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Dauerkonflikt um Indochina"

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Drei Jahre und zehn Monate nach der vietnamesischen Intervention in Kambodscha und der Vertreibung jenes Völkermordregimes, das den Tod von mindestens einer Million Menschen zwischen 1975 und 1978 auf dem Gewissen hat, ist in dem Dauerkonflikt um Indochina eine auffallend aktive diplomatische Phase festzustellen.

Im New Yorker UNO-Haupt-quartier antichambrieren Prinz Norodom Sihanouk und der prowestliche Ex-Premier Son Sann, um die nachträgliche Sanktionierung des mit Hilfe fremder Truppen erzwungenen Regimewechsels in Phnom Penh durch die 37. Generalversammlung zu verhindern und dem „Demokratischen Kampuchea" Sitz und Stimme in der Weltorganisation zu erhalten.

Die beiden Exilpolitiker hatten im Juni nach mühseligen Verhandlungen unter nicht geringem Druck der ASEAN-Staaten und Chinas einer Dreierkoalition mit den Roten Khmer zugestimmt, weil ihnen, so Son Sann, „keine andere Wahl" geblieben war.

Während gleichzeitig in Peking erstmals nach fast dreijähriger Unterbrechung chinesisch-sowjetische Sondierungsgespräche auf Vizeaußenministerebene angelaufen sind, bei welchen die chinesische Seite „alle" Streitpunkte, also auch Kambodscha, behandeln will, reiste Vietnams Staatsoberhaupt und Chef ideologe Tru-ong Chinh zu politischen Gesprächen nach Moskau.

Der Zusammenhang ist auf den ersten Blick unverkennbar, galt es doch offenkundig, vietnamesische Ängste vor einer sowjetischchinesischen Detente auf Kosten der Sicherheitsinteressen Hanois zu überwinden. Daß die sowjetische Hilfsbereitschaft ihre Grenzen hat, mußte Vietnam ja schon anläßlich des chinesischen „Bestraf ungs"-Feldzugs von 1979 zur Kenntnis nehmen.

Von dem abgrundtiefen Mißtrauen zwischen Chinesen und Vietnamesen konnte sich in den vergangenen Monaten auch Österreichs Außenminister Willibald Pahr, der Vorsitzende der Internationalen Kambodscha-Konferenz, bei seinen Besuchen in Peking und Hanoi überzeugen, wo er die Kambodscha-Problematik ausführlich zur Sprache brachte. Trotz der unveränderten Kritik Hanois an der von ihm geleiteten UNO-Konferenz wurde der Minister vom vietnamesischen Regierungschef Pham Van Dong als Gesprächspartner in der Kambodscha-Frage akzeptiert und sogar darin bestärkt, seine Bemühungen um einen Dialog zwischen den Beteiligten fortzusetzen.

Was von China als „regionaler Hegemonismus" des südlichen Nachbarn verurteilt wird, heißt in Hanoi defensive Sicherheitspolitik. Solange Peking seine massive Unterstützung für die Roten Khmer nicht aufgibt und die Aufnahme von Gesprächen über einen Nichtangriffsvertrag mit Vietnam verweigert, ist an einen vollständigen vietnamesischen Truppenabzug aus Kambodscha nicht zu denken.

„Wir haben keine andere Möglichkeit, wenn wir uns nicht den Chinesen unterwerfen wollen", sagt Außenminister Nguyen Co Thach. Peking wolle sich nicht mit einem Vietnam abfinden, das stark genug ist, im Widerspruch zu chinesischen regionalpolitischen Interessen zu agieren. Wenn die auf Kambodscha und ganz Indochina lastende „Bedrohung" aufgehört habe, werde sich „innerhalb von 24 Stunden" kein einziger vietnamesischer Soldat mehr auf kambodschanischem Boden aufhalten, versichert Pham Van Dong.

Mit der „einseitigen Vorleistung" einer Reduzierung seiner im Nachbarland stationierten Truppen — die inzwischen von der thailändischen Armee in Zweifel gezogen wurde — habe Vietnam seinen guten Willen gezeigt. Einen Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen Schwierigkeiten Vietnams, das bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit gegangen ist, und dem Teilrückzug will der Ministerpräsident nicht gelten lassen.

Die Truppenverdünnung sei vielmehr ein Beweis dafür, daß die militärische Lage sich zugunsten der Regierung in Phnom Penh stabilisiert habe und man der Bildung der Widerstandskoalition keinerlei Bedeutung beimesse. Außenminister Thach nennt die Dreierallianz eine „ungeschickt und mangelhaft aufgetragene Kosmetik" für das frühere Massenmordregime.

Aber auch in ASEAN-Kreisen, die nicht der geringsten Sympathien für Hanoi verdächtigt werden können, jedoch die Lage realistisch beurteilen, macht man sich keine Illusionen hinsichtlich der Uberlebenschancen des widernatürlichen Bündnisses, das, hätte es Erfolg, unvermeidlich den Roten Khmer den Weg zur neuerlichen Machtübernahme ebnen würde.

Eine Bestimmung der Koalitionsvereinbarung verdeutlicht die Stellung der Roten Khmer in besonderem Maße: Im Fall einer Auseinandersetzung zwischen den Fraktionen, die die Handlungsunfähigkeit der Koalition herbeiführt, steht ihnen das Recht zu, wieder als alleinige Vertreter des „einzigen legitimen Staates Kampuchea, der Mitglied der Vereinten Nationen ist", aufzutreten.

Die ASEAN-Regierungen gehen zwar von einer Zurückdrängung des Einflusses der Roten Khmer und einer Stärkung der nichtkommunistischen Gruppen innerhalb der Koalition aus. Hinter vorgehaltener Hand wird aber zugegeben, daß es eigentlich nur um die Rettung des UNO-Sitzes gegangen ist.

Für Sihanouk, der das Land vor 1970 auf neutralistischem Kurs gesteuert hatte, dreht es sich dabei vor allem um eine günstige Ausgangsposition im Hinblick auf eine spätere Verhandlungslösung. Die Zukunft der Koalition hängt zwangsläufig von den längerfristigen strategischen Zielsetzungen Chinas und der ASEAN ab, die nicht miteinander übereinstimmen.

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