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Deponie: Aufbewahren für alle Zeiten?

Qsterreich führt europaweit V*/bei der Erstellung von Normen für die Abfallwirtschaft. Die einschlägigen ÖNORMEN umfassen neben Benennungen und Definitionen einen Abfallkatalog und Einzelvorschriften über Behandlung, Sammlung, Verwertung von Abfall und Müll sowie über Benennung, Überwachung und Transport von Sonderabfall. Diese verwirrend vielen Einteilungen sollen — verkürzt gesagt — sicherstellen, daß verschieden lästiger Mist auch verschieden aufwendig entsorgt werden kann.

Heute wird unter Entsorgung vielfach nur die geordnete Deponie verstanden. Das ist gegenüber den wilden sechziger Jahren zwar ein kleiner Fortschritt. Damals kannte man nur die „ungeordnete Deponie“, gefährliche „Gstätten“, die heute vornehm als „Altlasten“ bezeichnet werden. Mittlerweile haben Bemühungen um Energie-und Stoffrecycling eingesetzt. Dennoch heißt auch bei guter Wiederverwertung die letzte Station jeder Entsorgung Deponie.

Die einschlägige ÖNORM S 2005 definiert die Deponie als „Anlage zum endgültigen Ablagern von Abfall unter Berücksichtigung hygienischer, hydrogeologischer, bodenmechanischer und ökologischer Gesichtspunkte zur weitestgehenden Vermeidung von Umweltbeeinträchtigungen“.

Diese Grunddefinition wird sinngemäß auf Müll-, Sonderabfall- und Monodeponien angewendet. Monodeponien dienen zum Ablagern einer genau definierten Stoffgruppe des Sonderabfalls. Die Norm weist ausdrücklich darauf hin, daß für die Übernahme von Müll und Sondermüll eine entsprechende behördliche Genehmigung vorausgesetzt wird.

Eine Besonderheit der ÖNORM liegt in dem Konzept von fünf je nach Gesteinstyp unterschiedlich gut geeigneten Standortklassen für Deponien.

Zur Abdichtung der Deponie sind ebenfalls mehrere Klassen vorgesehen. Als Abdichtungsmaterial kommen zur Zeit ein- und mehrschichtige natürlich dichtende Werkstoffe, Folien aus Kunststoff, Bitumen, Bitumenbeton oder ähnliche Werkstoffe in Frage. Bei der Wahl des Materials ist vorher zu untersuchen, ob es beständig gegen das zu erwartende Sickerwasser und gegen aggressive Stoffe ist.

Soweit wie möglich sind die Abdichtungsstoffe vor Einbau, bei Inbetriebnahme, im laufenden Betrieb und selbst in Jahrzehnten nach Abschluß der Deponie zu kontrollieren. Im meß-technischen Sinne gibt es keine absolut dichte Deponie, weder mit natürlichen noch mit technischen Werkstoffen.

Die „Dichtheit“ ist somit relativ, sie kann nur danach beurteilt werden, welche Stoffe mit welcher Geschwindigkeit durch die „Sperrschicht“ hindurchwandern (Permeation).

Hier zeichnen sich Kunststoffe, allen voran das Polyethylen, besonders aus., Ihre manchmal gelästerte Unverrott-barkeit, chemische Unangreifbarkeit und „Zerbrechlichkeit“ werden hier zum Vorteil.

Dichtungsbahnen aus Kunststoff werden regelmäßig auf ihre mechanischen Eigenschaften wie mehrachsige Festigkeit, Weiterreißwi-derstand, Durchdringung, Warmlagerung und Kälte-falzung, auf ihre biologische Beständigkeit gegen Durchwachsen, gegen Mikroorganismen und gegen Nagetiere sowie schließlich auf ihre chemische Beständigkeit gegen 15 nach Aggressivität ausgewählte Medien geprüft.

Derartige Folien werden von einem bedeutenden oberösterreichischen Kunststoffverarbeiter hergestellt, der seine Deponiefolien auch weltweit exportiert. Es ist abzusehen, daß auch die entsprechende Po-lyethylentype bald in Österreich erzeugt wird.

Mehr Kontrolle

Die längste Zeit konnte sich jeder, der wollte, als Entsorgungsunternehmen etablieren. Dies hat sich durch die Müll- und Abfallgesetzgebung der achtziger Jahre geändert. Heute bedarf es für diese Tätigkeit einer behördlichen Genehmigung.

Entsorgungsunternehmen sind berechtigt, Abfälle bestimmter Art zu übernehmen, wobei sich diese Berechtigung nach den Möglichkeiten des Unternehmens richtet. Sobald nun ein Industrieunternehmen nachweisen kann, daß es seine Sonderabfälle einem anerkannten Entsorger übergeben hat, ist es selbst gegenüber der Behörde gerechtfertigt..

Alles hängt somit an der Zuverlässigkeit der Entsorgungsunternehmen. Darüber wird sich nur schwer Allgemeines aussagen lassen. Anzumerken wäre aber einiges zur Kontrolle, der diese Schlüsselbetriebe, an denen die Zukunft unserer Umwelt hängt, unterworfen sind.

Und da liegt vieles im argen. Im ganzen Niederösterreichischen Industrieviertel sind beispielsweise nur drei Beamte für die Überwachung der Deponien eingesetzt — und das nicht einmal hauptamtlich! Vielmehr haben sie neben dieser Tätigkeit noch eine Reihe anderer Agenden.

Konkret bedeutet das aber, daß die zuständigen Beamten nicht einmal genügend Zeit haben, um jede Deponie auch nur einmal in 14 Tagen zu kontrollieren. Und das bei den vielen Versuchungen, denen diese Branche ausgesetzt ist!

Der zuständige Hofrat in der Landesregierung, Werner Kasper, ist sich dieses Mangels sehr wohl bewußt. Seiner Vorstellung nach wäre in jedem politischen Bezirk mindestens ein hauptamtlich für den Gewässerschutz zuständiger Beamter einzusetzen. Bei den derzeitigen budgetären Möglichkeiten sei dies jedoch eine reine Utopie.

Dabei ist folgendes zu bedenken: Niederösterreich schneidet bei einem Vergleich der Bundesländer keineswegs schlecht ab!

Vorsicht: Altlast!

Ein besonderes Problem stellen die Altlasten dar. Sie sind das Ergebnis der sorglosen Vorgangsweise bei der Abfallentsorgung in den letzten Jahrzehnten. Da wurden beispielsweise Fässer mit chemischen Abfällen in Schottergruben vergraben. Tatsächlich bestand ja bis 1983 (dem Jahr, in dem das Sonderabfallgesetz beschlossen wurde) ein weitgehend unkontrollierter Zustand.

Besonders tragisch ist dies im

Bereich der Mitterndorfer Senke im südlichen Bereich des Wiener Beckens. Dort fließt nämlich der größte Grundwasserstrom Europas, der für die Wasserversorgung von rund 400.000 Menschen im Burgenland und im Industrieviertel herangezogen wird.

In diesem Bereich lagern mindestens 600.000 Kubikmeter Müll und — was noch schlimmer ist — weitere 1.000 Tonnen toxischer Industrieabfälle. Sie sind bis zu einer Tiefe von 18 Metern vergraben und geraten damit in den Schwankungsbereich des Grundwasserspiegels.

Hier stehen die Behörden vor der dramatischen Alternative: Entweder Sanierung dieser Deponien oder Verzicht auf die Nutzung des Grundwassers in absehbarer Zeit infolge seiner Vergiftung. Woher aber das Wasser für so viele Menschen dann nehmen?

In jedem Fall wird es eines beachtlichen finanziellen Einsatzes bedürfen. Denn allein die Sanierung der Theresienfelder Deponie würde schätzungsweise zwischen 250 Millionen und einer Milliarde Schilling kosten. Je länger man sich mit der Sanierung Zeit läßt, umso weniger Erfolg wird sie haben. Denn die Lebensdauer des Fasses ist mit 15 bis 20 Jahren zu veranschlagen.

Giftverdünnung

Eine Variante, sich lästiger Gifte zu entledigen, ist die Methode der Verdünnung. Man mischt einen Kubikmeter Gift unter viele Kubikmeter harmlosen Abfall oder Erde. „Und wenn man all das in aller Ruhe auf eine Deponie führt, wer soll da jemals rechtzeitig draufkommen?“ fragt mich ein leidgeprüfter Beamter, der nicht genannt werden wollte.

Schwindel sei ein Teil des Metiers in dieser Branche. Es gäbe zwar recht gute Vorschriften, aber wie viele hielten sich nicht an diese!

Das gilt auch für die Vorschriften, die die Transporte von giftigen Stoffen betreffen. Sie müßten mit eigenen gelben Tafeln außen am Fahrzeug signalisiert werden, damit die Feuerwehr, im Falle eines Unfalles sofort die angemessenen Maßnahmen ergreifen kann.

„Unlängst ist ein Lastwagen umgekippt, und die Fässer sind herausgerollt. Obwohl das Fahrzeug nicht als Problemstofftransport gekennzeichnet war, enthielten die Fässer gefährliche Stoffe. Gott sei Dank haben sie damals gehalten. Meist wissen die Chauffeure gar nicht, was sie transportieren“, erzählt der Beamte weiter.

Zweifelhafte Praktiken gibt es auch bei der Deponierung: „Ein Jahr lang wurde ausgefilterte Asche aus der Steiermark unzulässigerweise auf eine Deponie für Hausmüll im Wiener Becken gebracht. Als die Sache aufflog, übersiedelten die Transporte zu einer anderen Hausmülldeponie. Als auch dies wieder aufkam, erfolgte ein neuerlicher Wechsel — wahrscheinlich in den Raum Altstetten.“

Der Müllhandel blüht

Groß in das internationale Müllgeschäft eingestiegen ist Großbritannien. Seine Müllimporte sind von 5000 Tonnen (1984) auf 53.000 Tonnen (1987) gestiegen. Beachtliche Mengen gefährlicher Stoffe wie PCB, Pestizide oder Lösungsmittel sind darunter. Derzeit verhandelt der Inselstaat ein Abkommen mit den USA. Dieses sieht die Übernahme von 2,75 Millionen Tonnen Hausmüll aus den USA vor.

Auch Frankreich betätigt sich als Müllimporteur. In beiden Ländern ist das Umweltbewußtsein noch weniger stark ausgeprägt als im deutschsprachigen Raum, und beide Länder verfügen über dünnbesiedelte Regionen, in denen kaum mit Widerständen der Bevölkerung zu rechnen ist.

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