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Das Rädchen und das große System

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In seiner Festrede bei den diesjährigen Salzburger Hochschulwochen erklärte Franz Kardinal König unter anderem: „Leben wir, aufs Ganze gesehen, wirklich in einer menschenwürdigen Welt? Erscheint nicht bereits die Frage nach einer menschenwürdigen Gesellschaft in dieser unserer Welt von heute als ein utopisches Gedankenspiel? EinDrittel der Menschheit, nämlich die Bewohner der industrialisierten Länder und der Erdölstaaten, leben im Wohlstand, ja in Überfluß und Verschwendung, aber 500 Millionen Menschen leiden an Unterernährung, und 40 Millionen Menschen sterben Jahr für Jahr an den Folgen des Hungers. Liefern uns nicht die Massenmedien Tag für Tag Bilder des Krieges, des Terrors, der Grausamkeit und des Hasses ins Haus? Aber auch im Bereich der westlichen Kultur, in der sogenannten Wohlstands- und Überflußgesellschaft, nimmt das Unbehagen zu. Mehr und mehr Menschen leiden seelisch - und auch körperlich an den Widersprüchen dieser industrialisierten Massenkultur. Und immer mehr Menschen beginnen sich die Frage zu stellen, wohin denn die Reise eigentlich gehen soll..Dieses Unbehagen Wurzelt weniger in wirtschaftlichen Verteilungsproblemen, als vielmehr in den beginnenden Zweifeln an der ausschließlichen Wichtigkeit rein materieller Ziele und den daraus abgeleiteten gesellschaftlichen Normen.“

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In seiner Festrede bei den diesjährigen Salzburger Hochschulwochen erklärte Franz Kardinal König unter anderem: „Leben wir, aufs Ganze gesehen, wirklich in einer menschenwürdigen Welt? Erscheint nicht bereits die Frage nach einer menschenwürdigen Gesellschaft in dieser unserer Welt von heute als ein utopisches Gedankenspiel? EinDrittel der Menschheit, nämlich die Bewohner der industrialisierten Länder und der Erdölstaaten, leben im Wohlstand, ja in Überfluß und Verschwendung, aber 500 Millionen Menschen leiden an Unterernährung, und 40 Millionen Menschen sterben Jahr für Jahr an den Folgen des Hungers. Liefern uns nicht die Massenmedien Tag für Tag Bilder des Krieges, des Terrors, der Grausamkeit und des Hasses ins Haus? Aber auch im Bereich der westlichen Kultur, in der sogenannten Wohlstands- und Überflußgesellschaft, nimmt das Unbehagen zu. Mehr und mehr Menschen leiden seelisch - und auch körperlich an den Widersprüchen dieser industrialisierten Massenkultur. Und immer mehr Menschen beginnen sich die Frage zu stellen, wohin denn die Reise eigentlich gehen soll..Dieses Unbehagen Wurzelt weniger in wirtschaftlichen Verteilungsproblemen, als vielmehr in den beginnenden Zweifeln an der ausschließlichen Wichtigkeit rein materieller Ziele und den daraus abgeleiteten gesellschaftlichen Normen.“

Gesellschaft! Allein die nahezu unwidersprochene Geltung dieses Modewortes ist dazu angetan, Mißtrauen und Skepsis hervorzurufen. „Das Ich und die Gesellschaft sind die beiden Götzen unserer Zeit“, schrieb die französische Mystikerin und Philosophin Simone Weil. Haben wir nicht in den letzten Jahrzehnten die Gesellschaft zu einer Art „höherem Wesen“ gemacht, zur „großen Mutter“ ausgestaltet, mit gottähnlichen Attributen — zu einem Wesen, von dem nicht nur das Wohl und Wehe der Menschen abhängt, sondern auch ihre Würde? Und neigen wir nicht dazu, alle menschlichen Unzulänglichkeiten, alles Versagen, ja selbst das radikal Böse ausschließlich bestimmten gesellschaftlichen Strukturen zuzuschreiben, die man angeblich nur zu verändern braucht, um das Paradies auf Erden herzustellen? Und wenn heute die Kriminalität in beängstigender Weise ansteigt, so ist auch daran die böse Gesellschaft schuld. Mit plausiblen Erklärungen ist man schnell zur Hand. Das beginnt mit der Theorie vom sogenannten „Milieugeschädigten“ und endet damit, daß man sagt, nicht der Täter, sondern das Opfer sei schuldig.

Die Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen im Jahre 1948 hat die Menschenwürde, zumindest auf dem Papier, zu einem universalen gesellschaftlichen Ordnungsprinzip gemacht. Denn in dieser Erklärung werden die Menschenrechte ausdrücklich mit der Würde der menschlichen Person und diese wiederum mit der Ausstattung des Menschen mit Vernunft und Gewissen begründet. In dieser Konzeption der Menschenrechte hat der sub-stantialistische Personbegriff des

Christentums eine weltweite Anerkennung gefunden. Darauf hat der Würzburger Philosoph Heinrich Rombach hingewiesen, der die christliche Soziallehre als das stärkste Bollwerk gegen jedwede Entwürdigung des Menschen bezeichnete. Gerade der substantialistische Personbegriff ist die beste Garantie für die Würde jedes Menschen — auch des alten, kranken, schwachen und geisteskranken, ja des Ungeborenen! — und auch der berühmte Satz des großen Aufklärers Kant, daß der Mensch immer nur Selbstzweck und niemals Mittel zum Zweck sein könne, wurzelt in dieser substantia-listischen Auffassung, die eine einzigartige Synthese zwischen dem biblischen Offenbarungsgedanken und dem philosophischen Vernunftdenken darstellt.

• Der christliche Personbegriff sieht sich heute, so Prof. Rombach, drei wesentlichen Gefährdungen gegenüber.

• Die menschliche Gattung befindet sich heute in einer irreversiblen Phase der „Planetisation“. Dieser Ausdruck wurde von Teilhard de Chardin geprägt und besagt, daß im Züge der Evolution des Lebens die menschliche Gattung von einem bestimmten Punkt der Geschichte an und nach einer Phase der Differenzierung und Auffächerung auf eine neue Einheitsform hin tendiert, in der alle gattungsmäßigen Qualitäten konvergieren. „Socialisation“ ist die zentrale Tendenz der Gattungsgeschichte, ihr wichtigster Motor die Kommunikation, die zu immer umfassenderen Thesen führt. Nun soll allerdings, nach Teilhard, in diesem Prozeß der Planetisation und Socialisation der in der Phase der Differenzierung gewonnene Reichtum an

Individualitäten voll und ganz erhalten bleiben. Die Frage ist nur, wie dies geschehen soll und wie die drohende Nivellierung abgewertet werden kann.

• Zudem droht heute das Verhältnis Gattung—Individuum einer reduk-' tionistischen Kürzung zum Opfer zu fallen. Die menschliche Gattung wird schlicht und einfach mit der konkreten Gesellschaft gleichgesetzt und die Folge davon ist, daß die Soziologie zu einer Art von Grundwissenschaft aufrückt, ohne daß dies den Soziologen immer bewußt zu sein braucht. Wie kann in dem Wechselspiel Individuum—Gesellschaft, fragte Rombach, an der christ-lichen-humanistischen Personkategorie überhaupt noch festgehalten werden?

• Schließlich sind die menschlichen Bewußtseinsstrukturen nicht ein für allemal vorhanden, sondern bilden sich im,Zuge geschichtlicher und sozialer Prozesse. Ein Rekurs auf die immer gleiche und gemeinsame Vernunft ist nicht mehr so ohne weiteres möglich, weil die Vernunft selbst variabel geworden ist. Prof. Rombach sieht in dieser Relativierung eine Folge der modernen Wissenssoziologie und Ideologiekritik. Gerade die Verschiedenheit der Be-wußtseinsstrukturen macht aber das gegenseitige Verstehen zwischen Individuen (und Gruppen) schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Oft prallen in ein- und derselben Familie, unter demselben Dach, verschiedene Denkwelten unversöhnlich aufeinander — von den Konflikten zwischen Rassen, Klassen, Nationen, Ideologien und Machtblöcken ganz zu schweigen. Genau hier liegen die tieferen Ursachen jener schmerzhaften Widersprüche, die der Idee einer menschenwürdigen Gesellschaft Hohn sprechen.

Neben der immer größer werdenden sozialen Ungleichheit in der Welt, neben dem fatalen Macht-Ohnmacht-Gefälle, ist die ständige Zunahme von Gewalt und Terror ein weiteres Kennzeichen einer unmenschlichen Gesellschaft. „Noch nie zuvor in der Geschichte hat es eine derartige Zusammenballung von Macht gegeben wie jm 20. Jahrhundert“, sagte der Münchner Politologe Prof. Dr. Kurt Sontheimer in seiner Vorlesung über „Macht, Gewalt und Terror in der Politik“. Nach Sontheimer erfuhr das Phänomen des Terrors im 20. Jahrhundert eine wesentliche Verschärfung durch den totalitären Terror, der letztlich auf einer Ideologie beruht; hier geht es gar nicht mehr in erster Linie um die Vernichtimg wirklicher oder auch potentieller Gegner im Interesse der Herrschaftserhaltung, weswegen diese Art von Terror meistens erst dann beginnt, wenn jede wirksame Opposition bereits ausgeschaltet ist. Eine erfolgreiche internationale Ächtung des Terrorismus hält Sontheimer solange für illusionär, als es Staaten gibt, die ihn aktiv oder passiv unterstützen.

Der Frankfurter Politologe und Philosoph Prof. Irving Fetscher betonte in seiner dreistündigen Vorlesung über „Dialektik des Fortschritts“, daß der Fortschritt nicht nur zunehmend ins Menschenfeindliche umschlägt, sondern daß es vielmehr der Fortschritt selbst ist, der im wachsenden Ausmaß seine eigenen Grundlagen und Voraussetzungen zerstört. Der Gedanke des Fortschritts, der durch die christliche Vorstellung vom neuen Himmel und der neuen Erde in die Welt gekommen ist, wurde nach Fetscher in diesseitige, revolutionäre Zukunftshoffnungen übertragen und fand seine wichtigste Stütze in der wachsenden technischen Herrschaft des Menschen über die Natur. Nach dem Scheitern überschwenglicher Hoffnungen auf eine qualitativ ganz andere Welt, blieb vom Fortschrittsgedanken schließlich nur die Idee eines unendlichen linearen Fortschritts zu immer größerer Produktion und immer größeren individuellen Konsumchancen übrig. Die

ursprünglich als Entfaltung der menschlichen Anlagen begrüßte Entwicklung ist inzwischen in die Verwandlung der Individuen in bloße Agenten eines widersinnig gewordenen Kreislaufs von Produktion und Konsumption umgeschlagen.

Auch der Tübinger Dogmatiker Walter Kasper betonte in seiner Vorlesungsreihe, daß die neuzeitliche Entwicklung nicht zuletzt eine Folge des Christentums sei. Die Neuzeit habe genug biblische Motive zur Geltung gebracht. Nach Kasper stehen pauschales kulturkritisches Gezeter und pessimistische Kassandrarufe gerade dem Christen schlecht an, denn das neuzeitliche Verständnis der Autonomie könne auch eine Chance für das Christentum bedeuten. Freilich — durch die Erfahrungen unseres Jahrhunderts ist uns der naive Forschungsglaube des 18. und 19. Jahrhunderts gründlich vergangen. Die ursprüngliche Hoffnung droht inzwischen in Angst umzuschlagen, es könne, was der Mensch zu seinem Heil erfunden hat, nun zu seinem Unheil werden. Wenn alles berechenbar und machbar wird, muß

dann am Ende nicht auch der Mensch, so fragte Kasper, zur bloßen Nummer und zum austauschbaren, manipulierbaren Rädchen in einem großen, anonymen System werden? Die Einsicht in die innere Dialektik neuzeitlicher Autonomie sollte für den Theologen eine Warnung sein, das zweifellos notwendige Aggiorna-mento der Kirche und der Theologie nicht durch eine allzu rasche Heimholung der Neuzeit bewerkstelligen zu wollen und die neuzeitliche Säkularisierung kurzschlüssig als weltliche Auswirkung des Christentums zu deuten. Es hat auch wenig Sinn, nur die Versäumnisse der Vergangenheit anzuklagen, ohne Verständnis für die wirklichen Probleme aufzubringen. Das Kernproblem für Kasper lautet: Schließen sich neuzeitlich verstandene Autonomie und Theonomie aus, oder lassen sich beide auch in ein positives Verhältnis bringen? Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß für den christlichen Glauben nicht der Mensch, sondern Gott die allesumfassende und allesbestimmende Wirklichkeit ist. Die Freiheit des Menschen kann deshalb theologisch nur von Gott her und auf ihn hin beschrieben werden. Unter diesem Gesichtspunkt wurde oft gesagt, Autonomie bedeute Abfall von Theonomie, bedeute Hybris und Verblendung, Selbstvergötterung des Menschen, alles in allem: Autonomie besage eine Grundentscheidung gegen den Glauben an Gott.

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