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Demokratisierung der Heiligkeit

Die Aufgabe der christlichen Religion ist es, Macht zu etwas nicht zu Fürchtendem zu machen. Die Macht ist nicht so mächtig wie sie zu sein scheint.

Die Versuchung des Menschen liegt darin, Gott nur als den Mächtigen, den Allmächtigen zu sehen. In Wirklichkeit läßt sich Gott von den Kreaturen besiegen. Denn bei Gott ist der Machterweis keineswegs eine unzweideutige Manifestation seiner Göttlichkeit.

Was Gott am höchsten schätzt, das ist die Freiheit. Gott riskiert dadurch, daß er dem Menschen

die Freiheit gewährt, daß das, was er vorhat, nicht gelingt, zumindest nicht direkt. Gott erreicht seine Ziele oft über einen Umweg und über Niederlagen.

Gott schafft die Welt und den Menschen, ist zufrieden und erlebt, nachdem er sich zu diesem Erweis seiner Macht und Göttlichkeit gratuliert hat, daß das, was er damit vorhatte, nicht gelingt. Denn es kommt zur Ursün-de, zum ersten Brudermord, zum Anwachsen des Mißbrauchs aller Kräfte, die den Menschen gegeben sind, um das Gute mächtig zu machen, zu verwirklichen. Der Mensch will aus eigener Kraft das erreichen, was er nur als Geschenk Gottes anstreben darf und soll.

Der Höhepunkt der göttlichen Intervention ist, daß er seinen Sohn schickt, um die Welt von der Herrschaft des Satans, von der Herrschaft der Sünde, vor allem aber von aller irdischen Ungerechtigkeit zu befreien. Mit dem Resultat, daß der, der die Welt rettet, von den Menschen abgelehnt wird.

Wenn dem so ist, dann gehört es zu den Illusionen von Christen, wenn sie meinen, durch ein konzentriertes Anhäufen von Machteinsatz für gute Ziele, das besser zu machen, was bis dato nicht einmal Gott gelungen ist.

Der Mensch soll nicht meinen, tüchtiger zu sein als Gott, dem es bisher noch nicht gelungen ist, die Zehn Gebote durchzusetzen.

Wenn wir aber an Gott glauben — was sehr schwierig ist —, dann müssen wir auch seine Worte ernst nehmen, daß er nämlich die Macht entmythologisiert hat. Er hat uns gezeigt, daß jede Macht nur eine Scheinmacht ist und daß der Ohnmächtige in Wirklichkeit über eine Art übernatürlicher Macht verfügt, an die er zunächst

nur glauben muß.

Aber diese Macht führt über eine scheinbare oder wirkliche Niederlage wieder zum Sieg Gottes, der Auferstehung Christi, zum neuen Menschen, der darin zum Ausdruck kommt.

Früher haben wir Christen gemeint, wir brauchten den Staat, den „Arm des Fleisches“, wie die Bibel das nennt, einen christlichen Herrscher, der auf dem Weg über staatliche Gesetze der Moral zum Durchbruch verhilft. Zum Teil sind wir bis heute über diese Versuchung noch nicht hinweggekommen, zum Teil glauben wir immer noch, auf gesetzlichem Weg die schrecklichen Mißbräuche von Macht und die unsittlichen Tendenzen, die es in der Welt gibt, besiegen zu können.

Wenn wir allerdings Christus ernst nehmen, dann wird uns nichts anderes übrigbleiben, als daß diejenigen, die zu erkennen glauben, was schlecht und absolut untolerierbar ist, bereit sind, für die Abschaffung dessen, was abzuschaffen ist, nicht nur zu demonstrieren, sondern im äußersten Fall dafür auch zu sterben.

Zum Beispiel darf der Christ nicht sagen, weil es immer Sklaverei und Krieg gegeben hat, sind diese nicht abschaffbar. Vielmehr müssen Christen das probieren, was absolut verrückt zu sein scheint, nämlich die Macht der Ohnmächtigen auszuprobieren. Mahatma Gandhi ist dies zum Beispiel im Bereich der Politik gelungen.

Mit dem Heroismus, mit dem man früher in die Kriege gezogen ist, müssen wir für das Gute kämpfen. Es ist eigentlich merkwürdig, daß auch heute so wenig Menschen bereit sind, für eine gute Sache zu sterben.

Das Groteske an unserer heutigen Situation ist die Tatsache, daß nur die Ubermacht an Vernichtungsmitteln den Krieg verhindert, nicht die Demonstrationen braver Leute und auch nicht die Hirtenbriefe der verschiedenen Bischofskonferenzen.

Woher kommt nun die ganze Verirrung des Menschen? Vom Teufel. Er hat schon den ersten Menschen Appetit auf unendliche Macht gemacht. Der Mensch hat Gott als den unendlich Mächtigen gesehen, der den Menschen behindert, ihn klein beläßt. Daher wollte der Mensch auf Teufels Ratschlag selber Gott werden.

Das ist uns auch fast gelungen. Wir sind fast allmächtig. Vor allem, wenn die Macht ein Erweis von physischer Fähigkeit ist, zu

vernichten, dann ist die Macht des Menschen übermächtig.

Dieser Machtzuwachs ist an sich nicht schlecht, im Gegenteil: er ist eine ungeheure Herausforderung an uns, die Macht, die Technik einzusetzen für das Gute. Warum soll das, was so effizient für das Böse eingesetzt wird, nicht auch einmal für das Gute eingesetzt werden?

Tatsächlich verfügen wir über die Machtmittel, die technischen Möglichkeiten, gewisse Schrek-ken für die menschliche Existenz aus der Welt zu schaffen, wie den Hunger und gewisse Krankheiten. Warum können wir nicht durch einen gezielten Einsatz unserer Macht für das Gute manches ändern?

Wir sind dazu verpflichtet, es zumindest zu versuchen. Scheitern wir, dann können wir ähnlich wie in der Heilsgeschichte sagen, daß unser Opfer über einen indirekten Weg zum Ziel führt.

Wir dürfen nicht übersehen, daß unser Opfer über einen idi-rekten Weg zum Ziel führt.

Wir dürfen nicht übersehen, daß uns Gott eine Geheimwaffe gegeben hat: die Liebe. Zweifellos trifft das Wort „der Allmächtige“ auf Gott auch zu. Aber die einzige positive Wesensbestimmung Gottes ist die Liebe. Wenn wir die Liebe verwenden, so werden aus den Schwachen, die wir sind, geheimnisvoll Starke.

Dieser Umstand steht letztlich hinter den paar Erfolgen, die wir im internationalen Leben bisher erlebt haben. Die Solidarität der Schwachen hat den Segen Gottes. Der Apostel Paulus sagt: Wenn ich schwach bin, bin ich stark.

Wenn ich weiß, wie schwach ich bin, und wenn ich mir die Kraft, das Nötige zu tun, dort hole, wo sie zu haben ist, nämlich bei Gott, der die Liebe ist, dann muß ich die Liebe zu einem wirksamen Instrument meiner gesamten Aktivität im Privatleben, im sozialen, wirtschaftlichen, politischen und internationalen Leben entwik-keln.

Wer sagt, daß das nicht geht? Probieren muß man es. Den Heiligen ist es gelungen. Die Demokratisierung der Heiligkeit müßte möglich sein.

Aus einem Gespräch mit dem Präsidenten der österreichischen Caritas, das Tino Teller führte.

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