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Das schwierige Erwachen einer Kultur

FURCHE: Herr Minister, welche Rolle spielte die Kultur in den letzten Jahrzehnten in Litauen?

VYTAUTAS GAIDAMAVICIUS: Vor allem hat die Kultur den Litauern geholfen, ihre ethnische Identität zu bewahren. Unsere alten kulturellen Traditionen und unsere mit dem Sanskrit verwandte Sprache waren vielleicht der Zement, der unser Volk zusammengehalten hat.

Ich möchte mich hier nicht über die wirklich sehr alten Wurzeln unserer Kultur ausbreiten, aber doch unsere Folklore erwähnen, die sehr reich ist an Traditionen, an Tänzen und Liedern. Mir scheint, daß die folkloristische Welle, die vor etwa sechs bis sieben Jahren eingesetzt hat - sie hat sich abgesetzt von den Folklore-Ensembles der Sowjetunion mit ihren stilisierten Fassungen -, ein Verlangen nach richtiger Kunst und eine geistige Ermutigung war. Die Menschen hatten die Lieder und Tänze, die unsere Vorfahren durch Jahrhunderte gesungen und getanzt hatten, vergessen, aber unsere Jugend hat sie wieder aufgeführt. Ohne daß man etwas planen, organisieren oder tun hätte müssen, hat sich diese Welle schnell über ganz Litauen ausgebreitet und einen Widerhall in Lettland und Estland gefunden, und diese baltische Welle war vielleicht eine der Keimzellen, aus denen sich Sajudis* entwickelt hat.

FURCHE: Wie sehen Sie die Situation der litauischen Kultur derzeit?

GAIDAMAVICIUS: Alserstes versuchen wir, die Kultur wie auch die Bildung zu entpolitisieren, unser Denken, unsere Lebensweise von der sogenannten ideologischen Kultur zu lösen. Wir haben selbst nicht gespürt, wie tief uns in den fünfziger Jahren diese Denkweise eingehämmert worden war. Als wir laut sagten, was wir dachten, verstanden wirplötzlich, daß wir sehr viele Probleme haben.

Wir haben wieder unsere alte Fahne und singen unsere Hymne, und wir haben gedacht, es würde auch zu einem Aufschwung in Literatur, Musik und Kunst kommen, aber - hier sage ich nur meine eigene Meinung - ich kann diesen Aufschwung nicht sehen. Wir sind hinausgegangen auf die Straßen und Plätze, und es hat sich ein Schauspiel abgespielt, wie wir es uns gar nicht vorgestellt hatten. Wir hatten uns nicht vorgestellt, daß 300.000 Menschen zur selben Zeit schweigen können, um die Opfer in Sibirien zu ehren, sodaß man in unserem Vingis-Park (der größte Park Litauens, Anm.) nur das Zwitschern der Vögel hören konnte, und man spürte, daß das eine unaussprechliche Kraft ist, und in Wirklichkeit haben sich alle, auch die Künstler, dieser Bewegung angeschlossen.

FURCHE:' Ist die Kunst jetzt auf neue Weise politisch geworden?

G AIDAM AVICIUS: Wir haben uns alle auf die Politik eingelassen; auch ich habe niemals gedacht, daß ich ein politischer Funktionär sein werde. Aber wir sind von selbst in diese politisch-organisatorischen Tätigkeiten hineingekommen, es wareine Notwendigkeit. Verschiedene Künstler sind aus ihrem Rahmen herausgetreten, und Musiker haben begonnen, Artikel zu schreiben. Unser Komponist Balakauskas zum Beispiel, ihm kann man nicht vorwerfen, daß er keine Musik schreibt, aber er ist überall dabei, er verfaßt Artikel, er sitzt im Parlament, sein Wort ist für uns wichtig.

Ich will gar nicht von unserem Dichter Marcinke-vicius sprechen, der als erster bei Sajudis war, als erster im Parlament war, er war überall der Erste; er ist unser Gewissen. Aber zur selben Zeit hat er auch wun derbare Gedichte geschrieben, bei denen alle zuhören, wenn er sie vor Hunderttausenden auf öffentlichen Plätzen liest. Aberdiese beiden Beispiele sind eher die Ausnahme.

Ich könnte nicht viele bedeutende Werke nennen, die in den letzten Jahren entstanden sind. Der junge Komponist Bartulis hat ein Requiem für die Opfer des Stalinismus geschrieben, auch Kutaviäius komponiert, aber das sind nur einige Namen, die auch zuvor die Fundamente unseres Musiklebens gebildet haben.

FURCHE: Wie sehen Sie die Situation der Literatur?

GAIDAMAVICIUS: Wir stürzen uns auf die Zeitungen. Früher gab es vielleicht zehn Zeitungen, und sie waren zensuriert, und jetzt sind es Hunderte, wir verlieren selber den Überblick, und wir geben sie trotz des Papiermangels heraus.

Ich habe selbst schon bemerkt, daß ich nicht mehr fähig bin, Bücher zu lesen, daß ich die Zeilen überfliege, wie man eine Zeitungsreportage liest. Ich habe nichts gegen Zeitungen, wir brauchen die Information, aber die wirkliche Bedeutung haben die Bücher. Doch wir fangen schon wieder an, zur Literatur zurückzukommen, zu den Theatern und zur Musik.

FURCHE: Wie steht es um das reiche Theaterleben Litauens?

GAIDAMAVICIUS: Vor dem Auftreten von Sajudis war es unmöglich, in den Theatern Platz zu bekommen, es gab einen Theaterboom, auch in den Provinzstädten, denn dort herrschte eine äsopische Sprache; wir konnten zwischen den Zeilen und aus der Gestik vieles verstehen. Und das war nicht nur ein Verngügen, es war für uns eine Notwendigkeit.

Jetzt, wo man sagen kann, was man will, hat sich im Theater ein Verlangen nach den Klassikern herausgebildet, wir wollen nicht mehr politisieren. Zwei Theater haben Tschechows „Kirschgarten" aufgeführt, und plötzlich war das interessant und wichtig, plötzlich waren sie voll. Aber die Theater, die sich in dieser Zeit nicht anpassen können, leeren sich. Und es ist schon zu leeren Theater gekommen.

Unsere Dotation ist dieselbe, obwohl alles doppelt so teuer geworden ist. Es ist klar, daß wir zu einem anderen System übergehen müssen, zu einem System der Verträge, wie es das an jedem Theater der Welt gibt. Aber das bedeutet, daß ein Teil der Leute die Theater verlassen muß. Es war sehr einfach bei uns: Wer in das Theater aufgenommen wurde, bekam zeit seines Lebens ein Gehalt, und er konnte auch beinahe nichts arbeiten. Aber das Gehalt war auch so klein, daß es ihn nicht zur Arbeit stimulierte.

Zuerst einmal ist es in der derzeitigen ökonomischen und politischen Situation Litauens nicht so einfach, die Hälfte der Schauspieler auf die Straße zu stellen. Die Menschen müssen irgendeine Arbeit haben. Dazu kommt auch, daß etliche Schauspieler überhaupt nie eine Rolle bekommen hatten. Ich glaube auch nicht, daß man die älteren Schauspieler einfach pensionieren oder entlassen muß. Es muß irgendeinen Übergang geben.

FURCHE: Wie hat sich das Musikleben in Litauen weiterentwickelt?

GAIDAMAVICIUS: Plötzlich ist ein neuer Sog zu den Konzerten der Philharmonie entstanden. Vielleicht hängt es mit unserer Tragödie zusammen, daß die Menschen Werke wie Mozarts oder Verdis Requiem oder die Neunte Symphonie von Beethoven zu verstehen begannen.

An unseren tragischsten Tagen, zur Zeit der Blockade, haben wir gedacht: Wie werden die Menschen das durchstehen? Da ging unser Nationalorchester mit dem Dirigenten Domarkas auf den Domplatz und spielte Beethovens Neunte Symphonie vorHundert-tausenden von Menschen. Sie wurde in ganz Litauen übertragen, in jedem Dorf, in jeder Stadt wußte man, daß an diesem Tag Beethovens Neunte gespielt wird. Das war ein unwiederhol-bares Erlebnis. Die Menschen haben aus dieser Begeisterung vestanden, was Beethoven bedeutet.

FURCHE: Wie beschreiben Sie die Situation der Bildenden Kunst?

GAIDAMAVICIUS: In derBüden-den Kunst gibt es ein Problem: Wir sind sehr dankbar, daß sich unsere jungen Künstler im Ausland, zum Beispiel in Salzburg, weiterbilden können; aber wir haben auch Angst davor, daß der größte Schatz unserer Bildenden Kunst ins Ausland verkauft wird. Jetzt fahren wir durch Europa und Amerika, um die Arbeiten unserer älteren Künstler zu finden und nach Litauen zu bringen, und ich fürchte, daß wir noch in 20 Jahren herumfahren werden.

FURCHE: Gibt es Künstler, die wieder nach Litauen zurückkehren?

GAIDAMAVICIUS: Aus allen Himmelsrichtungen kommen Menschen nach Litauen zurück. Die Gedichte und die Erinnerungen der Menschen aus S ibirien kehren zurück, und jetzt haben wir gesehen, wieviele begabte Menschen dort zu Tode gekommen sind. Jetzt fangen wir damit an, diese Bücher zu drucken.

Andrerseits kommen Litauer zurück, die in Amerika oder Europa gelebt haben, einige auch mit Werken. Wir haben schon Kunstsammlungen, Brad-zionis und andere Dichter sind zurückgekommen, Musiker kommen zurück, auch unbekannte. Und diejenigen, die in Brasilien, Australien oder wo auch immer bleiben wollen, werden wir unterstützen, daß sie weiterhin Litauer bleiben.

Vytautas Gaidamavicius, Jahrgang 1931, ist Stellvertretender Minister im Kultur- und Bildungsministerium der Republik Litauen. Das Gespräch mit ihm führte Cornelius Hell. * Litauische Unabhängigkeitsbewegung

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