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Den Menschen als Maß für Wirtschaft nehmen

1945 1960 1980 2000 2020

„Sinn finden in Beruf und Freizeit”, war nicht etwa der Titel einer Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes, sondern das Thema einer Enquete, die die Vereinigung österreichischer Industrieller in der Vorwoche in Wien abgehalten hat. Diese Veranstaltung stellt einen hoffnungsvollen Neuansatz im Selbstverständnis der Wirtschaft dar.

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„Sinn finden in Beruf und Freizeit”, war nicht etwa der Titel einer Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes, sondern das Thema einer Enquete, die die Vereinigung österreichischer Industrieller in der Vorwoche in Wien abgehalten hat. Diese Veranstaltung stellt einen hoffnungsvollen Neuansatz im Selbstverständnis der Wirtschaft dar.

Man muß nicht gerade die Konsumentenschutz-Sendung des ORF „Help” aufdrehen oder die Zeitschrift des österreichischen Gewerkschaftsbundes zur Hand nehmen, um mit kritischen Feststellungen über Wirtschaft und Industrie konfrontiert zu werden. Nein, es ist heute offenkundig, daß breitere Kreise der Bevölkerung eine skeptischere Haltung gegenüber der Wirtschaft einnehmen.

Bis in die sechziger Jahre bildeten die Konflikte, über Entlohnung und soziale Vergünstigungen den Schwerpunkt der Auseinandersetzungen über die Art des Wirtschaftens. Uber die Grundausrichtung bestand Konsens: Mehr zu produzieren als wesentlichste Aufgabe wirtschaftlicher Tätigkeit stand für alle Beteiligten außer Zweifel. Grundlegende Sinnfragen wurden gar nicht gestellt. Es ging um die Verteilung eines möglichst großen Kuchens.

Mittlerweile hat sich die Situation entscheidend gewandelt. Nicht nur radikale, linke Gesellschaftsreformer stellen die Grundausrichtung der Wirtschaft in Frage. Eine im Wohlstand herangewachsene Generation, die Zeiten der materiellen Not nicht mehr bewußt erlebt hat, stellt ebenso die Frage nach dem Sinn ewig fortgesetztem wirtschaftlichen Wachstum wie dies Umweltschützer und Kritiker des primitiven Fortschrittsglaubens tun.

Es hat sich daher in den vergangenen Jahren eine Wirtschaftsverdrossenheit breitgemacht. Das Image des Managers ist langsam verblaßt, die Tendenz, alle heute auftretenden Probleme der Wirtschaft in die Schuhe zu schieben ist gestiegen. Die bisher übliche Reaktion der Angegriffenen bestand vor allem darin, zu verniedlichen, die Kritiker zu belächeln oder für unzuständig zu erklären. Aber der Slogan „Wirtschaft, Umsatz, Erfolg über alles” blieb für Wirtschaftsapostel letztlich unangefochten.

Wie anders nehmen sich da heute die Aussagen des geschäftsführenden Generalsekretärs der Industriellenvereinigung, Prof. Herbert Krejci, aus. Schon der Titel seines Vortrags „Wirtschaft ist nicht alles” weist auf eine veränderte Sicht hin: Der Mensch ist das Maß der Wirtschaft, so wird die politische Linie der Industrie für die achtziger Jahre gekennzeichnet.

Krejci zitiert auch Egon Friedeil: „Es gibt keine Erlösung auf ökonomische Weise”. Es fehlt auch nicht an Hinweisen, daß man sich der Grenzen der Macht- und Planbafkeit bewußt ist.

Stellt man aber den Menschen ins Zentrum der Überlegungen für die Zukunft, werden Fragen nach dem Menschenbild, Fragen nach dem Sinn des menschlichen Lebens aktuell.

In einem brillanten Vortrag wies der international anerkannte Wiener Psychiater Prof. Viktor Frankl daraufhin, daß die Entfaltung der menschlichen

„Der Mensch ist das Maß def Wirtschaft, so wird die politische Linie der Industrie für die achtziger Jahre gekennzeichnet.”

Persönlichkeit nur im Rahmen einer sinnerfüllten Lebensgestaltung möglich sei.

Spezifischer mit der Frage der Sinnfindung in Beruf und Freizeit setzte sich in einem zweiten Referat der deutsche Soziologe, Psychologe und Frankl-Schüler Walter Böckmann auseinander. Aufgrund seiner Ausführungen wurde zweierlei bewußt: Einerseits, wie überaus notwendig und hoffnungsver-sprechend dieser Versuch einer Besinnung auf die wesentlichen Fragen doch ist. Andererseits wurde aber deutlich, wie weit entfernt die heutige Alltagsrealität noch von diesen Zielvorstellungen ist.

Gerade diese weite Kluft zwischen Anspruch und gegenwärtiger Realisierung läßt ja nur allzu leicht die Vermutung aufkommen: „Ja ja, die Industrie geht eben auch mit der Zeit und steckt sich - weil's heute „in” ist - die Modefeder „Sinn” an den kapitalistischen Hut!”

Eine solche Reaktion mag sich zwar darauf berufen, die Dinge eben realistisch zu sehen. Sie verfällt aber in den heute so oft gemachten Fehler, nur in Kategorien von erstarrten Fronten denken zu können. Sollte hier nicht ein beachtenswertes Beispiel vorliegen, daß sich einmal jemand Kritik wirklich zu Herzen genommen • haben könnte? Schließlich sollte Ja Kritik letztlich zu Veränderungen führen.

Jedenfalls: Hier liegen Ansatzpunkte für eine äußerst sinnvolle Neuorientierung vor: Wirtschaft nicht mehr als Selbstzweck, sondern als Dienst am Menschen sowie als Raum für persönliche Entfaltung.

Der Mensch als Maß der Wirtschaft ist ein gesellschaftsveränderndes Programm unerhörten Ausmaßes. Hier läge eine ungeahnte Offensivkraft. Ernsthaft verfolgt würde dieses Programm die Wirtschaft aus der Rolle des hinter der Entwicklung nachhinkenden „Reaktionären” zu einer offensiven Kraft positiver Gesellschaftsveränderung wandeln. Hier böte sich eine echte Alternative zur derzeit praktizierten Gesellschaftspolitik der Linken, die auf staatliche Zwangsbeglückung eines immer unmündiger werdenden Konsumbürgers hinausläuft.

Wer ja sagt zur sinnerfüllten Arbeit im Unternehmen, wird entdecken, daß er ein enormes Potential an Leistungsbereitschaft bei seihen Mitarbeitern mobilisieren kann. Denn wirkliche Leistung wird, wie Böckmann ausführte, nicht durch raffinierte Methoden aus dem einzelnen herausgepreßt. Sie stellt sich dort ein, wo der Mitarbeiter freiwillig, aus sich heraus, seine Kräfte für eine als sinnvoll erkannte Aufgabe einsetzt. Daher muß auch der, der Leistung in der Arbeit fordert, Sinn in der Arbeit geben.

Aus dieser Sicht der Dinge gilt es auch ein neues Verständnis vom Stellenwert der Arbeit zu entwickeln. Derzeit sehen wir sie allzu einseitig nur als Last und Plage an - was bei der gegenwärtigen Organisation sehr vieler Arbeitsvorgänge auch nur allzu verständlich ist. Wird aber der Mensch zum Maß der Wirtschaft, dann wird sich langfristig vieles ändern: sowohl die technische Entwicklung als auch die Art, wie in den Betrieben die Arbeit organisiert wird.

Es gibt schon jetzt Modelle, wie erfülltes Leben am Arbeitsplatz gestaltet werden könnte. Es gilt andere zu entwickeln.

Wenn ein in der Diskussion zitierter VW-Personalchef feststellt, daß die achtziger Jahre mehr vom Faktor Mensch als von der Technik geprägt sein werden, zeigt dies, daß selbst in von der Technik stark geprägten Großkonzernen diese grundlegende Einsicht Platz greift. Gerade die Bezeichnung „Faktor Mensch” weist uns aber auch auf die ganz große Gefahr hin, die in der Einsicht gelegen ist, daß Sinnfragen auch wirtschaftlich bedeutsam sind.

Sollte Sinn nämlich nur zu einem neu entdeckten und bisher noch nicht ausreichend genützten Produktionsfaktor reduziert werden, wäre damit eine neue, unsagbar brutale Form der Ausbeutung des Menschen erschlossen worden.

Auch in der von Dr. Gert Stern berger von Shell-Austria ausgezeichnet moderierten und sehr interessanten Diskussion im Arbeitskreis über „Rahmenbedingungen für ein sinnerfülltes Berufsleben” wurde dies aus einigen Wortmeldungen deutlich: Bis zur wirklichen Identifikation mit den Mitarbeitern um ihrer selbst willen wird in weiten Kreisen der Wirtschaft noch ein langer Meinungsbildungsprozeß zurückzulegen sein.

Damit ist zwar auf die ernste Gefahr hingewiesen. Gefahren sollen aber niemals zum Vorwand genommen werden, ein erstrebenswertes Ziel nicht anzupeilen. In diesem Sinn ist dem Anliegen der Vereinigung österreichischer Industrieller ein voller Erfolg zu wünschen. Gelingt es, den Menschen zum Maß der Wirtschaft zu machen, der Arbeit wirklich Sinn zu geben, können die achtziger Jahre eine entscheidende Wende zum Besseren bringen. Christliche Unternehmer und Verfechter der katholischen Soziallehre könnten hiebei Pionierdienste leisten. Nach Vorbildern wird gesucht!

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