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Den Glaubenden ein fester Boden

1945 1960 1980 2000 2020

„Stehen wir vor einer glaubensgeschichtlichen Wende?“ Trotz alarmierender Krisensymptome sieht Eugen Biser hoffnungsvolle Zeichen einer Rückbesinnung auf die Person Jesu.

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„Stehen wir vor einer glaubensgeschichtlichen Wende?“ Trotz alarmierender Krisensymptome sieht Eugen Biser hoffnungsvolle Zeichen einer Rückbesinnung auf die Person Jesu.

Trotz der spektakulären Zustimmung, die den Papstreisen in der Regel, selbst in den zunächst eher skeptisch eingestellten Ländern, zuteil wird, nimmt die Entfremdung von der institutionalisierten Kirche unverändert ihren Fortgang: die Begeisterungsstürme bei der Ankunft und den Ansprachen des Papstes bestätigen das persönliche Charisma des Besuchers und das religiöse Bedürfnis der ihm zujubelnden Menschen; doch kommen sie dem letzten Zweck dieser Reise nur bedingt zugute. Der Slogan „Jesus ja, Kirche nein“ sagt alles oder doch - fast alles ...

Eine Umschichtung im Glaubensbewußtsein! Es ist, als habe sich der Blickpunkt des Glaubensinteresses von dem Artikel „Kirche“ auf das christologische Zentralgeheimnis des Glaubens verlagert. Darin besteht das positive Element im Verlust der Kirchennähe vieler sich nach wie vor zum Christentum Bekennender, so sehr dieser Verlust als Krisen-und Alarmzeichen erster Ordnung zu werten ist. Was dennoch zu einer optimistischen Einschätzung des Vorgangs berechtigt, sind insbesondere zwei Faktoren. Einmal die Tatsache, daß sich das Interesse auf das Glaubenszentrum verlagerte, so daß der Prozeß alle Anzeichen einer Konzentration auf das Wesentliche aufweist. Wenn man sich an das Pauluswort von dem „Grund, außer dem kein anderer gelegt werden kann“ (1 Kor 3,11), erinnert, wird man sogar sagen können, daß der Glaube heute wie kaum einmal zuvor einen Akt der Besinnung auf seinen ureigenen Grund und damit der Einkehr bei sich selbst vollzieht. Nicht minder wichtig ist der zweite Faktor: die breite Fächerung der Teilnehmer an dem mit Beginn der siebziger Jahre in Gang gekommenen christologi-schen Disput...

Doch liegt das alles nicht schon viel zu weit zurück, um für die religiöse Frage der Gegenwart noch beweiskräftig zu sein? Wurde nicht schon gegen Ende des letzten Jahrzehnts die Forderung laut, das Jesusthema von der Tagesordnung abzusetzen?...

Der Disput um Jesus ist tatsächlich ins Stocken geraten, zumindest leiser geworden. Ganz unterschiedliche Gründe haben dazu beigetragen, nicht zuletzt die tragische Konkurrenz, in die sich die Jesus-Revolution mit der Studentenrevolte gestellt sah. Daß sich darin auch die grundlos vom Zaun gebrochene Unfehlbarkeitsdebatte auswirkte, die das Glaubensgespräch auf den Stand der Jahrhundertwende zurückzuwerfen drohte, steht außer Zweifel. Der ungleich wichtigere Grund bestand jedoch in der „Zweigleisigkeit“, mit der die

Theologie auf die Neuentdeckung Jesus reagierte...

Wie nicht anders zu erwarten war, reagierte sie zunächst im Rückgriff auf das traditionelle Christusdogma mit einem Konzept, für das sich die Bezeichnung „Christologie von oben“ einbürgerte. Dabei suchte sie dem Trend der Neuentwicklung durch eine vergleichsweise stärkere, auf Ergebnisse der kritischen Bibelexegese gestützte Betonung der Menschlichkeit Jesu gerecht zu werden, wie ihr bereits der späte Romano Guardini mit seiner Schrift „Die menschliche Wirklichkeit des Herrn“ (von. 1958) das Wort geredet hatte.

Mit dem, was die amerikanische Jesus-Bewegung entdeckt und was David Ben-Chorin, übereinstimmend mit Milan Machovec und Edward Schillebeeckx, in seinem programmatischen „Bruder Jesus“ reflektiert hatte, wußte sich freilich die beim sozialkritischen Verhalten Jesu ansetzende „Christologie von unten“ weit mehr im Einklang. Tatsächlich entwarf sie ein ungewöhnliches, von betont modernen Fragestellungen beleuchtetes Bild von Jesus, das eine erstaunliche Gegenwartsnähe aufwies, die Höhe des kirchlichen Christusdogmas jedoch nicht ganz zu erreichen vermochte, so daß der Konflikt mit den Vertretern der Tradition fast unvermeidlich war. Im Grunde machte die Auseinandersetzung aber deutlich, daß sich die beiden Modelle nicht zur Deckung bringen und zu einer umfassenden Gesamtsicht vereinbaren ließen...

Ist angesichts der Tatsache, daß sich die beiden Jesusbilder schon vom Ansatz her widerstreiten, überhaupt so etwas wie eine „mittlere Lösung“ denkbar?

Wenn man bei diesem Ausdruck an so etwas wie einen Mittelweg denkt, sicher nicht! Denn Aporien lassen sich nicht durch Kompromißformeln beseitigen. Wohl aber liegt es in ihrer Natur, den auf sie angesetzten Gedanken auf radikalere Positionen zurückzu-zwingen. Derartige Positionen kamen bei der Neuentdeckung Jesu wiederholt, wenngleich mitunter in solch befremdlicher Form in Sicht, daß sie als Hinweis auf eine Lösung gar nicht erst erkannt wurden. Denn wer hätte sich etwa durch die das religiöse „Normalempfinden“ schockierende Tatsache, daß Jesus im Kreis der „Jesus people“ wie eine „Droge“ behandelt und gelegentlich sogar bezeichnet wurde, an das johan-neische Schlüsselwort „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6,35.48) erinnert gefühlt, obwohl mit ihm doch, bei Licht betrachtet, dasselbe, nur ungleich gültiger, gesagt war?

Weniger mißverständlich, dafür um so sachbezogener wirkt demgegenüber der Hinweis, den Machovec in seinem Jesusbuch „für Atheisten“ gibt. Er stellt sich dabei, bezeichnend für die emotionale Annäherung des heutigen Menschen an Jesus, die Frage, worin denn die von ihm ausgehende Faszination bestand und wodurch er es vermochte, „die Welt in Brand zu setzen“. Seine Antwort darauf: nicht durch die Überlegenheit eines theoretischen Programms, sondern aufgrund der einzigartigen Ubereinstimmung von Person und Werk, also aufgrund der allein auf Jesus zutreffenden Feststellung, daß er mit der von ihm vertretenen Sache identisch war. Denn damit ruft Machovec die Erinnerung an die wenig beachtete Identitäts-christologie wach, die sich bis in die Väterzeit zurückverfolgen läßt, ihren entschiedensten Vertreter jedoch in Sören Kierkegaard gefunden hat.

Für diesen erklärten Existenzdenker, der nicht nur das Menschsein auf seine innersten Bruchstellen hin abklopfte, sondern in seinem Denken auch die Summe aus der eigenen Lebensgeschichte zog, erklärt sich das Geheimnis Jesu zentral aus seiner einzigartigen Verknüpfung von Person und Werk...

Das verdeutlicht Kierkegaard mit dem Schlüsselsatz seiner religionsphilosophischen Hauptschrift, der „Einübung im Christentum“ (von 1850), mit dem er die Selbstaussage des johannei-schen Jesus unübertrefflich aktualisiert und zugleich das Konzept seiner ebenso alten wie neuen Christologie umreißt: „Der Helfer ist die Hilfe!“ Weil diese weder „von oben“ noch „von unten“ kommt, sondern im Akt der - auf die Behebung der menschlichen Existenznot abzielenden — Selbstübereignung Jesu ansetzt, läßt sie sich am zutreffendsten mit dem Titel „Christologie von innen“ kennzeichnen...

Noch bleibt, so seltsam es klingt, die Frage nach dem Recht der Glaubenswende, an deren Tatsächlichkeit nun nicht mehr zu zweifeln ist. Sie ist gleichbedeutend mit der schon von den Paulusbriefen aufgeworfenen Frage, die alles religiöse Leben am Kriterium des Fortschritts und Wachstums im Glauben bemißt.

Nun hat der Fortschritt bekanntlich viele Gesichter. In religiöser Hinsicht kann er sich ebensogut auf die Lösung offener Fragen wie auf die Gewinnung von größerer Festigkeit und Kompetenz beziehen. Unter beiden Gesichtspunkten ist er im Fall der Glaubenswende gegeben. Er führt nicht nur aus dem Dilemma der gegensinnigen Jesusbilder heraus, in dem die Gegenwartstheologie steckenblieb, sondern zwingt die Sache des Glaubens zurück auf jenen Grund, „außer dem kein anderer gelegt werden kann“, und gibt deshalb auch dem Glaubenden in seiner vielfachen Angefochtenheit das Gefühl, auf unerschütterlich festem Boden zu stehen.

Deshalb bildet die Glaubenswende nicht etwa, wie es ängstlichen, vor jeder Bewegung zurückschreckenden Gemütern vorkommen könnte, ein Element neuer Verunsicherung, sondern einen nicht hoch genug einzuschätzenden Faktor der Klärung und Stabilisierung. Sie bringt das schlingernde Boot, in welchem alle, ob kirchennah oder distanziert, sitzen, wieder auf Kurs. Und das ist doch wohl das Hilf- und Segenreichste, was im Augenblick überhaupt geschehen kann.

Der Autor war 1974 bis 1986 Ordinarius für christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie an der Universität München. Eufen Biser sprach zu diesem Thema in einem von der FURCHE mitveranstalteten) Vortrag am 19. Oktober 1987 in der Universität Wien.

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