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Das war Bruno K,

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Auch wenn Bruno Kreisky bis Herbst SPÖ-Vorsitzender bleibt, wird sein Einfluß rasch schwinden. Solches liegt im Gesetz der Macht. Kreisky ist von vielen geschätzt, manchmal unter-, oft auch überschätzt worden. Er liebte die Macht, aber er verstand es, in Ehren von ihr Abschied zu nehmen. So schien es .. .

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Auch wenn Bruno Kreisky bis Herbst SPÖ-Vorsitzender bleibt, wird sein Einfluß rasch schwinden. Solches liegt im Gesetz der Macht. Kreisky ist von vielen geschätzt, manchmal unter-, oft auch überschätzt worden. Er liebte die Macht, aber er verstand es, in Ehren von ihr Abschied zu nehmen. So schien es .. .

War? Tönt solches Urteil nicht respektlos, da Bruno Kreisky doch bis zum Herbst-Parteitag SPÖ-Vorsitzender bleiben wird? Und dann, so mutmaßen viele, bestenfalls in den Souffleurkasten übersiedelt?

Die Wirklichkeit wird anders sein, und Kreisky weiß es. Sonst hätte er nicht in ziemlich gouvernantenhafter Weise die Regierungsverhandlungen für Nachfolger Fred Sinowatz entschlossen noch in die eigene Hand genommen: Nach Pracht und Macht die Nacht…

Man wird sich wundern, wie rasch „Konsultations“-Riinden in der Wiener Armbrustergasse oder auf Mallorca den Charakter von höflich-unverbindlichen

Kaffeekränzchen annehmen werden.

„Man muß Politiker nicht bemitleiden, auch nicht in der Niederlage“, sagt dazu einer, der es selbst auch konsequent so gehalten hat: Franz Olah. „Denn man muß diese Dinge nicht machen, wenniman nicht will.“

Kreisky wollte noch einmal alles auf eine Karte setzen. Er wollte noch einmal „Ich oder die Katastrophe“ spielen. Er wollte noch einmal den Nervenkitzel des „Gerade noch“ verkosten. Er wollte noch einmal beweisen, daß er ‘ nicht war wie Klaus, der 1970 pokerte wie er und dann verlor.

Jetzt hat Kreisky auch verloren — freilich nach dem „größten Triumph, den eine demokratische Partei in Europa jemals erringen konnte“ (Anton Pelinka): den Ausbau einer relativen Mehrheit zu immer eindeutigeren absoluten in drei Folgewahlen.

Dieser Triumph war Kreisky gelungen, weil er — eine politische Meisterleistung — die SPÖ aufnahmefähig für Zuzug von rechts wie links gemacht hat. Ohne je sein klares antikommunistisches Bekenntnis zu kompromittieren, zog er die Kommunisten ins Lager der SPÖ. Ohne je sein sozialistisches Bekenntnis zu verraten, verwandelte er Tausende „Bürgerliche“ in (oft blinde) Bewunderer, die seine Maßanzüge und Maßschuhe fälschlich als Attribute eines „Bürgerlichen“ deuteten, der „nur, weil ein Jude bei den Christlichsozialen keine Chancen hatte“, Sozialist geworden sei.

Ein verhängnisvoller Irrtum. Kreisky war und ist überzeugter Sozialist, eher an Otto Bauer als an Karl Renner orientiert, unbestreitbar sozial motiviert (sein Lebensstil ist immer bescheiden geblieben), und natürlich „schwedisch“, das heißt pragmatisch und vor allem auf Spaltung des bürgerlichen Lagers aus. Bei Verfolgung dieses Zieles ist seine Bosheit nicht nur „erquicklich“, wie sie der „Spiegel“ fand.

Die Hoffnung auf ÖVP-Spal- tung trog ihn bis heute. Trotz des in seinen guten Jahren nahezu unheimlichen Instinkts für Regungen, Wünsche, Erwartungen im Volk trog ihn zuletzt auch darüber sein Urteil: Eine Gallup-Umfrage ortete im Wahlkampf 1983 Assoziationen wie „verbraucht“, „ideenarm“ und „unglaubwürdig“ mit SPÖ.

Zum „neuen Menschenschlag“ der typischen „Kreisky-Wähler“ gehörten zuerst vor allem Jugend und Intelligenzia, wie Günther Nenning rekapitulierte. Zuletzt hatte Kreisky selbst laut ÖGB- naher Sozialwissenschaftlicher Studiengesellschaft nur noch bei Volks-, Hauptschulabgängern und Pensionisten eine Mehrheit.

Gewiß: Viele- mögen am 24. Ąpril 1983 wegen Kreisky noch einmal SPÖ gewählt haben. Aber man täusche sich nicht: Manche taten es bereits trotz ihm. Für das Neue, das in der Luft liegt, für den Wunsch der Jungen (und nicht nur dieser) nach einem neuen Lebens-, aber auch Politikstil hatte er (außer in der Friedensfrage) keine genügend lange Antenne mehr.

Deshalb ist auch nicht damit zu rechnen, daß der. zweite neue Menschenschlag, den Kreisky hervorbrachte, nämlich die Jasager in seiner Umgebung, den Meister lange überdauern wird. Noch folgen ihm die Parteigranden, viele vermutlich wider Wissen und Gewissen, nahezu kritiklos auf dem Weg in die rotblaue Koalition. Aber das könnte sich bald ändern, sobald die Schwierigkeiten wachsen. Die SPÖ aus einer Führerpartei wieder in eine Partei der leidlich Gleichen umzuwandeln, wird den Nachfolger heftig fordern.

Die SPÖ (aber beileibe nicht nur sie) hat keine Zukunftsvision mehr, die ihr vor hundert Jahren die Millionen zutrieb. „Wer die Sprache der Hoffnung spricht, ist unser Bruder“ (Ladislaus Boros). Kreisky hat sich lange Zeit auf diese Sprache verstanden — in den letzten Jahren ist das Visionäre aus seiner Politik geschwunden.

Der Atem einer nur diesseitsbezogenen Hoffnung ist kurz. „Wo Hoffnung ist, ist Religion.“ Das sagte kein Papst, sondern der Marxist Ernst Bloch.

Religion ist bei Kreisky nicht.’ Die jüdische bedeutet ihm seit langem nichts mehr. Sein Bekenntnis im FURCHE-Interview (Nr. 9), auch Agnostiker bezögen ihre moralischen Maßstäbe von den Zehn Geboten, hatte fast etwas Rührendes an sich. Aber es ist zugleich die philosophische Bankrotterklärung eines rein innerweltlichen Humanismus. Und seit Kreisky sich jüngst selbst als Atheist bezeichnet hat, sind einem Zweifel gekommen, ob das wirklich ein Versprecher war.

Um Katholikenstimmen ist es ihm sicher auch gegangen, als er, noch Koalitionsminister, am Abschluß der Konkordatsvereinbarungen mitwirkte, später Privatschulen und Katholikentag subventionierte und den Religionsunterricht in öffentlichen Schulen gegen linkslinke Revoluzzer stets verteidigte.

Dennoch darf man hinter dieser Haltung mehr als bloßen Wählerfang vermuten. Die Achtung vor dem sozialen Wert der Religion ist echt bei Kreisky. Und warum nicht auch sagen, was Richard Barta tat: daß Österreichs erster katholischer Bundespräsident der Zweiten Republik ihm zu verdanken ist? Die Fristenregelung freilich auch.

Mit Recht hat Marion Gräfin Dönhoff in der Hamburger „Zeit“ Kreisky als „Wegbereiter, Weichensteller“ und „Tabuvernichter“ gewürdigt. Und nicht nur Hanni Konitzer von der „Frank-

furter Allgemeinen“ hat ihm attestiert, daß er den Österreichern kräftige Selbstbewußtseinsinjektionen verabreicht hat.

Seit Figl und Raab, besonders auch seit Kreisky gilt Austria etwas in der Welt. „Kreisky hat viel vermittelt“, schrieb Hans Heigert in der „Süddeutschen“, aber „niemals hatte er die unbescheidene Attitüde von ,Dritte-Welt1- und ,Blockfreiheit -Ideologen. Er war immer ein Mann der Vernunft und der Praxis.“

Außer, muß man hinzufügen, in der Nahostpolitik. Da ging, so verdienstvoll sein Eintreten für die Rechte auch der arabischen Palästinenser im Prinzip war und ist, sein gestörtes Verhältnis zu seinem und der Welt Judentum mit ihm durch. Durch einseitige Maßlosigkeiten verbaute er sich selbst die Chance zu echten Mittlerdiensten, die Akzeptanz auf beiden Seiten voraussetzt.

Ein wenig hat er diese seine Schlagseite auch der Sozialistischen Internationale aufgepfropft. Freilich hat er sich dort durch ein eindeutiges, immer auch konkretes Bekenntnis zum Westen auch großes Verdienst erworben. Ob man ihn dort nicht wirklich noch stärker beschäftigen könnte?

Kreiskys Statur in der Weltpolitik ist achtbar, wie auch der jüngste Vorschlag der „New York Times“ beweist, ihn als Vermittler für eine Afghanistan-Lösung einzusetzen. Das ändert nichts daran, daß er oft auch Banales (und Falsches) zur Weltpolitik gesagt hat, was freilich in Österreich kaum jemand registriert.

Den Sinn der Österreicher für internationale Zusammenhänge, ihr Verständnis für die Notwendigkeit weltweiter Solidarität hat auch Kreisky nicht geweckt. Ihnen genügt es, jemanden gescheit über dergleichen reden zu hören. Ihm genügte es auch.

In 13 Jahren Kreiskyscher Innenpolitik hat, wie P. M. Lingens richtig anmerk .e, eigentlich vor allem sein von ihm wenig geliebter Justizminister Christian Broda Taten der Gesellschaftsreform gesetzt. Kreisky hat mehr Atmosphäre als Gesetze geändert.

Seine Wirtschaftspolitik war sozialistisch, insofern sie dirigi stisch, interventionistisch, etati- stisch, defizit- und schuldenorientiert war. Den Abstand zwischen Arm und Reich hat sie aber nicht verringert, die „neue Armut“ nicht beseitigt, Privilegien (also Ungleichheit) vergrößert, Korruption auch.

Der schwerste Vorwurf, den man gegen Kreisky erheben kann, bleibt der, daß er Wort und Sprache bewußt in den Dienst auch der Verwirrung stellte. Daß er in vielen wichtigen Fragen bestimmte Positionen und das totale Gegenteil davon innerhalb kürzester Zeit bezog, hat der politischen Kultur des Landes keinen Dienst erwiesen.

Freilich: Lustig war das häufig schon. Das spiegelte sich auch in den Medien wider. Unwahr ist freilich, daß diese zur Überbewertung Kreiskys systematisch und bewußt beigetragen hätten.

Wo immer, wann immer er sie mit echten Nachrichten verführte,

hätte es niemand verstanden, wäre Kreisky dafür kritisiert worden. Als Kritik immer dringlicher wurde (zum Beispiel auch an der Politik der ORF-Unterwerfung), haben viele Zeitungen sie massiv geleistet — zeitweise massiver als die Opposition und oft im Wider spruch zu vielen Lesern, für die das Denkmal Kreisky lange unantastbar war.

‘Nun ist auch diese Zeit vorbei. Der dienstälteste Regierungschef Europas tritt ab und das „Wiener Fagott“, wie die „Neue Zürcher“ schrieb, verstummt „im Konzert der Mittel- und Kleinstaaten Europas.“

Da Fagott ist ein Doppelzungeninstrument. Doppelzüngig blieb Kreisky auch noch in der Abgangsphase: Die Verteufelung der Christlichsozialen aus der großen Arbeitslosenzeit, ständige Rückgriffe auf 1934 bleiben propagandistische Pflichtübung, dieweilen die Hitler-Vergangenheit in allzu glatter, allzu opportunistischer und daher gewiß nicht in problembewältigender Art durch Kreisky getilgt worden ist.

„Aber auch die Kehrseite hat ihre Kehrseite“, wie ein altes japanisches Sprichwort sagt. Sein Konzept von der „Durchflutung aller Lebensbereiche mit Demokratie“ ist zwar eingeschlafen. Aber sein heutiges Koalitionskonzept hat für die Zukunft jede denkbare Regierungskonstellation in Österreich möglich gemacht und damit ein Maximum an demokratischen Alternativen geschaffen.

Uber die „private Passion des Machthabers“ schreibt Elias Canetti: „Seine Lust am Überleben wächst mit seiner Macht: seine Macht erlaubt es ihm, ihr nachzugeben. Der eigentliche Inhalt dieser Macht ist die Begierde, massenhaft Menschen zu überleben … “

Die Art, wie Bruno Kreisky am Wahlabend Abschied nahm von seiner Macht, imponierte. Tags darauf fiel es ihm schon wieder schwerer, doch sind die Weichen fix gestellt.

Was sonst von ihm bleibt, ist jene Melange aus Intelligenz, Grant und zarter Verwundbarkeit, die ihn oft so menschlich macht. Man freut sich auf das Buch, das er nun schreiben wird.

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