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Der Abschied von CoUeoni

Er hatte die letzten fünf Wochen in seinem Zimmer verbracht und ging nun mit der gepackten Reisetasche an der Zimmerwirtin vorbei, die ihn mit Brot, Butter und Tee versorgt hatte, auf die Vorzimmertür zu, deren Messingklinke im Halbdunkel des frühen Abends wie ein Fisch im Aquarium glänzte, kehrte zurück, versuchte durch die dicken Brillengläser der Frau hindurchzusehen und im verschwommenen Blau der Augen den Schimmer irgendeines Ausdrucks zu erhaschen, murmelte etwas von Abschied und befand sich auf einmal auf der Straße. Autos rasten vorbei. Der Lärm erinnerte an drohende monotone Musik. Erdgeruch lag in der Luft. Im Licht der Neonröhren standen Menschengruppen an

den Straßenecken. Man starrte gelangweilt auf das Farbenspiel der Verkehrsampeln und setzte sich bei Grün hastig und mürrisch in Bewegung. In Bahnhofsnähe hockten in den offenen Türen der kleinen, nach Hammelfett und Knoblauch riechenden Wirtshäuser dunkelhaarige Männer. In großen, grell erleuchteten Schaufenstern glitzerte billige Ware. Der Zug war überheizt, am Fenster zogen Quadrate vorüber, kleinere und große, helle und dunkle: viereckige Fenster würfelförmiger Häuser, Fabriken, Betontürme, Lagerhallen, mit Wellblech überdachte Baracken, alles zweckmäßig, ökonomisch, funktionell. Er dachte: Geometrie.

Er war dem wohlmeinenden Rat seines Vaters gefolgt und studierte, wie es für den künftigen Leiter eines pharmazeutischen Unternehmens vernünftig war, Chemie, Physik und ein wenig Philosophie an der Universität in Deutschland, an der früher einmal auch sein Vater studiert hatte, aber seit einigen Monaten studierte er nicht mehr wirklich, sondern saß im Zimmer, blätterte hin und wieder in den einschlägigen Büchern und Heften, verbrachte aber den größten Teil des Tages mit Nichtstun, betrachtete, zum Beispiel, stundenlang seine Hände, die er bis dahin niemals bewußt angesehen hatte, starrte auf das lockere Gewebe der Gardinen, schloß die Augen und sah an der Innenseite

der Lider die dunklen Linien des Musters zuerst aus dem Nichts hervortreten und dann allmählich verblassen, wickelte seinen Taschenkamm in eine Papierserviette und versuchte mit Hilfe dieses Musikinstruments einen Trompeter oder einen Saxophonisten nachzuahmen, oder er beobachtete regungslos, wie sich aus den Fenstern das Tageslicht gegen Abend nach und nach zurückzog.

Er hatte keine Gewissensbisse wegen des endlosen Lümmelns; sein Gewissen war aus jenem Teil seines Wesens, der dem Alltag zugewandt war, in eine tiefere Schichte seines Bewußtseins geglitten wie ein Gegenstand, der im Wasser langsam versinkt - er betrachtete sich selbst wie mit den Augen eines Fremden, und glaubte, nicht nur sein Gesicht und seinen Körper, sondern auch das Wechselspiel seinerlwolkengleich dahinziehenden Gedanken und irgendwo tief darunter den sanften Sturz des Gewissens zu sehen: dieses schwere Etwas, das schwebend und schaukelnd ins Dämmerlicht tauchte und am schattigen Abgrund versank. Er dachte nicht nach. Etwas dachte in ihm.

Er hatte seinem Vater versprochen, Ostern daheim zu verbringen und also fuhr er, trotz allem, am vereinbarten Tag mit d&n vereinbarten Zug nach Hause, konnte vor der Ankunft den endlosen Denkvorgang, der wie ferne Musik war, unterbrechen, aussteigen, seinen Vater, der breitschultrig und braungebrannt auf dem Bahnsteig promenierte, erkennen, mit ihm ein paar Worte wechseln und dann in dem großen, von den Angestellten der Firma sorgfältig gepflegten Auto an der Seite des Mannes, der ihm nun nicht mehr unangenehm, sondern bloß fremd, aber als Fremder interessant war (wieeine Bühnenfigur oder im Zoo der Alligator) durch die Stadt fahren. Endlich war man angekommen.

Nach dem Abendessen, vom Wein oder vielleicht auch von der Freude über die Heimkehr des Sohnes ein wenig berauscht, redete sein Vater ununterbrochen. Neapel sehen und sterben, wer immer das gesagt hat, er hat Unsinn geredet, aber Venedig sehen und sterben, das laß ich mir noch gefallen, man muß ja nach dem Sehen nicht unbedingt sterben, es kann stattdes- sen auch ein Chianti sein oder ein heller Soave und nachher ein Spiel im Casino und so weiter - Sein Vater rauchte. Hinter dem Rauch lag das freundliche, kum- panenhaft lächelnde Gesicht eines Mannes, der seine Freizeit bergsteigend und schifahrend an der frischen Luft verbrachte. — Ich muß aber, versteh mich, mit dir nicht partout nach Venedig, du kennst ja Venedig genau, es ist zu Ostern voll von Touristen, es könnte dich, und mich auch noch, an deine liebe Mutter erinnern, aber anderseits ist Venedig so für zwei drei Tage ideal — Und da sein Vater nun endlich schwieg und sich höflich, zuvorkommend, verständnisvoll mit dem Weinglas zu schaffen machte, damit der Sohn die verschiedenen Möglichkeiten in Ruhe erwägen und dann die richtige Antwort finden könne, nickte er mit dem Kopf. Gut, also nach Venedig.

Als Kind war er zum ersten Mal in Venedig gewesen, und während er in seinem alten Zimmer in dem fremd gewordenen Bett lag und spürte, daß er zwar von der Reise körperlich erschöpft, aber doch nicht müde war, da der ununterbrochene Fluß der Gedanken sein Wesen mit einer seltsamen Leichtigkeit erfüllte, sah er seine Mutter vor sich, die längst einen anderen Mann geheiratet hatte und in einem anderen Land lebte, vor dem steinernen Sockel eines Monumentes stehen und emporblik-

ken auf die wuchtigen Umrisse eines aus Bronze gegossenen Reiters und dann mit gesenktem Kopf auf die steinernen Platten starren, die, von allerlei Unrat übersät, den länglichen Raum eines schmalen, menschenleeren Platzes bedeckten; dann fragte sie etwas, und sein Vater fand, wie so oft, eine ruhige und lange Antwort. Die Sätze waren längst vergessen, nur die eigentümliche Sprachmelodie war im Gedächtnis haften geblieben: Diese anfangs energisch aus der Tiefe der Brust emportönende und dann lebensfroh dahinströmende Männerstimme und vorher die Frauenstimme, schrill und erschrok- ken wie ein sehr leiser Aufschrei, und im Blick, der sich von den Pflastersteinen hob und dabei das Gesicht des Sohnes streifte, das grünliche Glitzern der Angst.

Das Bild war ihm seither nicht erschienen, und nun, da es wieder da war, weckte es andere bis dahin vergessene Bilder, die alle mit den vorläufig noch formlosen und unaussprechbaren Gedanken dieser letzten Wochen und Monate in irgendeiner Weise verbunden waren; er begriff es, fühlte sich leichter und schlief ein.

Venedig war trotz des kühlen Wetters in der Tat voll von Touristen. Wenn man auf den Himmel blickte, sah man dahinjagende dunkle Wolken, die die Sonne ab und zu bedeckten; das Licht war wie der Pulsschlag eines Kranken, in dem einen Augenblick stark und im nächsten so schwach, als wäre es auf einmal Abend geworden; ein unruhiger Wind ließ die Wellen hochschlagen, und die schwarzen Gondeln glitten mit dem Bug gegen das Wasser klatschend über den großen Kanal. Man wohnte zufriedenstellend, aß in guten Restaurants, fuhr auf den Lido hinaus und dann wieder zurück, besichtigte Kirchen, Mu

seen und Paläste, und befand sich am Sonntag - von der Menge erfaßt und durch das Tor gedrängt— im Dom, irgendwo im rechten Seitenschiff in der Nähe des Altars.

Er hatte seit seiner Ankunft, während der Reise und auch während des Aufenthaltes in Venedig meistens geschwiegen, ja oder nein gesagt, sich nach dem Programm der nächsten Stunden erkundigt oder nach dem Verkosten eines von seinem Vater vorsorglich ausgewählten Weines das Glas nochmals gehoben: Das schmeckt wirklich gut, ich gratuliere! Jetzt aber, am Rand der Menschenmenge, die wie eine flüsternde Masse aus Fleisch weiterdrängte, mit dem Blick auf den Altar, vor dem der Geistliche die Messe zelebrierte, blickte er seinem Vater ins Gesicht und fragte, ob er sich an jenen längst vergangenen Tag in Venedig erinnern könne, an den Vorfall vor dem Denkmal des bronzenen Reiters, und als ihn sein Vater wohlwollend verständnislos ansah, sagte er, daß er damals ein Kind gewesen wäre, sechs oder sieben Jahre alt, gewiß nicht älter, und das Denkmal wäre wahrscheinlich das Denkmal des Colleoni gewesen.

Ein Chor sang; die eintönige Melodie klang altertümlich, stieg aber von der monotonen Wiederholung ruhiger Sequenzen allmählich zu einer freudigen, fast triumphalen Fülle empor; das Kirchenlied feierte offenbar Christi Auferstehung. Er konnte nicht aufhören, sich selber und dem Fließen der Gedanken in seinem Bewußtsein zuzuschauen, und sah - oder begriff, aber es war, als sah er es mit den eigenen Augen —, wie sich die Dinge verknoteten und miteinander unauflösbar verbanden: die Unterbrechung des Studiums, das richtungslose Grübeln, die Heimkehr,

die Erinnerung an jenes klar aufblitzende Bild, und dieser Augenblick, der erfüllt war mit der Hoffnung auf Erlösung. Sein Vater hob die Augenbrauen, schien in Erinnerungen zu kramen und nickte.

Man fand den länglichen, mit Steinplatten gepflasterten Platz; er war fast so schmutzig und beinahe so menschenleer wie er damals gewesen war; nur der Sockel wirkte nun noch höher als er damals schon gewirkt hatte, und der bronzene Reiter hatte, vielleicht auch durch das beunruhigende Wechselspiel des Lichts an Bedeutung gewonnen: Pferd und Reiter waren wie aus einem einzigen gespannten Muskel geschaffen, wuchtig, bedrohlich, dazu da, alles zu besiegen. Man mußte die Geschichte des Söldnerführers Colleoni nicht kennen und dann das grünliche Glitzern des Entsetzens in den Augen jener jungen Frau nicht gesehen haben, um das eine zu begreifen: Man stand vor dem Denkmal eines Mörders.

Er sprach es aus, und sein Vater sagte, man könne sich auf solche Diskussionen nicht einlassen, damals wären eben andere Zeiten gewesen, das hätte er bereits damals, vor vielen Jahren, gesagt, aber manche Frauen neigten eben zur Hysterie, es ginge in diesem Fall allerdings nicht um Frauen, sondern um Männer, und solche Männer hätten Venedig groß gemacht, wenn man die Größe wolle, könne man über die Methoden, die solche Größe hervorbrachten, die Nase nicht rümpfen — Und dann fragte er: Übrigens, was ist daran zu lachen? Der Sohn lachte tatsächlich. Er hatte den Sinn des langen Denkens plötzlich begriffen und sah, als blickte er durch ein Fenster auf eine bisher unent- deckte Landschaft, sein Leben vor sich oder ein Stück seines Lebens, das sehr hell war und still und frei von der lächerlichen Versuchung, gegebenenfalls auch zu morden, und immer noch lachend sagte er zu seinem Vater: Und darauf trinken wir, komm, ich lade dich ein.

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