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Dem Weltenbrand ein Stück nähergerückt?

1945 1960 1980 2000 2020

Der israelische Donnerschiaggegen Irak, das unüberhörbare Kettenrasseln an den Grenzen von Polen, die unheilvoll knirschende Wiederingangsetzung der amerikanischen Superwaffenproduktion: Das ist die eine Seite des Bildes. A uf der anderen Seite wächst die A rmee der naiven Pazifisten, deren Idealismus sie unangreifbar und deren Irrationalismus sie gefährlich macht. Was tun?

1945 1960 1980 2000 2020

Der israelische Donnerschiaggegen Irak, das unüberhörbare Kettenrasseln an den Grenzen von Polen, die unheilvoll knirschende Wiederingangsetzung der amerikanischen Superwaffenproduktion: Das ist die eine Seite des Bildes. A uf der anderen Seite wächst die A rmee der naiven Pazifisten, deren Idealismus sie unangreifbar und deren Irrationalismus sie gefährlich macht. Was tun?

Wir sind dem großen Weltenbrand ein unbehagiiciies Stück nähergerückt: Dieses Gefühl beschleicht viele von uns in diesen Tagen. Gewiß, Gewalt und Terror, Folter, Mord sind lange schon die Wegbegleiter. Trotzdem schrecken deren Häufung, Verdichtung, Potenzierung.

Irre scheinen an den Sicherungen unserer Menschheitsbehausung zu hantieren. Wann werden wir alle Opfer eines mondialen Kurzschlusses sein?

In einer brisanten Situation kommt es darauf an, nicht die Nerven zu verlieren - aber auch nicht den Verstand. Zugunsten der Supermächte in West und Ost muß gesagt werden, daß diese sich seit 36 Jahren daran gehalten haben.

Als vor zwölf Jahren der Atomsperrvertrag von über hundert Staaten unterzeichnet wurde, versprachen auch drei der damaligen fünf Mitglieder des „Atomklubs" (USA, Sowjetunion und Großbritannien), keinem weiteren Land bei der Herstellung von Kernwaffen zu helfen.

Heute müssen wir zur Kenntnis nehmen: Im Lauf der achtziger Jahre könnte der Atomklub auf ein gutes Mitgliederdutzend anwachsen. Drei gehören schon dazu und haben den Vertrag bis heute nicht unterzeichnet: China, Frankreich und Indien.

Auch Israel gilt nach einer verbreiteten Auffassung bereits als „Atombombenland". An der Schwelle dazu stehen Pakistan, Südafrika, Brasilien, Argentinien, Südkorea, Taiwan und bis vor wenigen Tagen der Irak.

Wie es dazu kommen konnte? Weil einzelne Industriemächte, ob sie nun unterschrieben oder nicht unterschrieben haben, dabei kräftig mithalfen: Frankreich und Italien bei Irak zum Beispiel, Frankreich und Deutschland bei Brasilien. Dazu kommt der Erfahrungsaustausch unterden Bombenhungrigen: zwischen Israel und Südafrika, zwischen Irak und Brasilien, zwischen Libyen und Pakistan …

So gesehen, hat man Tür den vorbeugenden Angriff Israels auf den irakischen Kernreaktor einiges Verständnis. Und dennoch muß mit aller Schärfe ein prinzipieller Strich gegenüber solchen Verhaltensweisen gezogen werden.

Wo kommen wir hin, wenn ein einzelner Staatsmann bestimmen kann, was gut und was schlecht, sprich: was für sein Land nützlich oder schädlich ist? Schlittern wir in eine Periode allgemeiner „Vorbeugeverteidigung" durch „Defensivattacken" auf „strategische Ziele" hinein?

Früher waren strategische Ziele Eisenbahnknotenpunkte, Hafenanlagen, Flugplätze. Heute bieten sich angesichts wachsender Energieabhängigkeiten und zunehmender Wirtschaftsverflechtung Kraftwerke, Staudämme, öl-. felder an.

Erinnern wir uns: Am 17. November 1980 bewirkte ein im Raum Innsbruck sachwidrig gefällter Baum Stromaus-

fälle in weiten Teilen Österreichs und Süddeutschlands. Alle Züge standen still.

Wenn ein Holzfäller halb Mitteleuropa stromlos machen kann: Was passiert, wenn eine Bombe die Staudämme von Kaprun, Malta und Silvretta oder die Raffinerie in Schwechat trifft?

Hätte Österreich eine Chance, sich gegen einen „Erstschlag" aus der Luft zu wehren? Wenn überhaupt, dann mit Abfangjägern oder Boden-Luft-Raketen. Jene aber leistet man sich nicht (hier fiel die ÖVP zuletzt ebenso so jämmerlich um wie die SPÖ vor Jahren schon), diese traut man sich nicht einmal zu diskutieren, obwohl Finnland mit derselben Vertragsbeschränkung solche längst schon hat. Was vorhanden sein muß, ist der Wille eines Volkes, seine Lebensart und die Einrichtungen seines Gemeinwesens im alleräußersten Fall auch mit legaler Gewalt zu verteidigen.

Die Verteidigungsbereitschaft muß darauf gerichtet sein, einen Angriff unrentabel erscheinen zu lassen, Krieg also zu verhindern oder doch vom eigenen Territorium abzuhalten. Um glaubhaft zu sein, muß sie freilich die äußerste Konsequenz ernsthaft einschließen. Das ist der niemals risikofreie Spannungszustand, ohne den menschliches Leben niemals lebbar war.

Was Österreich aber ernsthaft tun könnte und als respektierter neutraler Kleinstaat auch tun müßte, wäre ein unermüdliches Drängen auf internationale Verhandlungen über einen schrittweisen Abbau der militärischen Rüstungen. Und was es gleichfalls tun könnte, wäre ein ernsthaftes Bemühen um eine Eindämmung des Waffenex-portwahnsinns.

1971 betrug der Anteil der Militärausgaben von Entwicklungsländern am gesamten Rüstungspotential der Welt noch neun Prozent - 1980 waren es, wie der Jahresbericht des Internationalen Friedensforschungsinstituts (SIPRI) in Stockholm jüngst verriet, schon 18 Prozent - eine Verdoppelung in weniger als einem Jahrzehnt.

Statt mehr für Hungerbekämpfung oder Unrechtsbeseitigung zu tun, investieren auch die Drittweltstaaten immer mehr in Waffen. Und wir liefern sie ihnen. Um den eigenen Lebensstandard zu halten („Arbeitsplatzsicherung"), handelt die Industriewelt mit dem Massentod.

Das ist krimineller Wahnsinn. Er ist vergleichbar mit dem Wahnsinn, daß die USA jetzt Milliarden Dollar in den Bau neuer Langstreckenraketen, strategischer Bomber, „nur" Menschen tötender Neutronenwaffen und bakteriologischer Bomben steckt, obwohl dasselbe Ziel - militärische Parität - durch ein einziges anderes Mittel auch herstellbar gewesen wäre und vielleicht noch immer ist: durch die Totaleinstellung aller Computerverkäufe an die Sowjetunion.

Ein solches Mittel hilft freilich nur, wenn sich nicht Deutsche und Franzosen, Japaner und Briten auf Geschäfte stürzen, auf die die USA verzichten. Das aber scheint schwerer zu sein als Milliardenausgaben für Nachrüstungen.

Die Gretchenfrage an die Aufrüster lautet daher: Warum liefert ihr den anderen Waffen, gegen die ihr dann selber* ständig noch größere Waffen bauen müßt?

Die Gretchenfrage an die naiven Friedensschwärmer aber hat Otto B. Roegele jüngst formuliert: Hätte Großbritannien auch nach dem Einmarsch-Hitlers in die Tschechoslowakei nicht aufrüsten und alle Welt von Hitlers Offensivarmeen sich überrennen lassen sollen?

An der Antwort auf diese Fragen wird man die wahren Friedensfreunde ausmachen können.

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