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Das Spiel der Spione

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Die Weltpolitik mag zwischen kaltem Krieg und Entspannung schwanken, der Krieg der Geheimdienste läuft stets auf Hochtouren. Jetzt haben auch die Sowjets ihren Überläufer.

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Die Weltpolitik mag zwischen kaltem Krieg und Entspannung schwanken, der Krieg der Geheimdienste läuft stets auf Hochtouren. Jetzt haben auch die Sowjets ihren Überläufer.

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Am 7. August tauchte in Moskau ein Verlorener wieder auf: Edward Lee Howard, vom CIA gesuchter US-Bürger, hat in der sowjetischen Hauptstadt bei seinen versteckten Arbeitgebern eine neue Heimat und persönliche Sicherheit gefunden. Der WirtSchaftsanalytiker war Anfang der achtziger Jahre als Agent des CIA ausgebildet und auf einen diplomatischen Posten in Moskau vorbereitet worden. Wegen Drogensucht, Frauengeschichten und Alkohol letztlich als unzuverlässig befunden, wurde Howard entlassen.

Als Rache bot er den Sowjets seine Dienste an, erst auf der Botschaft in Washington und dann zur genaueren Fühlungnahme bei einem Stelldichein in St. Anton am Arlberg. Howard hat im Verhör dem CIA die ersten Kontakte gestanden, blieb jedoch noch auf freiem Fuß. Ehe die Beweiskette geschlossen war und die Agentur zuschlagen konnte, machte sich Howard über Mexiko nach Europa aus dem Staub.

Der Verrat von „Robert“ (so der Deckname Howards) zeigte nur zu bald seine Auswirkungen: CIA-Informant Igor Gei, dritter Sekretär auf der sowjetischen Mission in Delhi, suchte im März 1985 bei den Amerikanern um Asyl an, weil er vom KGB beschattet wurde. Aus demselben Grund wurde dem Beamten des GRU (militärischer Zweig des KGB), Sergej Bpchan, ebenfalls ein Informant des CIA, der Boden zu heiß.

Plötzlich versiegte auch eine der wertvollsten Quellen westlicher Geheimdienste in Moskau: A. G. Tolkatschow, Elektronik-Experte und Angestellter der Organisation für militärische Luftfahrt. Der Wissenschafter lieferte Informationen zur Vermeidung von Radar. Als US-Diplomaten neue Informationen des Mannes aus Moskauer „Briefkästen“ sammeln wollten, wurden sie vom KGB gestellt und des Landes verwiesen. Der Techniker endete 1985 vor einem Erschießungskommando.

Howard dürfte auch den letzten Anstoß für den endgültigen Frontwechsel von Oleg Gord-jewski gegeben haben. 15 Jahre lang hatte der hohe Diplomat erst in Kopenhagen und dann in London dem Westen unschätzbar wertvolles Material über Operationen des KGB in Europa, die Struktur des KGB-Apparates und Aktionspläne des sowjetischen Geheimdienstes geliefert. 1984 stieg der Spion aus Uberzeugung zum „Resident“ der Londoner Botschaft auf,damit zum höchsten KGB-Beamten in Westeuropa.

Einen glücklicheren Fall konnte sich M15, die britische Spionageabwehr, nicht wünschen. Gordjewski kannte Namen und Tarnung aller Agenten in Großbritannien, ebenso der sogenannten „Illegalen“ mit veränderter Identität. Gordjews-kis Einfluß reichte bis ins Politbüro, deshalb war sein Absprung wohl der schwerste Schlag für die KGB-Zen-trale Lubjanka.

Unglücklicherweise bekam das KGB von Gordjews-kis Nebengeschäft Wind, als sich dieser gerade auf Heimaturlaub befand. Im Juli 1985 erging sein verkodeter Hilferuf der höchsten

Alarmstufe an die britische Botschaft. Im Trainingsanzug rettete sich Gordjewski, Frau und Tochter zurücklassend, vor den Bewachern und landete unbemerkt bei den Briten.

In einer waghalsigen Operation wurde Gordjewski unter den Augen des KGB im Dipbmatentrans-port aus der roten Metropole herausgeschleust und nach Helsinki transportiert. In London ließ der Uberläufer dann alle ihm bekannten Mitarbeiter des Geheimdienstes auffliegen. Whitehall wies im Sommer desselben Jahres 30 Diplomaten, Journalisten und Geschäftsleute aus, Moskaus zählenmäßig gleicher Gegenschlag löste eine Periode der Eiszeit in den Beziehungen London—Moskau aus, die erst beim kürzlichen Besuch von Sowjetaußenminister Schewardnadse an der Themse wieder auftaute.Gegenwärtig erstattet Gordjewski eingehenden Bericht im Weißen Haus.

Der Verräter aus Rache, Edward Howard, wurde seinerseits wiederum von einem Mann verraten, der selbst eine äußerst zwielichtige Rolle im geheimen Krieg gespielt hat: der doppelte Uberläufer Vitalij Jurtschenko. Dieser Mann, dazumal fünfthöchster Beamter im fünften Direktorat, das gegen ausländische Geheimdienste in der UdSSR operiert, sprang im Juli 1985 in Rom ab. Anfang August wurde der als größter Fisch des KGB im CIA-Netz gefeierte Ukrainer nach den USA geflogen. Dort wurde er von Sicherheitsbeamten bis Anfang Oktober ausgequetscht.

Diese Zeit der Prüfung ist, wie der in den sechziger Jahren übergetretene Sowjetdiplomat Wladimir Sacharow zu berichten weiß, einer „Katorga“ (Lagerhaft mit schwerer Zwangsarbeit) vergleichbar: Ausforschung auf Herz und Nieren, Verhöre ohne Ende, absolute Isolierung.

Neben Howard gab Jurtschenko noch einen anderen US-Bürger in den Diensten des Kreml preis: den Spezialisten für Abhörgeräte von sowjetischer Kommunikation unter Wasser, Ronald W. Pel-ton, vormaliges Mitglied der „National Security Agency“. Dieser hatte Zugang zu geheimsten Informationen. Allerdings sagte Jurtschenko den Amerikanern nichts Neues, Pelton war bereits überführt.

Es fällt auf, daß sich der Sicherheitskordon um Jurtschenko bald öffnete. Der Uberläufer durfte nach Toronto zu seiner angeblichen oder wirklichen Freundin, die später Selbstmord beging. Er konnte ungestört mit der Botschaft seines Landes telefonieren, wurde zuletzt in einem Cafe nahe der Botschaft in Washington abgesetzt und „unbeaufsichtigt“ gelassen. So konnte Jurtschenko ungeniert in die Botschaft spazieren, obwohl das Gebäude sofort von Beamten der Sicherheitsdienste hätte abgeriegelt werden können.

Jurtschenko, Gordjewski, Pelton und Howard - Schachfiguren im geheimen, manchmal auch tödlichen Spiel der Spione. Solche sind auch andere Personen, die zu ihren Zeiten Schlagzeilen gemacht haben. Arne Trehold, der norwegische Politiker, der den Sowjets geheime Nato-Pläne zuspielte.

Hans-Joachim Tiedge, Chef der westdeutschen Abwehr, der sich im letzten Jahr nach Ostdeutschland absetzte, als ihm Schulden und Verdächtigungen über den Kopf wuchsen. Jeder Uberläufer löst manchmal blutige Säuberung aus. Für die Betreffenden aber ist die Rolle des Spions ein für allemal ausgespielt.

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