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„Das Ungartum ist bedroht

Manche Abgeordnete des ungarischen Parlaments bleiben dabei. Sie wollen gehört haben, wie ein Abgeordneter der „Partei der Kleinen Landwirte" vor einiger Zeit gebrüllt haben soll: „Juden in die Mülltonne", als sich der Fraktionsvorsitzende des oppositionellen „Bundes Freier Demokraten" (SZDSZ), P6ter Tölgyessy, zu Wort melden wollte. Im Volksmund wird

SZDSZ schon seit längerem als „Judenpartei" verunglimpft, nur weil einige ihrer Repräsentanten aus bekannten Familien des ungarischen Judentums entstammen. Auch tauchen in der Landeshauptstadt immer wieder Schmierereien auf, in denen die Namen dieser Politiker mit bösen Drohungen „geziert" werden.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, daß auch im demokratischen Parlament ein solcher Zwischenruf erfolgen konnte. Doch mit Bestürzung registrierte die Jüdische Gemeinde, daß sich der Zwischenrufer bis heute nicht öffentlich entschuldigt hat und der ungarische Generalstaatsanwalt nach mehrtägiger eingehender Untersuchung erklärte, daß ihm nur eines der „gereinigten Tondokumente" zur Verfügimg gestanden

habe und dieses den Zwischenruf nicht einwandfrei wiedergebe. Er könnte auch „Der Redner in die Mülltonne" geheißen haben.

Während politische Beobachter glauben, dieser Zwischenfall werde dennoch ein parlamentarisches Nachspiel haben, erregt bereits ein anderer Vorfall das parlamentarische Leben der jungen ungarischen Demokratie. Der äußerst populäre Schriftsteller und Abgeordnete des Ungarischen Demokratischen Forums (MDF), Sändor Csöori, ließ erstmals seinen antisemitischen Phantasien freien Lauf. Der Romancier, der auch von der internationalen Kritik für seine Werke hoch gelobt wird, erklärte in einem Essay der Monatsschrift seiner Partei, die „liberale jüdische Intelligenz habe sich vorgenommen, das Ungartum in Geist und Denkweise zu assimilieren". Dies geschehe auf äußerst aggressive Art, heißt es in der Zeitschrift „Hitel", und damit wollten SZDSZ-Kreise ihre jüdischen Identitätsprobleme kompensieren, wodurch die Werte der ungarischen Kultur und des Un-gartums diskreditiert, in Schmutz gezogen würden. Das Ungartum sei vom Christentum beseelt, philosophiert Csöori weiter, und müsse sich von fremden Einflüssen fern halten.

Noch bevor die Jüdische Gemeinde protestieren konnte, kam schon eine scharfe Antwort aus dem Csöori-freundlichen Pen-Club. Hundert Autoren der mittleren und

jüngeren Schriftstellergeneration Ungarns richteten an ihr Vorstandsmitglied wie gleichzeitig an Staatspräsident Ärpäd Göncz einen Offenen Brief, in dem sie gegen die willkürlichen Versuche protestierten, Menschen nach „rassischen", konfessionellen oder sonstigen Gesichtspunkten aus der Gemeinschaft gleichrangiger Bürger des Landes auszugrenzen.

Während Csöori dazu beflissen schweigt, bezog der ungarische Staatspräsident sofort Stellung. Wäre er nicht Präsident, ließ Göncz die jungen Autoren wissen, hätte er seiner Empörung ebenso Luft zu verschaffen versucht. Ob jemand Ungar sei oder nicht, werde dadurch bestimmt, ob er das Schicksal der Nation zu teilen bereit sei. Es sei selbstmörderisch, Menschen nach ihrer „rassischen" und religiösen Herkunft einzuteilen; es gehe darum, jeden Bürger nach seinen Taten zu beurteilen, versuchte das ungarische Staatsoberhaupt den Konflikt zu schlichten.

Einer der Unterzeichner des Autorenprotests, der Philosoph Attila Ara-Koväcs, im Gespräch: „In weiten Teilen der Regierung geht die Angst um, den Anschluß an Europa aufgrund der breiten Palette innerer Probleme ohnehin nicht schaffen zu können. Um sich leichter von Europa abzugrenzen, wird die Gefahr an die Wand gemalt, Europa akzeptiere Ungarn ja nur, wenn es sich wie eine Kolonie verhalte, seine Identität preisgäbe.

Und wer forciere diese Preisgabe? Die Juden."

Antisemitische Ressentiments, die augenblicklich noch verstreckt unter der Bevölkerung anzutreffen sind. Da macht sich in zahlreichen Boulevardblättern eine „historische" Beschäftigung mit angeblich jüdischen Freimaurerlogen Platz, da wird getratscht über ausgewanderte jüdische Ungarn, die nun mit einem Sack US-Dollar wieder in die alte Heimat zurückkehren und „ganze Städte" aufkaufen wollen, wie ein gewisser Joseph Schilling in Siofok. Und da tummelt sich bereits am rechten Rand der Gesellschaft die „Gemeinschaft der Heiligen Krone", die in ihrer gleichlautenden Wochenschrift mit Antisemitismus und Minderheitenhaß nicht zurücksteckt.

Ein paar Gerichtsverfahren laufen bereits gegen diese Gruppierung, während sich die Jüdische Gemeinde Ungarns vor kurzem veranlaßt sah, ihre Synagoge, die jüdische Schule, ein Museum und einen Friedhof unter Polizeischutz zu stellen. Der geschäftsführende Direktor, Gusztäv Zoltai, brachte dabei seine Besorgnis über unzählige telefonische und schriftliche Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen zum Ausdruck: „Früher hatten wir Angst vor arabischen Terroristen, heute gibt es auch andere Gründe dafür", klagte Zoltai, der aber auf konkrete Vorfälle nicht genauer eingehen wollte.

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