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Das Zeitlose im immer Wiederkehrenden

Muß das Vertraute uns langweilen, weil es vertraut ist? Ist das Bekannte bekannt? Das Gewohnte gewohnt? -Nördlich des Dorfes liegt ein Tal, an dessen Südhang ein Weg mit sanftem Gefälle hinabführt zu einem kleinen See, den er umrundet, bevor er jenseits des Tals wieder ansteigt und zwischen Gärten zurückführt ins Dorf, wo er auf dem Kirchplatz mündet zwischen dem Pfarrhaus und der alten Schule. Eine Stunde braucht's, ihn zu gehen. Kein Bauer begegnet dir dort, kein Tourist - zu steil sind die Hänge für Acker- und Weinbau, zu eng ist der Blick, zu beschwerlich das Steigen über das herabgestürzte Geröll, über Dornen hinweg, zu dicht wuchert der Ginster.

Diesen Weg bin ich oft gegangen, mit Lissi oder allein, jede Stelle ist mir bekannt, wo Walderdbeeren wachsen, Heidelbeeren und Brombeeren, ich weiß, wo der Specht sein Nest hat, wo Steinschlag droht, unterhalb einer Klippe, da der Weg sich verengt und zum Pfad wird - hier darfst du nicht rutschen, sonst reißt es dich hinab mit dem Geröll in die Tiefe. Hast du die Stelle passiert mit leichtem Schauder, folgt ein verwildertes Gärtchen. Drei Apfelbäume stehen darin, deren Zweiggewirr niemand mehr lichtet und deren Früchte niemand mehr pflückt außer mir. Es sind kleine, hutzlige Äpfel von einer Süße, die mich an die der länglich gemaserten

Franzäpfel denken läßt, die Tante Rosalie mir gab in meiner Kindheit.

Immer ist's derselbe Weg, den ich gehe, immer ist es ein andrer. Anders geht es sich morgens im Tau, anders im Nebel, anders bei Rauhreif im Winter, auf gefrorenen Pfützen, unter deren federnder Eisdecke die weißen Luftblasen stehen, anders im rinnenden Wasser des Regens und anders im Schnee. Anders singen die Vögel, anders weht der Wind im Frühjahr, im Sommer, im Herbst, andere Blumen und Sträucher blühen und verblühen mit den Monden, anders sind Schatten und Licht in der Frühe und anders am Abend, und wenn du dich vertiefst - darin liegt das Geheimnis - ins Lauschen und Sehen des jeweils Gegebenen, scheint im Alltäglichen, Flüchtigen, im toten Vogel am Weg, im kollernden Stein das Zeitlose auf. Ohne dies wäre die Welt gestaltlos wie ein Teller ohne Rand, und ohne Vogel, Käfer und Maus wäre das Ewige ohne Figur. Im Hiesigen habe ich jenes, das mir gegeben ist nur in der gestalteten Welt, die aufragt aus dem Grund, der sie geboren und darin sie versinken wird wie ich, wenn ich zurückkehre dahin, von wo ich gekommen.

Denn ein anderer, nicht bleibend, ein gewandelt sich Wandelnder bin ich selbst jedesmal und aufs neue, wenn ich diesen Weg gehe, bin ich älter geworden um Tage, um Wochen, nicht mehr so behend, so ausdauernd wie noch vor Jahren - und stumpfen Sinnes manchmal. Denn auch das widerfährt mir: daß ich schon heimgekommen bin und nicht gewußt hab', was ich gesehen, doch nicht die

Welt war entschwunden - mein Auge war blind.

Aber auch das geht vorüber mit den Wolken und macht einen Sinn: es läßt mich den Wechsel spüren und den Kontrast von Wachen und Schlafen und Wiedererwachen, Schatten und Licht, Tag und Nacht.

Voll negativer Poesie ist der alte Steinbruch im Tal, den man längst stillgelegt, sind die Hallen, die man dort errichtet und die nun verfallen, die Schüttelrutsche überm Gleisanschluß, die Waschkauen und das Bürohaus, ungehindert pfeifen die Winde durch die zerschlagenen Fenster, rostbraun und verbogen sind Eisen und Stahl, und die Steilwand des Granits, die darüber aufragt bis hoch in den Himmel, wo mächtigen Eichen der Absturz droht, hat sich begrünt mit Flechten und Moosen, und da und dort hat ein Tännling Fuß gefaßt auf einem handbreiten Sims, hat sich ins Gestein gekrallt und wird weiterwachsen, bis ein Eisbruch ihn und das Gestein in die Tiefe reißt, wo er verfaulen und Käfern Nahrung bieten wird.

Nichts habe ich dem, was ich sehe, hinzuzufügen, nichts außer dem, daß ich's wahrnehme, sei's schaudernden Herzens, sei's mit entzückten Sinnen, und zum Staunen ist's allemal: die verstreut ringsum liegenden Fedem einer Taube, die der Bussard geschlagen, derGallapfel am Zweig, dermein Gesicht streift, die Quelle am Hang -ist's hier? Ist's unterm Rondell, der Steinklippe im Dünwald, wo ich Bucheckern gesammelt als Kind? Zum

Staunen ist der Stecken, mit dem ich wandre und den ich nicht hergeben mag, so alt er auch ist. Es ist ein Haselnußstecken, kernfest und gerade, doch seltsam umwunden von einem spiraligen Wulst. Ein Lianengewächs hat ihn umrankt, als er noch lebte und wuchs, das fiel ab und verging, als man ihn schnitt, und nur die gewendelte tiefe Narbe im Holz zeugt noch von seinem würgenden Griff. Ein junger Mann, der in Raskop ein SDAJ-Ferienlager leitete, hat mir den Stock geschenkt, nach einem Gespräch am Lagerfeuer- ich hatte mich, des Weges kommend, dazugestellt -, er hieß Che Guevara, so jedenfalls ließ er sich rufen: „Che! Che Guevara!" Es war eine Freundschaftsgabe. Wir trauten einander, obwohl ich weit über dreißig und er weit darunter war, und ich habe mich gefreut.

Seither, wenn ich den Stock nutze als Waffe gegen den Widerstand von Domen und Gestrüpp, denke ich an ihn und an den veritablen Che Guevara, den er verehrte, und an die Siege und Niederlagen des Sozialismus, die die Welt erschütterten und mich scheinbar verschonen, als stünde ich im Auge eines Zyklons.

Doch wenn ich „scheinbar" sage, so meine ich's auch, und der Zyklon bleibt nicht am Ort, er umwandert die Welt und reißt nieder, was ihm beliebt, ob ich davonlaufe, ob nicht, und vor diese Wahl gestellt und nur diese, habe ich mich schon entschieden: ich meinerseits bleibe am Ort.

Fem ruft der Pirol. Er ist's oder ein anderer Vogel? Genau weiß ich's nicht, denn gesehen habe ich ihn nie.

Weiß auch nicht, wann und wo es gewesen, als ich jemanden fragte, welcher Vogel so rufe. „Das ist der Pirol", sagte man mir. Doch seither steht mir sein Name wie sein Ruf für Zauber und Glück, und dieser nie gesehene Vogel trägt mir aus Flußauen, Wäldern und Gärten Tage meiner Kindheit zu, den Klostergarten in Reifenstein, Rosenhecken an besonnten Sandsteinmauem, Juliabende im Park, da ferner Gongschlag die Kinder ins Hausurückruft, und die rülpsenden Laute des Wassers im Schilfarm der Werra, wo ich mit meinem Floß vor Anker liege.

Immer ist' s dieser unsichtbare, geheimnisvolle Vogel, der mit seinen Kadenzen den Tag vergoldet. Zitronengelb sei er, so sagte man mir, schlank und so groß (oder klein) wie eine Amsel, weshalber auch Goldamsel genannt werde, und vom Aussterben sei er bedroht, Vogelhändler stellten ihm nach - doch mir genügt sein Ruf, denn wann immer ich ihn hörte, war ich furchtlos eins mit mir und der Welt, brachte er die Welt in Ordnung, die die Menschen verstört hatten, war die Welt heil, weil er rief, war sie durchtönt von seinem Ruf wie von Glockenklang, war „Jubel" ein verwendbares Wort.

Schön wär's. Denn im Augenblick sind wir vom Frieden wieder weit entfernt.

Dennoch ruft der Pirol, fernher und verborgen, und genießt den unermeßlichen Vorzug, daß ich seinem Ruf nichts hinzuzufügen habe - und es genügt, daß ich ihn höre.

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