber: wurden von den staatlichen Behörden akzeptiert - wie der bulgarische Bischof des lateinischen Ritus, Do-branow.

„Es ist eine

Geschichtsverkürzung, alle Schuld A theisten und Agnostikern des 20. Jahrhunderts in die Schuhe zu schieben.”

Ganz anders stellt sich die aktuelle Situation in der Sowjetukraine dar. Auch hier gebietet es das Gewissen, lediglich abgeschlossene „Fälle” anzuführen. Um die nackte, immer wieder bedrohte Existenz von heroischen Menschen nicht zu gefährden, reduziert der Autor im Falle der verbotenen ukrainischen katholischen Kirche seine Informationen für die breite Öffentlichkeit auf die vorerst lapidare Mitteilung, daß es in dieser Gemeinschaft eine wohlgeordnete Hierarchie mit mindestens drei Geheimbischöfen und rund 300 bis 400 geheimen Priestern gibt. Nicht minder geheim sind auf dem Territorium der Ukraine blühende Priesterseminare und Ordenshäuser. Apostolat in extremer Situation. Diese Fakten gelten übrigens auch für die illegale unierte Kirche Rumäniens!

Trotz vielfältigen Scheiterns des Experiments, geheime Bischöfe und Priester zum Einsatz zu bringen, werden immer wieder Versuche unternommen, mit besseren Methoden, unter vorsichtigerer Ausnützung der Möglichkeiten, Menschen mit pastoralen Aufgaben in den Untergrund zu schicken. Besondere Notzeiten der Kirche und neue Methoden mögen als Gründe genannt werden, um den Einsatz von „Geheimen” erneut zu rechtfertigen.

Zahlreiche geheime Bischofsweihen müssen wir im asiatischen Raum konstatieren. Den Verantwortlichen schien es hier angebracht, zu einem „alten

Mittel” zu greifen. Etwa zehn geheime Bischofsweihen lassen sich für Vietnam eruieren. Und es geht so vor sich wie vor 50 oder vor 30 Jahren in Osteuropa. Aufgrund besonderer päpstlicher Vollmachten erfährt der Weihekandidat erst kurzfristig von seiner Ernennung. Zur Vorbereitung bedarf es oft nur weniger Stunden. Und diese Vorbereitung ist in den einzelnen Fällen ein innerlicher Vorgang.

Die seelische Bereitschaft, zum extremen Opfer des persönlichen Lebens bereit zu sein, wird nochmals durchexerziert. Blenden wir uns konkret ein: Kontum, Vietnam. Msgr. Seitz ernennt am 27. März 1975 einen Nachfolger. Drei Stunden später schon schreitet der nunmehr in Frankreich lebende Altbischof von Kontum zur Bischofsweihe.

Klassischer Ausgangspunkt ist die Sowjetunion mit ihren geheimen Bischofsweihen des Jahres 1926. Diesem fixen Punkt folgen geheime Priesterweihen. Und nochmals 1929 und 1935 geheime Bischofsweihen. Nichts deutet daraufhin, daß mehr als sechs Priester in diesem Zeitraum in der UdSSR geheim zu Bischöfen geweiht wurden. Für immer wieder auftauchende Gerüchte, daß auch Apostolische Administratoren zu Bischöfen geweiht wurden, lassen sich im derzeitigen Stadium keine Anhaltspunkte finden.

„Gipfelpunkt des Engagements: Meßfeiern mit Gläubigen in offiziell geschlossenen Gotteshäusern der ukrainisch-katholischen Kirche.”

Der nächste, der geheim die Bischofsweihe empfängt, ist.kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges der nunmehrige Kardinal und Großerzbischof Josef Slipjy. Die Bischofsweihen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen sowie jene, die in größerer Zahl in den Jahren nach dem Aufbau eines, „roten Imperiums” in Osteuropa erteilt wurden, werden bisher ausschließlich isoliert und auf den katholischen Raum beschränkt gesehen.

Auch ist es eine Geschichtsfälschung, die Verfolgung der Katholiken auf dem russischen Territorium mit dem Sieg der Bolschewiki beginnen zu lassen. Wir haben die Frage genau geprüft und können es belegen: Verfolgungen von lateinischen und unierten Katholiken gab es bereits 200 Jahre früher. Besonders subtiler Methoden bediente man sich im 19. Jahrhundert, um Millionen von Unierten in die Orthodoxie „überzuführen”.

Es ist eine Geschichtsverkürzung, alle Schuld Atheisten und Agnostikern des 20. Jahrhunderts in die Schuhe zu schieben. Im übrigen hat man gar nichts Neues bezüglich der subtilen Methoden dazu erfunden. Man muß sich lediglich der Mühe unterziehen, praktisch unzugängliche Geschichtsquellen aufzuspüren, sie zu studieren und in den richtigen Zusammenhang einzuordnen.

Im Marsch der Katholiken in den Untergrund darf man gleichfalls keine Einzelaktion sehen. Auch wäre es falsch, zu vermuten, daß Millionen einen derartigen Gang in eine ungewisse und gefährliche Illegalität angetreten haben. Jene aber, die nicht nur den Mut hatten, in den Untergrund zu gehen, sondern noch den Ruf auf sich nahmen, als Bischof und Priester tätig zu werden, haben sich keiner isolierten katholischen Aktion angeschlossen.

Heute kennen wir etwa drei orthodoxe Gruppierungen mit geheimen Bischöfen und Priestern. So zählt die „wahre Orthodoxe Kirche” gegenwärtig zwölf Untergrundbischöfe, an deren Spitze Metropolit Theofil steht. Ihr Gegensatz zum offiziellen Moskauer Patriarchat sei nur am Rande erwähnt.

Besonders langjährige Erfahrungen sind der Orthodoxie eigen. Der bekannte römische Kirchenhistoriker Prof. P. Wilhelm de Vries SJ berichtet in diesem Zusammenhang:

„Orthodoxe Gemeinschaften sind schon seit langem an unterirdische Tätigkeit gewöhnt. Als erster Bischof ist Msgr. Simon Ochtenski bekannt; er wurde eines Tages beim Verlassen der Kirche von Tschekisten erschossen. Sein Grab war in der Folge das Ziel von Wallfahrten der Gläubigen, bis die Geheimpolizei dies unmöglich machte. Ein anderer Bischof mit Namen Antonius versah den Dienst eines Eisenbahners auf der Strecke Samao-Slatustoösk. So reiste er unauffällig weit herum, konnte die Gemeinden besuchen und heimlich Priesterund Bischöfe weihen. Er fand bei einem Zugsunglück den Tod. Sein Nachfolger, Hippolytus, arbeitete als Dachdecker. Die Geheimpolizei kam ihm auf die Spur und schickte ihn in die Verbannung, wo er starb”.

Zur eigentlichen Organisationsfrage berichtet Prof. de Vries: „Sowohl der amtierende Bischof wie der Ersatzmann ernennen und weihen einen Nachfolger, der im Fall der Verhaftung oder des Todes gleich für sie einspringt. Die Priester üben irgendein Handwerk aus und ziehen von Dorf zu Dorf, im Rucksack neben dem Werkzeug -verborgen die Geräte für die heilige Liturgie. Ein Priester, der Dekan der Abteilung für Landvermessung einer Arbeiteruniversität war, wurde entdeckt. Da man ihn in seiner Position zunächst nicht ersetzen konnte, ließ man ihn noch drei Monate unbehelligt. Dann verschwand er in Sibirien”.

Mit derselben Methode geht die ukrainische Kirche im Untergrund den offensichtlich einzig möglichen Weg. Bereits der 1974 in den Westen emigrierte Laientheologe Lewitin Krasnow hat ausführlich über den Pastoralplan der Unierten berichtet. Kein geringerer als der in München residierende ukrainische Exarch Piaton Kornyljak hat seine Angaben nicht nur bestätigt, sondern durch weitere, äußerst wertvolle und konkrete Aussagen ergänzt.

Die 1946 erfolgte Liquidierung der katholischen Kirche in der Ukraine ist nur nach außen hin gelungen. Sie lebt, wenn auch nur in vergleichsweise bescheidenem Umfang. Rückgrat der Pastoral sind „Wanderpriester” und Seelsorger, die in profanen Berufen tätig sind. Gipfelpunkt des Engagements: Meßfeiern mit Gläubigen in offiziell geschlossenen Gotteshäusern der ukrainisch-katholischen Kirche.

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