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Demokratie als Evolutionsprinzip

1945 1960 1980 2000 2020

Imnner mehr Evoiutionsbiologen bieten Verständnishilfe für die Überlebensprobleme der Menschheit an. Rupert Riedl sieht in Verdrängungskämpfen auf Märkten Selektionsprinzipien am Werk, die in der Erdgeschichte schon zum Untergang vieler Arten geführt haben sollen.

1945 1960 1980 2000 2020

Imnner mehr Evoiutionsbiologen bieten Verständnishilfe für die Überlebensprobleme der Menschheit an. Rupert Riedl sieht in Verdrängungskämpfen auf Märkten Selektionsprinzipien am Werk, die in der Erdgeschichte schon zum Untergang vieler Arten geführt haben sollen.

Was geschieht, wenn ein Individuum das Scheitern eines Paradigmas (einer Weltansicht) wahrnimmt und auch für diese Wahrheit eintritt? Es geschieht zweierlei: Die hochrangigen Repräsentanten des Paradigmas bilden Koalitionen (selbst gegen besseres Gewissen) und halten wie Pech und Schwefel zusammen. (Übrigens ein Verfahren der Rangverteidigung, das wir von unseren frühen Vorfahren kennen, das wirksam bleibt, selbst wenn den Alten die Zähne schon ausgefallen sind.) Der Abweich-

ler dagegen wird nicht als Entdek-ker gefeiert. Vielmehr wird er, wenn nicht überhaupt übergangen, wie jener Tischler behandelt, der seinen schlechten Tisch mit schlechtem Werkzeug entschuldigt. Denn, wird er belehrt, hättest du unser Werkzeug benutzt, kein Scheitern hätte nachgewiesen werden können.

Jegliche Innovation ist darum die Chance und mehr noch das Ri-

siko zunächst der einzelnen Kreatur (der kulturellen Mutante) und dann erst einer Minorität.

Auf der Ebene von Wirtschaft und Industrie ist das Problem von anderer Art. Hier dominiert die Verfilzung der Zugzwänge und in der Regel das Naturgesetz, daß die Großen Kleine fressen. Was aber im zwischenartlichen Räuber-Beute-Verhältnis zu einer Ausgewogenheit in der Natur führt, das führt in der innerartli-chen Auseinandersetzung (im Beschädigungskampf) zur Bedrohung der Art.

Nun ist aber das, was wir als die Freiheit der Marktwirtschaft erleben, die Auseinandersetzung aller Industrien eines Wirtschaftszweiges gegen alle, über den

(wirtschaftlichen) Beschädigungskampf noch kaum (und wo es ernst wird, nirgends) hinausgekommen. Und so fressen die Verbundgesellschaften die kleinen Stromproduzenten, die Supermärkte den kleinen „Kaufmann an der Ecke“ , die Hotelketten die „Bürgerlichen Häuser“ , die multinationalen Industrien die natio-nalenj die Olkonzerne ganze Märkte und die Drift des Kapitals die Ökonomie ganzer Länder. Die Bedingungen der Ökonomie fressen die Ökologie, und schon sind wir wieder in einer Welt, die wir nicht haben wollten, die an ihrer Heilsprognose gescheitert ist.

Industriekapitäne, in Bedacht dieser Sache befragt, geben zu bedenken, daß sie gerade diese Gegebenheiten zwingen, zum Uberleben der ihnen anvertrauten Stätten einen selbstmörderischen Kurs zu steuern. Diese treffende Formulierung verdanke ich einem ihrer Vertreter (Chemie Linz AG; ich darf seine Anonymität wahren). Nun ist derlei nicht von ungefähr. Denn Uber leben bedeutet ja hier gleichzeitig das Uberleben von Tausenden Familien, deren Vätern wir das Recht auf Arbeit (auf Wertschöpfung) zugesichert, deren Mitgliedern wir eine Verbesserung der Milieu- und Bildungschancen versprochen haben. Also müssen Dinge produziert werden, die niemand braucht (bis der Markt entsprechend bereitet ist) oder die sogar schaden, deren Wertlosigkeit und Schadensstiftung wir selbst noch in hoffnungsloser Wirtschaftslage (oder gerade dann) subventionieren müssen. Am Ende werden alle für jenen Schaden ah die Kasse gebeten werden, den selbst anzurichten sie verpflichtet werden …

Ist die fortgesetzte demokratische Auseinandersetzung schlechthin nicht selbst fortgesetzte Kontrolle der schlechteren durch die bessere Prognose; eine gesellschaftliche Fortsetzung jenes allein erfolgreichen Evolutionsprinzips? Wiederum: Im Prinzip ja. Daher kann sie im Prinzip wohl auch nur dort scheitern, wo sie sich von der Unmittelbarkeit ihres Prinzips (in Richtung auf zuwenig Demokratie) entfernt. Das aber geschieht ihr auch fortgesetzt und mit unterschiedlichen Auswirkungen.

In den westlichen Demokratien ist zum Beispiel die Wechselbeziehung von Verfassung, Rechts-

„Übersteigen unserer Anpassungsmängel - ein kleiner, möglicher Schritt“

gütern und Volkswillen ein Ort möglicher Pervertierung. Und zwar in dem Sinne, daß in der repräsentativen Demokratie das Volk… die politischen Sachentscheidungen ganz dem Parlament zu überlassen hat. Was nun zum Wohle von Ordnung und Kontinuität geschaffen wurde, kann jedoch zu einer (nach Legislaturperioden) wechselhaften Diktatur bürokratischer Oligarchien pervertiert werden… Die Lösung von Problemen solcher Art heißt gewöhnlich: „mehr Demokratie“ . Das aber ist ebenso richtig wie schwierig und somit zuletzt eine Frage der Reife und Bildung.

Ein anderer Problemkreis, in dem sich das Scheitern demokratischer Einrichtung im Unwillen des Volkes ausdrücken kann, gehört in das Kapitel ihrer „vornehmen Pflichten“ … Ein bekannter Fall ist der Schutz der Minderheiten und ihrer Interessen… Nun sei aber zuletzt ein dritter Pro-blemkreis nicht unterschlagen, in dem sich (gefährlicherweise) das Scheitern an der Prognose nicht sogleich im Unwillen des Volkes auffällig machen muß. Er liegt im Grenzgebiet zwischen politischer und sachlicher Entscheidung. Es sind typisch systemtheoretische Fragen, für die wir eben schlecht gerüstet sind und darum meinen, die Lösung sei nur aus einer erfahrungsjenseitigen (ideologischen) Weltordnung deduzierbar. Beispiel: die Umverteilung. Wer von uns weiß, wieviel den Erfolgreichen genommen werden soll, ohne damit auch den Erfolglosen zu schaden? Oder: Um wieviel schlechter können die Begabten gebildet werden?

Wem dies als akademische Querele erscheinen mag, den darf ich daran erinnern, daß wir noch ganz andere Systemzusammenhänge solcher Art nicht begreifen; was wir ja vorläufig mit unseren Ausstattungsmängeln und unbedachter Extrapolation entschuldigen wollen. Die Frage beispielsweise, ob die Gesellschaft auf Kosten des Individuums oder das Individuum auf Kosten der Gesellschaft gefördert werden soll. Tatsächlich steht diese Frage hinter den uns heute gefährdenden Ideologien. Und selbst unsere mittleren „sozial-kapitalistischen“ Erfolgsgesellschaften sind sich nicht im klaren darüber, in welchem Maß es sachgerecht ist, dem einzelnen Opfer abzuverlangen und wieviel Macht (Einfluß oder Kapital) dagegen demselben einzelnen zustünde.

Das Gerede von alle für einen und einer für alle“ hat uns nur den Faschismus gebracht. In Wahrheit verstehen wir die Sache noch nicht. Da aber enden die akademischen Querelen. Vielmehr mag ein Ubersteigen unserer Anpassungsmängel durch das Wahrnehmen des Scheiterns an unseren Prognosen, wo immer es unsere Lebensfragen betrifft, eben zu einer Frage unseres Uberlebens werden (wiewohl für die Evolution nur ein kleiner, möglicher Schritt).

Gekürzt aus: „Kultur - Spätzündung der Evolution?“ von Rupert Riedl. Piper Verlag, München 1987. 360 Seiten, Ln., öS 343,20.

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